Homosexuell? Raus aus dem Versteck
Ein neues Jahr voller »Coming-outs« prominenter Homosexueller: Erst berichtete die neue Bundesumweltministerin Barbara Hendricks im Zeitungsinterview, die Feiertage habe sie mit ihrer Lebenspartnerin verbracht. Dann heiratete Nadine Müller, die Vize-Weltmeisterin im Diskuswerfen, ihre langjährige Freundin und machte ihre Familienplanung öffentlich. Schließlich outete sich noch der ehemalige Fußball-Profi Thomas Hitzlsperger als schwul. Ein Schritt, für den er überwiegend Lob und Anerkennung erntete.
So viel Glück hatte der Jurist und Publizist Karl Heinrich Ulrichs am 29. August 1867 noch nicht. In einer Rede vor dem Juristentag in München forderte er Straffreiheit für Homosexuelle. Die »Liebe zwischen Männern« sei bei einer kleinen Gruppe »von der Natur vorgegeben« und dürfe darum von der Gesellschaft nicht verfolgt werden. Ulrichs wusste, wovon er sprach; sein Bekenntnis zur eigenen Homosexualität hatte ihm bereits ein Berufsverbot eingebracht. Und auch auf dem Juristentag bekam ihm das Coming-out nicht gut: Seine Rede ging im Tumult unter, Ulrichs wurde von schreienden Kollegen aus dem Saal gejagt. 1880 wanderte er nach Italien aus; seit 1872 bedrohte der Paragraf 175 des neuen Strafgesetzbuches männliche Homosexuelle im Deutschen Reich mit Gefängnis.
Auf den ersten Blick scheint im gesellschaftlichen Umgang mit Schwulen und Lesben vieles besser geworden zu sein. Die von Ulrichs beklagten juristischen Missstände sind behoben, wenn es auch bis zur endgültigen Abschaffung des Paragrafen 175 immerhin bis 1993 dauerte. Seit 2001 gibt es zudem mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft für Schwule und Lesben die Möglichkeit, ihre Beziehungen eheähnlich abzusichern.
Die Trennung wiegt schwer
Muss man überhaupt, fragen da viele, um das Thema immer noch so viel Aufhebens machen? War das riesige mediale Echo auf das Coming-out eines ehemaligen Fußballprofis nicht heillos übertrieben? Und ist es wirklich notwendig, dass schulische Lehrpläne neuerdings – wie in Baden-Württemberg – als Lernziel auch die »Akzeptanz sexueller Vielfalt« umfassen sollen? Eine solche Sicht verkennt, wie komplex der Prozess ist, der »Coming-out« genannt wird. Das im Angelsächsischen gebräuchliche Bild beschreibt das Herauskommen aus einem Versteck und stammt ursprünglich aus der Psychologie. Gemeint ist zunächst das Eingeständnis des oder der Homosexuellen vor sich selbst, sexuelle Sehnsüchte zu haben, die von der gesellschaftlichen Regel abweichen.
Egal in welchem Lebensalter Homosexuelle ihr individuelles Coming-out erleben, es ist in jedem Fall eine Anstrengung. Die Gewissheit, mit seinen Liebes- und Beziehungswünschen auf markante Weise und lebenslang von den Liebes- und Beziehungswünschen der Umwelt abzuweichen, ist keineswegs leicht zu erlangen, schon gar nicht in der ohnehin so anstrengenden Phase der Pubertät.
Studien belegen, dass selbst Kinder und Jugendliche, die mit zwei gleichgeschlechtlich zusammenlebenden Eltern aufgewachsen sind, trotz des Vorbildes im Alltag ihr Coming-out zunächst als schmerzhaft empfinden. Schwerer als die positive Nähe zu den Eltern wiegt offenbar die Trennung von den scheinbar normal fühlenden gleichaltrigen Freunden.
Deswegen war und ist es für Aktivisten der Homosexuellenbewegung seit den Tagen von Karl Heinrich Ulrichs so wichtig, dass aus dem psychologischen Begriff des Coming-outs auch ein politischer wird: Sie wünschen, dass sich möglichst viele Schwule und Lesben öffentlich zu ihrer Sexualität und zu ihren Beziehungen bekennen, um jenen, die diesen Schritt noch nicht gewagt haben, ein größeres Spektrum an Lebens-, Beziehungs- und Familienbildern zu bieten. Um einen Vergleich zu wagen: So wie junge Mädchen spätestens seit dem ersten Amtseid von Angela Merkel 2005 wissen, dass Frauen in Deutschland im Prinzip alles werden können, auch Bundeskanzlerin, so zeigen Menschen wie Barbara Hendricks, Nadine Müller und Thomas Hitzlsperger, dass man auch als Schwuler oder Lesbe eine glückliche Beziehung haben kann, auch Familie – und dass man bei entsprechender Begabung sogar zum deutschen Fußballmeister taugt.
