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Es ist wie nach einem Krieg

Die einen essen Zimtsterne, die anderen betteln um Brot. Nicht um Lebkuchen. Nicht um Plätzchen. Nicht um Stollen. Nur Brot. Wie viel so ein kleines Stück davon wert sein kann... Wissen wir das noch? Der Bericht eines Augenzeugen von den Philippinen, wenige Wochen nach dem verheerenden Taifun
von Franz Segbers vom 21.12.2013
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(Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)
(Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)

Stundenlang, wirklich stundenlang fahren wir durch zerstörte Städte, Dörfer, Reisfelder und Kokosbaum-Plantagen. Die Palmen sehen aus, als seien sie auf halber Höhe umgesägt worden. Sie ragen wie mahnende Spitzen in dem Himmel. Entlang der Straße ein Schild: »We have hunger, help us!« Kinder laufen uns entgegen und strecken ihre Hände aus. Auch sie rufen: »Wir haben Hunger!« Was wir sehen, ist kaum auszuhalten ...

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Ich bin mit einem Hilfstransporter der Iglesia Filipina Independiente, der Unabhängigen Philippinischen Kirche, ins Katastrophengebiet gefahren. Wir haben auf Mindanao über fünf Tonnen Reis gekauft. Der größte Teil des Geldes dafür kommt von Spendern aus der Altkatholischen Kirche.

Zunächst fahren wir zum Haus eines Pfarrers im Katastrophengebiet. Es ist aus Stein gebaut, so ist nur das Dach zerstört worden. Die Pfarrfrau war mit ihren drei Kindern unter den Tisch geflüchtet, als die Decke des Hauses zusammenbrach. Sie sagt, dass sie nun zum zweite Mal wiedergeboren sei. Das erste Mal sei gewesen, als ihr Mann, ein Menschenrechtsaktivist, überlebte, als auf ihn geschossen wurde. Ich denke daran, dass wir erst vorgestern bei der Totenfeier eines Bauern waren, der sich gegen einen multinationaler Konzern gewehrt hatte, der sein Land für eine Ölbaumplantage haben wollte. Der Bauer überlebte den Widerstand nicht. Er wurde ermordet.

In einem Dorf, in Marabut, zeigt uns ein anderer Pfarrer sein Pfarrhaus. Er konnte sich durch einen Sprung aus dem Fenster gerade noch retten, dann brach das Haus über ihm zusammen. Von der Kirche steht nur noch die Fassade. Die chinesische Regierung hat Zelte bereit gestellt; in einem davon lebt der Mann nun. Von den US-Truppen gab es Zelt- und Plastikplanen, aus denen ein Dach zurecht gemacht wurde, unter dem sich die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt. Der Pfarrer ist traumatisiert. Er sagt: »Doch ich bleibe hier. Ich muss die Menschen ermutigen, tapfer zu sein.«

Die ansonsten so freundlichen philippinischen Kinder lachen nicht mehr. Ein kleines Mädchen schaut mich mit Augen an, die ich nie mehr vergessen werde, so viel Trauer und Verzweiflung liegt darin. Wenig später sehe ich einen Jungen, der einen notdürftig zusammengeflickten Drachen an einer Schnur zum Himmel geschickt hat. Es ist wie ein Zeichen des Lebens inmitten des Todes. Denn die meisten Kinder spielen nicht mehr. Sie haben alles verloren. Was wird aus ihnen? Im Januar soll der Schulunterricht wieder beginnen. Doch es gibt keine Schulräume. Wo sollen sie hingehen? Bevor unser Hilfstransport startete, habe ich darauf bestanden, für die Kinder wenigstens ein paar Süßigkeiten mitzubringen. Der Menschen braucht Brot und Rosen...

Über fünf Millionen Menschen sind von den Verwüstungen betroffen. In Tacloban, einer Stadt mit einstmals über 220.000 Einwohnern, habe ich ein großes Schiff gesehen, das von der Wucht des Sturmes und der Wasserwelle auf eine Siedlung geschleudert wurde. Es begrub über achtzig Menschen unter sich. Noch immer liegt es in der zerstörten Siedlung.

Zahlreiche amerikanische Flaggen sind zu sehen. Bis die US Marines kamen, gab es keine Hilfe, von niemandem. Es gab nichts zu essen. Tagelang gar nichts. Da die Armen keine Vorräte haben, ist eine solche Situation eine Katastrophe. Manche Menschen, so berichtet uns ein Augenzeuge, seien vor Hunger regelrecht verrückt geworden; selbst die Marines hätten es deshalb nicht gewagt, in manche Dörfer zu gehen, in denen solche »Verrückten« sich aufhielten.

Wir fahren an einem geplünderten Supermarkt vorbei. Doch was heißt hier, in dieser unbeschreiblichen Not, schon Plünderung? Ich frage mich: Wo sind die philippinischen Soldaten? Warum bieten sie keine Hilfe an? Für meine philippinischen Freunde ist klar, warum: Die Militärs seien nicht für die Menschen da, sondern zur Verteidigung der Interessen der herrschenden Klasse.

Es ist wie nach einem Krieg. Doch vielleicht auch in einer tieferen Bedeutung. Was ist, wenn das, was wir hier zu sehen bekommen, die Folgen des Klimawandels sind? Und wenn der Klima-Katastrophe eine Folge unsere luxuriösen Lebensstils und unserer gnadenlosen Ausplünderung des Planeten ist? Dann Gnade uns Gott, wenn wir dieser Zeichen nicht lesen!

Wer in Tacloban war, der hat einen ökologischen Genozid gesehen, verursacht durch eine falsche, todbringende Wirtschaftsordnung. Der Papst hat Recht in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium: Diese Wirtschaft tötet. Das Schreiben ist wenige Tage nach der Katastrophe auf den Philippinen verfasst worden. Es ist wie ein Kommentar zu dem, was ich hier sehe.

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Personalaudioinformationstext:   Franz Segbers, Altkatholik und Professor für Sozialethik, hat zur Zeit eine Gastprofessur auf den Philippinen inne. Deshalb fühlte er sich unmittelbar nach dem Taifun mitverantwortlich dafür, zusammen mit anderen für Hilfe zu sorgen. Sein Bericht erreichte die Redaktion in diesen Tagen.
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