»Ich koche, weil ich liebe«
Frau Wiener, wir sitzen hier im »Speisezimmer« in Berlin-Mitte unter Kristallleuchtern. Schönes Restaurant!
Sarah Wiener: Ja, nicht? (lacht)
Es ist Ihr erstes Restaurant, inzwischen gibt es mehrere. Wie hat das angefangen?
Wiener: Ich hatte die Idee, hier einen Mittagstisch zu machen: Einen großen Tisch, wo es nur zwei Menüs gibt und wo man einen Weißwein, einen Espresso kriegen kann. Doch das ging gar nicht mit dem Tisch, der hatte viel zu wenig Plätze. Und es ging nicht mit den zwei Menüs. Ich hatte einfach zu romantische Vorstellungen.
Der Kontrast mit diesen Leuchtern und den Backsteinwänden ist trotzdem geblieben. Was bedeutet Ihnen diese Einheit von Architektur und gutem Essen?
Wiener: Es ist für mich das größte Glück, ein Restaurant zu haben, von dem man denkt, da würde man selbst gerne essen. Im Idealfall. Und ich glaube, ich habe die Restaurants nur gemacht, damit ich nach meiner Arbeit hier was Gutes zu essen kriege, mit Freunden sitzen kann. Das ist mein öffentliches Wohnzimmer.
Nun sind Sie nicht nur im Restaurant, sondern gehen gelegentlich auch zur Demo. Wie neulich zur Bauerndemo in Berlin »Wir haben es satt«. Warum?
Wiener: Ich habe sogar meinen Urlaub um diese Demo herumgebaut. Weil ich es enorm wichtig finde, dass der Mensch von der Straße zeigt, dass er mit dem Ernährungssystem und der Agrarindustrie nicht einverstanden ist. Viele verkennen ja, dass wir alle von dem Boden, auf dem unsere Füße stehen, leben. Dass er uns nährt.
Was gefällt Ihnen an der Politik nicht?
Wiener: Ha, ha, das wird eine lange Liste, wenn ich sage, was mir daran nicht gefällt.
Wie würden Sie es sagen?
Wiener: Es geht um die tiefe Erschütterung, wie weit wir in den letzten fünfzig Jahren vom rechten Weg abgekommen sind. Und zwar im Sinn von funktionierenden ökologischen Kreisläufen, von denen wir selbst ja nur ein Teil sind, aber meinen, wir seien die Herrscher. Das kann schon per se nicht gutgehen. Ich bin nicht einverstanden damit, dass Tiere gequält werden, um noch mal einen Cent rauszupressen: Wir erschaffen Leben, das mit Leben nichts mehr zu tun hat. Wir optimieren Lebewesen, degradieren sie zu einem x-beliebigen Produkt, das auf Ertrag, Haltbarkeit oder Farbe gezüchtet und dann verarbeitet wird.
Was können Sie persönlich dagegen tun?
Wiener: Wir bieten keine Lebensmittel an, die Fertigprodukte sind. Wir haben eine kleine Hühnerzucht, einen Acker mit vergessenen Gemüsesorten. So scharfe Radieschen habe ich seit 30 Jahren nicht mehr gegessen! Das haben sie alles weggezüchtet, tot gemacht. Wir leisten uns diesen Luxus, solche Gemüse anzubauen. Die sind viel mühsamer zu putzen, weil sie eine andere Größe haben und Seitentriebe.
Woher kommt diese Achtung vor dem Leben?
Wiener: Ich war als kleines Kind eine Zeit lang auf einem Bauernhof, vielleicht hat mich das so geprägt. Ich wollte Gärtnerin werden oder Schauspielerin.
Sind Sie christlich erzogen worden?
Wiener: Ich komme aus einer schwer atheistischen Familie. Einer Künstlerfamilie. Über Religion wurde nicht mal geredet. Ich komme auch aus einer Scheidungsfamilie. Doch für den Stall, aus dem ich komme, bin ich erstaunlich christlich-abendländisch.
Glauben Sie, dass es einen Gott gibt?
Wiener: Ehrlich gesagt, nein. Ich habe kein Gottesbild. Aber ich glaube schon, dass es viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir uns vorstellen können. Da sehe ich aber nicht einen strafenden, eingreifenden Gott, sondern eine Art Energie und ein Wissen, die uns nicht zugänglich sind.
