Ein Glück, ein Schmerz, ein Geheimnis
Von Doris Weber
»Der Mensch geht durchs Leben, wie ein Reisender über die Meere fährt«, sagt ein chinesisches Sprichwort. Das Ich ist der Seemann auf den schwankenden Wellen des Lebens. Wer bin ich? Wie wurde ich zu dem Menschen, der ich bin? Was könnte ich sein? Das sind die Fragen, die wir in diesem EXTRA stellen. Eine Expedition in das Innere, zu unserem Ich und zu unserem Selbst.
»Ich komme aus einer Zeit, die dem Ich misstraute«, so berichtet eine Stimme in diesem EXTRA: »Der Wunsch, selber zu denken und Souverän seines eigenen Handelns zu sein, Zweifel und Eigenständigkeit, Autonomie und Unabhängigkeit standen unter Verdacht. Nicht die Sorge um das Ich war gefragt, sondern die Ichlosigkeit.«
Das »Ich« ist ein wichtiges Thema für die Deutschen
Heute leben wir einer anderen Welt. Das ICH ist ein beherrschendes Thema für die Deutschen, so die aktuelle Erhebung eines renommierten Instituts für Meinungsforschung. 90,2 Prozent der Frauen und 89,1 Prozent der Männer sind daran interessiert. Verständlich, denn die Beziehung des Einzelnen zu sich selbst ist grundlegend für (fast) alles im Leben, denn jede und jeder muss mit sich irgendwie zurechtkommen, niemand kann diesem Umgang ausweichen. Aber was ist das für eine Art von Beziehung?
Ich selbst – so lautet der Titel dieses EXTRAs, denn das Ich ist mit dem Selbst untrennbar verbunden. Aber: Was ist das Selbst? Was ist das Ich? Dazu erklärt uns der Philosoph: Das Selbst ist alles, was unweigerlich nicht Sache eines anderen ist. Das Selbst entwickelt eine Auffassung vom Leben und eine Sicht auf die Welt, die kein anderer vollständig teilt. Niemand sonst lebt dieses Leben als nur dieses Selbst. Und zur Erklärung des Ichs fügt der Psychotherapeut in diesem EXTRA ein schönes Bild hinzu: »Das Ich ist die Außenrinde unserer Persönlichkeit. Sie öffnet uns anderen Menschen gegenüber, schließt uns aber auch ab. Sie macht uns immun gegen Außeneinflüsse im Leben, macht uns aber auch berührbar und empfindsam. Das Ich entscheidet, wie weit wir die Türen unserer Seele öffnen oder schließen wollen.«
In diesem Sinne ist es gut zu sagen: Ich liebe mich. Ich bin mit mir selbst befreundet. Ich achte auf mich. Die Selbstliebe ist nicht zu verwechseln mit Selbstverliebtheit, dem ständigen Um-sich-selbst-Kreisen, wie es der »Ichling« in diesem EXTRA vorführt. Das Ich braucht ein Du. Von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber stammt der Satz: »Der Mensch wird erst am Du zum Ich.« Ob in der Philosophie, der Psychologie, der Soziologie oder der Pädagogik, bei allem Nachdenken über den Menschen zeigt Buber, dass das Menschsein in der Beziehung zum anderen seinen Urgrund findet.
Es gibt einen unzertörbaren Kern unseres Selbst
Der Prozess der Ich-Werdung ist eine Notwendigkeit, ein Glück, ein Schmerz und ein Geheimnis, davon erzählt dieses EXTRA. Dass gerade in Zeiten von Krisen und Entbehrungen das Ich wachsen kann und dass es einen Kern unseres Selbst gibt, der nicht durch äußere Einflüsse, nicht durch Krieg, Folter oder Flucht zerstört werden kann.
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