Ihr Kinderlein, kommet
Am Sandkasten ist gar nichts gut. Auf Kinderspielplätzen und in Elterncafés schwirrt ein Satz herum, der schlimmer ist, als er erst mal klingt. Er beginnt mit: »Also da frag ich mich schon, warum man Kinder bekommt, wenn man …« Wie der Satz weitergeht, ist variabel: »… sie so früh in die Krippe abgibt«, »… erst um halb fünf aus dem Kindergarten holt«, »… nicht mal eigene Zimmer bieten kann«, »… noch als Rentner auf Abibällen herumhängen muss«.
Gespielt wird das Spiel »Gute Eltern/Böse Eltern«, wobei die Bösen idealerweise jene sind, die gerade nicht dabeisitzen, die aber alle Mitlästernden kennen. Das Recht auf Vermehrung muss demnach mühsam erworben und kann leicht verwirkt werden: durch zu viel oder zu wenig Erwerbsarbeit, zu hohes oder zu niedriges Alter, durch zu wenig Freude am Laterne-Basteln oder zu viel am Motorradfahren. Die Botschaft: Besser, eure Kinder wären nie geboren worden als mit euch als Eltern!
»Warum bekommt man ein Kind, wenn …« ist der Satz einer Gesellschaft, in der Kinder keine Selbstverständlichkeit mehr sind. In der die Unsicherheit so groß ist, dass Lebensmodelle, die ein paar Millimeter vom eigenen abweichen, eine Bedrohung sind. Es ist ein grenzüberschreitender, ein ganz gemeiner Satz.
Es ist auch nicht gerade hilfreich – für Frauen wie für Männer – , das eigene Leben so hart und erbarmungslos kommentiert zu wissen wie die Fernsehübertragung eines Fußball-Duells zweier Mannschaften aus der eher hinteren Tabellenregion. Denn genau das passiert, sobald man sich in ein Elternteil verwandelt.
Ich habe zwei Kinder und kenne mittlerweile viele ebenfalls kinderhabende Paare. Alle machen das auf ihre Art. Da sind Herr und Frau S., beide arbeiten Vollzeit in der Medienbranche, ein Au-pair holt Jannis und Lotta aus Krabbelstube und Hort.
Da sind Herr und Frau R., die bei jedem ihrer vier Kinder trotz großer Gehaltseinbußen zu zweit je zwölf Monate Elternzeit genommen haben und dafür zu sechst auf 72 Quadratmetern in einer Umlandgemeinde wohnen.
Da sind Frau M. und Frau H., die sich ihren Kinderwunsch dank der Samenspende eines Freundes erfüllt haben.
Warum nicht ein bisschen Solidarität?
Wo Kinder geboren werden, ist Hoffnung. Manchmal wider jede Vernunft. Menschen zeugen weitere Menschen in Bombennächten und Flüchtlingszelten. Sie kombinieren ihre DNA und setzen kleine Personen in die Welt, obwohl sie Hallodris, Workaholics, chronisch pleite, verschusselt oder viel zu spießig sind. Gott sei Dank. Wie viele wunderbare Leute wären nie geboren worden, hätten ihre Eltern aufgrund von zu vielen Macken, Unwägbarkeiten oder dummen Bemerkungen vom Gene-Weitergeben lieber abgesehen? Meine Freundin Jule zum Beispiel verdankt ihre Existenz unter anderem Ururgroßeltern, die die Erde mit nicht weniger als elf Nachkommen bevölkerten (schon damals ein Wahnsinn), denen sie tagsüber wahrscheinlich weder allzu oft persönlich begegneten (weitläufiger Bauernhof) noch finanziell irgendwas bieten konnten (Früh-Japanisch).
Warum nicht ein bisschen Solidarität? Mit dem Studentenpärchen ohne Geld und mit Einzimmerwohnung, mit dem beruflich eingespannten Paar, mit dem Paar, das sich dann doch irgendwann trennt, mit allen, die optimistisch und unperfekt das Abenteuer Familie wagen.
Liebe Kinder, schön, dass ihr da seid. Alle, auch die mit den komischen Eltern. Zum Beispiel solchen, die manchmal Kolumnen schreiben, statt ins Schwimmbad zu gehen.