Wo sind die tiefen Wurzeln dafür, dass Sie gern kochen?
Wiener: Für mich kam das aus dem Dunklen, aus dem Nebulösen. Weil ich nichts anderes machen wollte. Mit 14 war ich in meinem ersten Kochkurs. Ich war damals schon mäkelig, habe schon als Siebenjährige keine zuckerhaltige Limonade getrunken. Weil ich gedacht habe, Coca-Cola manipuliert mich. Als Sozialhilfeempfängerin habe ich später ab und an Tütensuppen gegessen, aus Verzweiflung, aus Überforderung, wegen der Knete, aber auch in einer Art Selbsthass. Mit Genuss hatte das rein gar nichts zu tun.
Kam der Wunsch zu kochen aus dem Drang nach Freiheit, nach Unabhängigkeit?
Wiener: Ja, ich denke schon. Das war vielleicht das Bedürfnis, von niemandem mehr instrumentalisiert, kontrolliert und überwacht zu werden.
Sie haben getan, was Sie tun wollten. Gibt es nun neue Fesseln?
Wiener: Die gibt es immer. Das Gute ist, und da bin ich wohl keine Ausnahme, dass ich mich in meinem Denken und meinem Sein jugendlich fühle, ganz anders, als wenn ich in den Spiegel schaue. Sodass ich das Gefühl habe, das ganze Leben liegt noch vor mir. Und alles, was ich heute mache, ist nur Teil des Weges, der gegangen werden muss. Also, ich bin noch lang nicht angekommen, insofern gibt es noch keinen Kassensturz.
Irgendwie Sind Sie ja doch angekommen bei den Speisen, beim Kochen …
Wiener: Wer weiß?
Was macht das mit Ihnen?
Wiener: Ich glaube, ich habe intuitiv verstanden, dass Kochen für mich etwas transportiert, bei dem ich immer ein großes Manko gehabt habe. Kochen ist eine nonverbale Art, Liebe zu transportieren, Zuneigung, den anderen zu nähren. Ich koche, weil ich liebe. Kochen ist etwas eher Mütterliches, was sehr emotional ist, sehr direkt. Schließlich ist Nahrung, die du dir da oben hineinsteckst, das, was du bist. Obwohl ich eine große Empathie empfinde zu den Menschen, habe ich auf der anderen Seite auch eine große Wut und Misstrauen in mir. Durch die Einfachheit des Kochens bleibt das Positive. Kochen als Handwerk ist zudem etwas Kreatives. Wenn man jemandem etwas Gutes tut, dann strahlt das zurück. Vorausgesetzt, man tut das mit Achtsamkeit.
Achtsamkeit, haben Sie gesagt.
Wiener: Wir leben in einer Zeit, in der niemand mit nichts mehr achtsam ist. Achtsamkeit, das klingt so altmodisch, nach etwas, was viele nicht mehr verstehen und deswegen auch nicht mehr wollen. Ich glaube, dass Achtsamkeit ein Schlüssel zu beglückenden Erfahrungen ist. Dass man nur, wenn man Achtsamkeit besitzt, herausfinden wird, wer man ist, wo man steht.
Sie stehen oft im Scheinwerferlicht. Wie geht es Ihnen damit?
Wiener: Die Öffentlichkeit verändert einen. Du musst da schon sehr genau wissen, wer du bist. Ich behaupte mal, die allermeisten Menschen wissen das nicht. Ich weiß es auch noch nicht. Schlimm ist, wenn man diesen Kampf, das herausfinden zu wollen, aufgibt. Weil es bequemer ist, das angeblich positive Image anzunehmen, das etwa durch Öffentlichkeit hergestellt wird, dieses Prinzessinnen-Dasein. Wenn Sie berühmt sind, sind die Leute meist einfach netter zu Ihnen. Und durch diese Aufmerksamkeit verändern Sie sich auch wieder. Sie werden fröhlicher, aber auch selbstsicherer und glauben auf einmal, dass Sie eine größere Bedeutung haben als der Straßenkehrer neben Ihnen. Das ist sehr gefährlich, weil Menschen Ruhm mit Leistung verwechseln. Meine Mutter hat immer gesagt, Massenmörder sind auch berühmt.
Warum setzen Sie sich dem aus, wenn Sie das alles so kritisch sehen?
