Family – I like
Zum Essen wird per WhatsApp-Nachricht gerufen. Die Termine werden per Google-Kalender up to date gehalten. In Familiengruppen auf WhatsApp werden die nächsten Präsenztermine vereinbart. Und die neuesten Erlebnisse werden »just in time« allen anderen per Facebook mitgeteilt.
Die moderne Familie von heute ist vernetzt. Oder besser gesagt: Sie lebt im Netz. 9.990.020 Personen haben die Gruppe »Familie« auf Facebook geliked. Während Sie diese Zeilen lesen, sind es wahrscheinlich schon wieder ein paar hundert mehr. »Soziale Medien« verändern die soziale Welt der Familie, Wie man sieht, ziemlich gründlich.
Twittern, skypen, followen und liken: Das alles ist mittlerweile ein »Must«. Die digitale Gesellschaft hat neue Regeln der Kommunikation und die heißen: »Du musst online sein, um Teil der Community sein zu können.« Wer offline ist, spürt das sofort. Er wird vergessen, übergangen oder erst gar nicht informiert.
Und so hat Sie Ihre Mutter möglicherweise heute per WhatsApp zum Muttertags-Menü eingeladen? Ich hoffe für Sie, dass Sie die Nachricht rechtzeitig gelesen haben. Schauen Sie besser gleich mal nach! Das Smartphone ist ein gängiges Kontrollinstrument. Moderne Mütter wissen das.
Das Smartphone ist aber auch das Medium enger Beziehungen – und damit das Medium einer Familie. Ständig, immer und überall kann man Fotos, Videos und Nachrichten verschicken. Selbst beim Bummeln in der Stadt muss man sich nicht auf die eigene Entscheidung verlassen, weil man ein Bild des potenziellen Geschenks für den Sohnemann erstmal in eine extra Gruppe »Geburtstag Manuel« einstellen kann, um sich seinen Geschwistern kurz ein Feedback abzuholen, ob das Geschenk auch das geeignete ist.
Gleichzeitig bleibt aber auch nichts unentdeckt. Wenn Kids zum Beispiel abends meinen, im Bett noch mit den Freunden schreiben oder gar telefonieren zu müssen, haben sie übersehen, dass Mama sehen kann, wann der Sprössling das letzte mal online war. Das führt oft zu unerwartetem Smartphone-Entzug: Für »Digital Natives« kommt das einem Hausarrest gleich. Denn auf die Idee, bei der Freundin, mit der man sich verabreden wollte, direkt vorbei zu gehen, kommt die digitale Generation nicht mehr.
Trotzdem hat das Social Web bei entsprechender Nutzung auch einen nicht zu unterschlagenden »demokratisierenden Effekt«: Während früher noch die Eltern den Essensplan für die Woche erstellten, wird heute in extra Gruppen diskutiert, wer, wann, was zum Essen möchte. Und ob man selber kocht oder vielleicht doch beim Chinesen, der Pizzeria oder dem Döner-Laden des Vertrauens bestellt.
Wenn aber dann zum vereinbarten Essenstermin der Ehemann noch schnell mit seinen Kumpels das Fußballspiel per WhatsApp-Gruppe diskutieren muss, die Tochter gerade noch total »busy« auf facebook ist und der Sohnemann kurz übers Handy noch ein mega cooles Video posten muss –, tja, dann nützt das vorher online Besprochene alles nichts. Das Essen wird kalt, weil in der halben Stunde, in der sich die Familie »face to face« gegenüber sitzen könnte, doch nur jeder ins Smartphone starrt.
Aber egal – man kann ja von der Couch aus, im Büro oder in der Badewanne alles in der familieninternen WhatsApp-Gruppe besprechen. Gott sei Dank gibt es soziale Netzwerke! Aber bitte: Seinen Sie heute trotzdem pünktlich bei Ihrer Mutter. Und in echt.
In den nächsten Wochen lesen Sie in der neuen Serie »Medien machen Menschen« auf www.publik-forum.de regelmäßig Blogs Erlanger Studierender.
