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Du bleibst nicht immer, was du bist

Marco Maurer hat eine Abrechnung mit dem deutschen Bildungssystem geschrieben. Ist sozialer Aufstieg tatsächlich schwieriger geworden?
von Thomas Gesterkamp vom 03.06.2015
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Der erste Schultag, total aufregend: Aber die Schule wird schon dafür sorgen, dass nicht alle Bäume in den Himmel wachsen. Wer keine Akademiker-Eltern hat, startet auf jeden Fall mit einem Klotz am Bein. Das jedenfalls meint Marco Maurer, Autor des aktuellen Erfolgsbuchs "Du bleibst, was du bist". (Foto: pa/dpa/Frank Leonhardt)
Der erste Schultag, total aufregend: Aber die Schule wird schon dafür sorgen, dass nicht alle Bäume in den Himmel wachsen. Wer keine Akademiker-Eltern hat, startet auf jeden Fall mit einem Klotz am Bein. Das jedenfalls meint Marco Maurer, Autor des aktuellen Erfolgsbuchs "Du bleibst, was du bist". (Foto: pa/dpa/Frank Leonhardt)

Hundert, siebenundsiebzig, dreiundzwanzig: Diese Zahlen stehen für fehlende Bildungsgerechtigkeit in Deutschland. Von hundert Akademikerkindern besuchen siebenundsiebzig später eine Hochschule. Beim nichtakademischen Nachwuchs schaffen es nur dreiundzwanzig Prozent an die Universität.

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Die Chancen waren schon mal gleichmäßiger verteilt, in Ostdeutschland sowieso, aber auch im Westen, wo in den 1970er und 1980er Jahren hunderttausende »Arbeiterkinder« das Gymnasium absolvieren, studieren und sozial aufsteigen konnten. Bücher und andere Lehrmittel waren plötzlich kostenlos, die finanzielle Unterstützung durch das Bafög schuf einen zusätzlichen Ausgleich.

Doch Jahrzehnte später ist die einstige Bildungseuphorie verschwunden. Mehr denn je bestimme die familiäre Herkunft Qualifikationen und berufliche Biografien, behauptet Marco Maurer in seinem derzeit viel diskutierten Buch »Du bleibst, was du bist«.

Der Autor, Jahrgang 1980, wuchs selbst als Arbeiterkind auf – auch wenn er den Begriff nicht mag. Sein Vater ist Kaminkehrer, die Mutter Friseurin. Maurer schreibt inzwischen für die Leitmedien des liberalen Bürgertums. Absehbar war das nicht, sein Lehrer sprach am Elternsprechtag der sechsten Klasse eine klare Empfehlung aus: »Marco sollte auf der Hauptschule bleiben, die Realschule ist nichts für ihn.« Als die Mutter den Leistungsabfall ihres Sohnes mit Scheidung, Umzug und Schulwechsel zu erklären versuchte, setzte der Pädagoge noch einen drauf: »Das hat doch keinen Wert bei ihm, Frau Maurer.«

Der so Abgewertete kämpfte sich trotzdem durch, holte nach einer Lehre als Molkereifachmann auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, studierte und startete in seinen Traumberuf. Vor gut zwei Jahren machte Die Zeit seine persönlich unterfütterte Abrechnung mit dem deutschen Bildungssystem zum Aufmacher: »Ich Arbeiterkind.« Maurer erhielt Hunderte von zustimmenden Reaktionen in Leserbriefen. Die motivierten ihn, das Thema zu einem Buch über soziale Auslese und mangelnde Chancengleichheit auszubauen.

Für den Verfasser trifft die Diagnose »Du bleibst, was du bist« längst nicht mehr zu, und auch die These einer von Bildungsschranken geprägten Gesellschaft stößt auf Widerspruch. Christian Füller weist in seinem Blog pisaversteher.com darauf hin, dass inzwischen sechzig Prozent eines Jahrgangs studierten. Zentrales Thema, so der frühere Bildungsexperte der tageszeitung (taz), sei nicht mehr der blockierte Zugang, sondern die überfüllte Massenuniversität.

Ganz falsch liegt Maurer mit seiner skandalisierenden Bestandsaufnahme dennoch nicht. Wenn Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern Abitur machen, dann oft über Umwege. Deshalb sind sie an Fachhochschulen überdurchschnittlich vertreten, bei Promovierenden und Professoren dagegen unterrepräsentiert. Für den wichtigsten Mechanismus hält Maurer die frühe Selektion. Am Ende der Primarstufe, in den meisten Bundesländern schon nach der vierten Klasse, wechseln Arbeiter- und Migrantenkinder gerade im ländlichen Raum eher selten auf ein Gymnasium.

Maurer analysiert nicht nur psychologische und institutionelle Hindernisse. Er interessiert sich auch für jene, die es dennoch geschafft haben. So sprach er mit Außenminister Walter Steinmeier, mit Bahnchef Rüdiger Grube, mit dem Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir, mit Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger: erfolgreiche Politiker und Manager, die sich aus »einfachen Verhältnissen« hocharbeiteten. Er interviewte Neurologen; er reiste nach Finnland, wo in der neunjährigen Basisschule das gemeinsame Lernen für alle selbstverständlich ist. Er schildert versteckte Privilegien: Akademische Eltern assistieren ihren Kindern in Mathe oder Englisch, sonst gibt es kostspielige Nachhilfe, später folgen private Hochschulen mit Studiengebühren oder Auslandsaufenthalte. Die Differenzen beim finanziellen wie kulturellen Kapital wirken bis in die Phase des Berufseinstiegs nach. Unterstützungszahlungen der Eltern helfen über unbezahlte Praktika und prekäre Zeitverträge hinweg, hinzu kommt »Vitamin B«: Empfehlungen und professionelle Netzwerke der Herkunftsfamilie fördern die Karriere des Nachwuchses.

Besonders interessant in Maurers Darstellung sind jene Passagen, die den irritierten Blick von außen auf die deutschen Verhältnisse beschreiben: Franzosen, die sich wundern, dass die Bildungseinrichtungen Krippe und Kita in Deutschland nicht kostenlos sind; eine Schweizer Hirnforscherin, die Begabungsprognosen in der vierten Klasse für »hochgradig unseriös« hält; finnische Lehrerinnen, auf die das deutsche Bildungssystem antiquiert, ja geradezu feudalistisch wirkt.

Du bleibst, was du bist? Jedenfalls scheint manches Bildungssystem voller Beharrungskräfte zu sein. Der Einzelne allerdings kann selbst dann hoffen: Ich bleibe nicht immer, was ich bin.

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Personalaudioinformationstext:   Lesetipp: Marco Maurer, Du bleibst, was du bist. Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet. Droemer Verlag, München 2015. 382 Seiten, 18 Euro
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