Die Gegner der Gleichstellung: Drei Gruppen und ihre Motive
In der öffentlichen Debatte über das schwule und lesbische Coming-out gibt es drei markante Gegenpositionen. Für die erste, vor allem konservativ-religiös geprägte Gruppe bleibt Homosexualität eine verachtenswerte Praxis, eine psychische Krankheit, die bei den Betroffenen entweder therapiert oder unterdrückt werden muss. Diese harte, intolerante Haltung ist allerdings auch in den beiden großen Volkskirchen nicht mehr mehrheitsfähig.
Eher wird die zweite Position vertreten: die Sorge, eine breite Debatte über Homosexualität und eine allzu positive Darstellung von Schwulen und Lesben in den Medien seien letztlich so etwas wie Werbung für diese Form der Sexualität. Junge Menschen kämen dadurch womöglich erst auf den Gedanken, selbst schwul oder lesbisch sein zu wollen. Oder wie es ein evangelischer Landesbischof vor einigen Jahren im Hintergrundgespräch vor Journalisten ausdrückte: »Unser Problem sind nicht die Homos. Unser Problem sind die Bisexuellen. Die dürfen wir nicht auf dumme Gedanken bringen.«
Aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Sorgen vollkommen unbegründet: Die Forschung geht davon aus, dass rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung homosexuell sind – und zwar unabhängig von kulturellen oder sozialen Einflüssen. Niemand wird lesbisch oder schwul, weil er davon mal gehört oder gelesen hat. Manche allerdings fühlen sich durch eine öffentliche Debatte und durch Vorbilder ermutigt, sich zu Neigungen zu bekennen, die sie ansonsten womöglich lebenslang unterdrückt und bekämpft hätten. Letztlich geht es also um die Frage, ob man diesen Menschen das Recht auf sexuelle Identität gewährt – oder verweigert.
Differenzierter argumentiert schließlich die dritte Gruppe, die davor warnt, durch immer neue Coming-outs ein Thema an die Öffentlichkeit zu zerren, das eigentlich dem Privaten vorbehalten sein sollte, nämlich die Sexualität. »Ich will gar nicht wissen, ob jemand schwul ist oder nicht«, heißt es in Online-Kommentaren. »Das ist doch Hitzlspergers Privatsache.«
Diese Haltung unterstellt, dass Fragen des Privatlebens und der Sexualität im Öffentlichen generell keine Rolle spielten. Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus: Ehe und Familie, die Partnerschaft, die Kinder – das Gespräch über Neuigkeiten im Privaten gehört zum selbstverständlichen, Gemeinschaft stiftenden Small Talk am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, im Sportverein, in der Kirchengemeinde. Wer fordert, der Homosexuelle möge sein Coming-out still für sich behalten, verlangt letztlich, er solle sich (sofern er kein heterosexuelles Privatleben erfinden mag) bitte aus dieser Alltagsgemeinschaft heraushalten. Just dies ist aber ein Ausschluss und eine Stigmatisierung, denn derlei Verschwiegenheit stillt ja keineswegs das Interesse der Kollegen oder Nachbarn. Es bereitet vielmehr das weite Feld der Spekulationen.
Eine Form der Heimkehr
Das Coming-out von Homosexuellen in der Öffentlichkeit ist darum tatsächlich ein entscheidender Schritt, um sich nachhaltig Akzeptanz zu verschaffen. Alle Erfahrung lehrt, dass nur so das Thema jene Alltäglichkeit erlangt, die es verdient. Man erinnere sich, wie schnell 2001 nach dem berühmten Satz von Klaus Wowereit – »Ich bin schwul, und das ist auch gut so« – aus dem sich offen schwul bekennenden Regierungschef wieder ein ganz gewöhnlicher Bürgermeister wurde, dessen Politik man je nach eigener Sicht gut oder schlecht finden konnte. Diese Art von Normalität wünscht sich nun auch Thomas Hitzlsperger: Rund 150 Jahre nach Karl Heinrich Ulrichs ist das Coming-out für ihn kein Grund mehr zum Auswandern, sondern eine Form der Heimkehr.
