Dschungelcamp: Sadismus salonfähig?
Ein einfaches Konzept. Es baut auf Prominente, deren Karrieren längst hinter ihnen liegen, und ehemalige Castingshow-Teilnehmer, die eher geringe Erfolge nachweisen können. Elf solcher Prominenter begeben sich für rund zwei Wochen in den australischen Dschungel und leben dort unter ständiger Beobachtung von Fernsehkameras in einem Camp.
Von den Zuschauern per Telefonvoting ausgewählt, müssen sie sich Prüfungen stellen und dabei Sterne gewinnen, die die knappen Essensrationen für alle erhöhen. Wer die Sympathie des Publikums weckt und möglichst lange im Camp bleibt, kann am Ende zum Dschungelkönig oder zur Dschungelkönigin gewählt werden. Der Anreiz für die Kandidaten: 40 000 bis 135 000 Euro und viel PR.
Ein menschenverachtendes Konzept. Im Staffelauftakt am 16. Januar erklärt der anwesende Arzt Dr. Bob zu Beginn der ersten Prüfung: »Es wird einige Herausforderungen geben, bei denen ihr Dinge in den Mund nehmen müsst, aber nicht schlucken braucht. Es wird Stationen geben, bei denen Ihr Dinge in den Mund nehmt, die bereits tot sind – die schluckt ihr. Und dann gibt es Sachen, die leben noch und die schluckt ihr auch. Plus ein paar kleine Überraschungen.«
Anschließend mussten Ex-Topmodel-Kandidatin Sara Kulka und Ex-Bachelorette-Kandidat Aurelio Savina ein Getränk trinken, das aus pürierten Kakerlaken, Grillen, Mehlwürmern und Kotzfrucht bestand. Sara Kulka war schon blass und sah sichtlich angewidert aus, als Moderatorin Sonja Zietlow die Zutaten beschrieb. Damit nicht genug, Zietlow scherzt: »Kotzfrucht – wobei der Name etwas irreführend ist. Die Kotzfrucht schmeckt nämlich gar nicht nach…« – Pause – »…Frucht.« Die Moderatoren prusten.
Direkt nach dem Trunk hustet und würgt Sara Kulka kurz, Zietlow witzelt: »Ups, ein kleines Rülpserchen« – und weist die Kandidaten darauf hin, dass sie ihre Sterne nicht bekommen, wenn sie sich noch vor Ort übergeben – sie aber gerne eingeladen sind nach den weiteren Teilprüfungen »quer durch den Busch zu reiern«.
Höchster Akademiker-Anteil im gesamten RTL-Programm
Als das Dschungelcamp 2013 in der Kategorie Unterhaltung für den hoch angesehenen Grimme-Preis nominiert war, hagelte es Kritik. Noch nie war die Reaktion auf eine Nominierung so heftig gewesen. Institutsdirektor Uwe Kammann begründete die Wahl damals folgendermaßen: »Seit nunmehr acht Jahren nimmt eine große Anzahl von Menschen – um acht Millionen pendelnd – diese im australischen Dschungel inszenierte Show als Unterhaltung wahr.«
Das Dschungelcamp sei »nicht nur ein programmliches, sondern auch ein gesellschaftliches und ein individuelles Phänomen, bei einem sehr gemischten, zu einem Drittel akademisch gebildeten Publikum«. Der oft bissige Humor und die zynischen Kommentare der Moderatoren seien ganz bewusst Teil der Sendung, um auch Akademiker zu erreichen.
Zietlows Ehemann, der Autor Jens Oliver Haas, schreibt die Witze für das TV-Format und erklärte in einem Interview: »Wir dürfen den Schenkelklopfer machen, um das vermeintliche RTL-Publikum abzuholen. Wir dürfen aber auch den Intellektuellenwitz machen, um die oberen zehn Prozent abzuholen, um unsere hohe Akademikerquote zu erfüllen. Schließlich haben wir den höchsten Anteil an Akademikern im gesamten RTL-Programm.«
Die Sendung ist mit diesem Konzept zum Mainstream geworden. Auch namhafte Medien berichten nun tagtäglich über die neuen Lästereien, Flirts, peinlichen Geständnisse und Ekelprüfungen aus dem Camp. Der Zuschauer scheint das menschenverachtende Konzept nicht zu durchschauen oder sich zumindest nicht bewusst dagegen entscheiden zu wollen oder zu können. Aber wer von uns will eigentlich in einer Gesellschaft leben, in der es in Ordnung ist, sich über vermeintlich Schwächere lustig zu machen, sich an deren Leid zu ergötzen und sich dadurch unterhalten zu fühlen?
Sadismus statt Katharsis
In der griechischen Antike gab es ein anderes Konzept der Unterhaltung. Aristoteles hat als Ziel von Tragödien im Theater vorgesehen, Furcht und Mitleid beim Publikum hervorzurufen. Der Zuschauer sollte sich mit den Leiden des Helden identifizieren, ergriffen werden und dadurch seine Seele reinigen.
Im Gegensatz dazu wird im Dschungelcamp bewusst Distanz zwischen den teilnehmenden Ex-Promis und den Zuschauern geschaffen. Schon in der Vorstellungssequenz werden die Promis lächerlich dargestellt, als gefallene Stars mit Geltungsbedürfnis. Sie werden fortlaufend ironisiert, ihr Leiden wird durch zynische Kommentare noch provoziert. Der Zuschauer empfindet durch die geschaffene Distanz kein Mitleid mehr, sondern muss lachen.
Schade. Es gibt gut gemachte, preisgekrönte Spielfilme oder Reportagen, die gerade deshalb erfolgreich sind, weil sie durch Kreativität und Detailreichtum die Identifikation mit den Betroffenen fördern. Die Mitgefühl wecken, Verständnis. Auch das kann entscheidend für Medienmacher und Medienkonsumenten sein, nicht nur das Spiel mit Schadenfreude und Arroganz.
