Hungertrip mit Seelenkick
Das närrische Treiben muss endlich ein Ende haben – und zwar ganz radikal. Ist es nicht ein lang erwarteter Ruck, wenn auf die Fastnacht der Aschermittwoch, auf den Rausch die Ausnüchterung folgt? Nach der regellosen Ausgelassenheit kommt die strenge Fastenregel, ob mit Voll- oder nur mit Alkoholfasten, ob mit Saft- und Süßfasten oder einfach mit Reduktionsdiät zum längst fälligen Abspecken.
Nachdem der Konsumrausch den Zenit seiner Fadheit überschritten hat und das ständige Satt- und Vollsein einfach lästig wird, meldet sich in unseren Tagen ein »Fastenrausch« geradezu als neue Sucht. Einen besonderen Kick soll es dabei geben: Glücksgefühle nach drei Tagen Quälerei. Was in Mode kommt, das muss man schließlich mitmachen, und das gilt auch für die neue Fastenwelle. Inzwischen finden sich 412 000 Einträge bei Google unter dem Stichwort »Fasten«. 120 000 mehr als im Vorjahr. Die Katholische Kirche ist per SMS dabei: Prominente wie Norbert Blüm senden Fastenden »fast-food-news«.
Die Hungerkur hat Kult-Status
In Zeiten der notorischen Übergewichtigkeit – wo doch Schlankheit Kult-Charakter hat – bekommt die Hungerkur einen Kult-Status. Während die einen sich beim Bodybuilding kasteien, probieren es andere mit Abhungern, diesem Doping der Konsumgesellschaft – samt der Illusion, dass die Seele mehr kriegt, wenn der Leib sich quält. Die Probanden des Fastens berichten von einem Lusterlebnis der Seele, von Freiheit, vom Glücksgefühl der Entschlackung. Ich sehe etwas misstrauisch in leicht sauertöpfische Gesichter, die fest behaupten, es würde ihnen so gut gehen und sie hätten großartige Erlebnisse gehabt. Glücklich sehen sie mir nicht aus. Und welchen Hunger sie hatten, verleugnen sie. Andere fasten, bloß weil sie zum Genuss nicht fähig sind.
Und doch: Der Versuch, jenes eigentümliche Mangelgefühl mitten im Überfluss zu erfahren, ist so bedenkens- wie nachahmenswert. Wer nämlich eine Zeit auf Dinge verzichtet, die zum selbstverständlichen Lebensgenuss gehören, kann sich in einem freiwilligen Abstinenzverhalten klarwerden, wie abhängig er bereits ist – und wie unabhängig er wieder werden kann. So kann selbstauferlegtes »Darben« geradezu befreiend werden. Sagen wir: »Sieben Wochen ohne …« – Alkohol!
Sinn macht das allerdings nur, wo eine Zeit bewussten Verzichts auf äußere Genüsse als Zeit innerer Be-Sinnung genutzt, wo Glück im Maßhalten erlebt wird, wo man erkennt, was man alles nicht braucht, um glücklich zu sein. Wo man sich beim Fasten zugleich von dem ganzen Unrat freimacht, mit dem der eigene Seelengrund zugemüllt, mit dem der Geist tagtäglich vernebelt wird. So ein bewusster äußerlicher Akt kann zu einem tiefen Erlebnis von Freiheit führen, als Folge einer leiblich-geistigen Entschlackung. Das meint weit mehr als die modische Fastenwelle, mehr als Glücksrausch im Hungerdelirium.
Fasten heißt: Auf das Elend der anderen schauen
Im christlichen Sinne ist die Fastenzeit zugleich Passionszeit als Zeit der herausgehobenen Solidarisierung mit denen, die leiden: im inneren Mitgehen, im mystischen Einswerden mit dem, der für andere Leiden auf sich genommen hatte, der es satt hatte, das Leiden zu übersehen oder gar zuzufügen. Passionszeit ist die Zeit der Sym-Pathie im Ursprungssinne, also des Mitleidens. Der, der das Heil bringt, nimmt sich des Elends an: Er weint mit Weinenden, hungert mit den Hungernden und wird fröhlich mit den Fröhlichen.
Im christlichen Sinne sind Fastenzeiten immer Zeiten der Leidensmystik, also eines aktivierenden Mitbedenkens, des Innewerdens, des Leidens in der Welt – zusammen mit der Ausrichtung auf die Wende zum Leben: Auf die Passion folgt Ostern, auf den Advent folgt Weihnachten, auf die Zeit des Verzichts folgt die Zeit der Fülle. Nur wer zuzeiten verzichten kann, kann sich zur gegebenen Zeit von Herzen freuen. Wer immer alles hat, kommt vom Überfluss in den Überdruss. Oder er lässt sich neidvoll faszinieren vom noch viel größeren Überfluss anderer. Statt sich bewusst zu werden, wie reich er aus sich selbst und in sich selbst ist, aus welchen Quellen ein befriedigender Reichtum kommt – und wie armselig Reichsein machen kann.
Die Lesung zum ersten Fastensonntag »Invokavit« erzählt vom Zimmermannssohn aus Nazareth, der vierzig Tage und Nächte in der Wüste ausharrt, der hart fastet, darin den Versuchungen der Macht, des Reichtums und der ewigen Unversehrtheit zu widerstehen weiß. Äußerlich reiches Dasein verwechselt er – selbst mitten im Mangel – nicht mit erfülltem Menschsein. Er unterwirft sich nicht, bleibt frei.
»Reiß jedes Joch weg!«
»Führe uns nicht in Versuchung« wird hier zur wichtigsten Bitte des Vaterunsers, verbunden mit der Bitte um »das tägliche Brot« für jeden Tag und für jeden. Fasten erfüllt nur dort seinen Sinn, wo es keine religiöse oder quasi-religiöse Verzichtsleistung mit egomanem Glücksgefühl ist, sondern praktische Solidarität mit den Armen. »Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet?«, fragt Gott, der Herr, beim Propheten Jesaja und erklärt: »Das ist ein Fasten, an dem ich, Gott, der Herr, Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!« Solches Fasten – als sozialpolitische Aktion und Konzeption – bräuchte unsere jammer-reiche Welt-Gesellschaft, bräuchte jeder Einzelne: Ein freiwilliges Abgeben dessen, was man selber nicht braucht, was aber andere bräuchten, um überhaupt zu leben. Inneres Loslassenkönnen zielt auf äußeres Abgeben. Fasten meint jedenfalls weit mehr als jenen zeitweiligen »Abhungertrip mit Seelenkick« einer Ich-AG.
Martin Luther hielt 1539 in Wittenberg eine Predigt über das Maßhalten: »Es ist keinesfalls verboten, was zur Ehre sowie zur Lust und Freude gereicht. Der Apostel Petrus will keine sauer dreinsehenden Heiligen mit Heuchelei und Schein eines asketischen Lebens haben. Gott hat nichts dagegen, dass du dich nach deinen Möglichkeiten kleidest, schmückst und vergnügst. Allein, es muss bei einem bestimmten Maß bleiben. Essen, Trinken, Kleiden sind uns ja weder zur Notdurft noch zur Ehre und Freude verboten worden. Nur: dass wir dabei nicht unflätig und Schweine werden und so die Vernunft schändlich begraben.«

Fasten