Wiener: Weil ich ein starkes Mittelpunktstreben habe. Auch so ein Fehler in der Matrix. Also, keiner zwingt dich ja! Das ist das eine. Das andere: Wenn du so viel Glück hast wie ich und machen darfst, was du willst, ist das ein großes Geschenk. Es gibt kaum einen Schauspieler, der seine Rolle selbst aussuchen darf.
Menschen haben schon ein Gespür dafür, ob etwas echt ist oder nicht.
Wiener:Das Entscheidende ist, dass ich denke, dass es sinnvoll und wichtig ist, meine Stimme öffentlich zu erheben. Ernährungspolitisch etwa. Es gibt genug, die ihre Stimme erheben, aber nicht mit dieser Färbung aus der Gastronomie, als TV-Köchin, die fragt, was der richtige Weg für uns wäre.
Dabei ist die Medienwelt doch Teil unseres Konsumstrebens.
Wiener: Ich kämpfe da auch mit mir. Ich verfalle auch dem Konsum, obwohl ich ihn anprangere. Wir sind umgeben von einem System, das darauf beruht, dass wir noch billigere, noch kurzlebigere Dinge haben wollen. Dass sich Leute ohne Not gesund aufschneiden lassen, um sich einem medial vorgegebenen Schönheitsideal unterzuordnen, das ist für mich pervers – und trotzdem ist es für mich als Frau in der Öffentlichkeit schwer, dem zu widerstehen. Wie viel Selbstwertgefühl haben wir, dass wir nicht in Würde und Stolz altern können? Was ist überhaupt mit uns los, wenn wir keine anderen Themen in der Birne haben? Das ist aber in Kreisen, wo alles Glamour ist, ein Thema, von dem ich nicht frei bin. Auch ich gehe nicht mit meinen Winterstiefeln über den roten Teppich, obwohl es zehn Grad minus ist und mir die Haxen wehtun. Ich zieh Stöckelschuhe an, will die Schönste sein.
Aber das ist ja nicht der Sinn des Lebens, oder?
Wiener: Für mich ist der Sinn des Lebens, jemand anderem etwas zu geben. Das ist Erfüllung. Und wir alle wissen das ja. Trotzdem haben wir so viele Mühe, weil wir immer denken, wir geben was her, was wir dann nicht mehr haben. Statt dass wir Vertrauen darauf haben, dass wir alles, was wir geben, doppelt und dreifach zurückkriegen. Das ist etwas, was in der Tat christlich klingt. Vielleicht ist es das ja auch.
Und hier Sarah Wieners Rezept zum Osterfest »Lamm im Brot-Mantel«:
Zutaten für zwei Personen:
300 g Lammrücken, Salz, Pfeffer, 6 EL Portwein (75 ml);1 Lorbeerblatt; 1 Gewürznelke; 1 Prise Zucker; 1 Knoblauchzehe; 1 großes Bund Thymian; 100 g frischer Spinat; 100 g Sahne; Majoran; 2 Scheiben Sandwichtoast; 100 g Butterschmalz
1.
Lammrücken in 3 gleich große Portionen schneiden, rundherum salzen und pfeffern. Portwein, Lorbeerblatt, Nelke und Zucker in einem kleinen Topf auf 1/3 der ursprünglichen Menge einkochen.
2.
Knoblauchzehe abziehen. 4 Thymianzweige beiseitelegen, vom restlichen Thymian die Blättchen abzupfen.
3.
Eines der Lammfleischstücke mit der Hälfte des Blattspinats, den Thymianblättchen, Knoblauch, Sahne, Salz, Pfeffer, etwas Majoran und dem abgeseihten Portwein im Mixer zu einer glatten Farce verarbeiten.
4.
Toastscheiben entrinden und mit dem Nudelholz zu 4 mm dicken Scheiben ausrollen. Etwa 4 mm dick mit der Lammfarce bestreichen. Mit den restlichen Spinatblättern dünn belegen und je eines der Lammfleischstücke in jeder Toastscheibe einrollen.
5.
Butterschmalz und beiseite gelegte Thymianzweige in einer Pfanne bei mittlerer Hitze erhitzen. Die Rollen auf beiden Seiten etwa 4 Min. goldbraun anbraten. Aus der Pfanne nehmen und auf einem Blech im Backofen bei 160°C (Umluft) etwa 5 Min. garen. Danach 2 Min. zugedeckt ruhen lassen und servieren.
