Fremd und frei – der Wald
Tief Luft holten, einatmen, diesen wunderbaren Duft genießen. Einmal im Jahr kommt der Wald zu uns nach Hause. Einmal im Jahr ist es ein Baum, ein Tannenbaum, der das Wohnzimmer zu einer kleinen privaten Kathedrale macht, dieser stachelige Nadelbaum, der je nach Region Christ- oder Weihnachtsbaum heißt, tiefgrün, widerborstig, in den Schatten seiner Zweige eine Krippe und ihre Heilsgeschichte bergend. Ein Botschafter des Waldes, ein Gruß in unsere ziemlich verkopfte christliche Glaubenswelt, die ohne heilige Haine und Götterbäume oder sonstige Naturfrömmigkeit auskommen muss.
Bäume haben heilige Orte markiert, längst bevor es Kirchtürme oder Minarette gab. Bevor Gott aus Büchern sprach, sprach er aus dem Dornbusch. Bäume, deren Wurzeln tiefer reichen, als Ackerbauern graben, und deren Äste höher wachsen, als Menschen sich strecken können, Bäume verbinden Himmel und Erde. Sie sind unsere Brüderschwestern im Wald. Von ihnen erzählen Menschen, die von sich sagen, sie beteten lieber im Wald als in der Kirche, sie seien Spazierbeter.
Der Wald ist ein Ort unser kollektiven Träume, in dem uns merkwürdige Gestalten begegnen: Wölfe und Bären, Riesen, Elfen, Zwerge. Der Wald ist in den Märchen oftmals ein Ort der Bewährung, der Veränderung, ein Ort der Wandlung. Er markiert in den großen literarischen Erzählungen die wilde, freie, natürliche Welt, die Gegenwelt zu Zwang, Kultur und ehernen Gesetzen.
Der Wald ist ein Raum, in dem Wunder geschehen können, Wunder der Heilung. Die Mitteleuropäer, die Deutschen zumal, haben dabei eine ganz besondere Beziehung zum Wald. Vielleicht lebt hier eine unbewusste Erinnerung weiter an uralte Zeiten, in denen das Land zwischen Ostsee und Mittelmeer vom wilden Wald bedeckt war, undurchdringlich, ungeheuer, fremd und geistervoll. Sie sind ideologisch missbraucht worden, der ach so germanische Wald, die angeblich deutsche Eiche. Aber es ist auch kein Zufall, dass der Aufschrei »unser Wald stirbt« von Deutschland aus Europa durchquerte und selbst die sonst so in ihre eigene Sprache verliebten Franzosen kein anderes Wort für die Umweltzerstörung des Waldes kennen als das deutsche – »le Waldsterben«.
Wenn der Wald stirbt, stirbt die Welt; die Urwälder sind die bedrohte Lunge dieser Erde. Und längst ist nicht klar, welche Bäume den Klimawandel, der uns ins Haus steht, überdauern werden. Umso wichtiger, von Wäldern zu lernen. An ihnen sehen wir den Kreislauf der Natur am besten, den Herbst, den Winter, den Frühling und den Sommer. Den Kreislauf des Lebens, von dem wir Menschen ein Teil sind.
