Kaum zu glauben
Eine Gruppe von Müttern saß in einer Ecke des Spielplatzes auf dem Boden, wo sie Decken ausgebreitet hatten. Bekleidet waren sie mit langen, farbenfrohen Gewändern. Eine, sie trug ein Kopftuch, nahm einen Gebetsteppich zur Hand, drehte sich in Richtung Südosten und fing an, sich zu verneigen. Die anderen setzten ihre Gespräche ungezwungen fort. Auch andere Eltern, die mit ihren Kindern auf den Spielplatz gekommen waren, nahmen von ihr kaum Notiz.
Es ist nichts Besonderes, in Frankfurt öffentlich zu Allah zu beten. In der Großstadt leben Gläubige vieler Religionen. Jeder betet anders. Und jeder geht davon aus, dass »sein« Gott der richtige ist. Natürlich würde das niemand dem anderen so sagen. Aber weil »glauben« bedeutet, dass unsere Identität berührt wird, fühlen sich Menschen ernsthaft verletzt, wenn ihre Glaubensvorstellungen in Frage gestellt werden. Manche können darüber sogar rasend wütend werden.
Woran wir glauben, das halten wir für richtig. Manchmal ist es dennoch falsch. Wenn Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengen in der Annahme, damit etwas religiös Richtiges zu tun und den verdienten Lohn im Paradies zu bekommen, möchte man ihnen zuvor zurufen: »Du tust etwas ganz Schreckliches! Nicht Krieg, sondern Frieden bringt dich ins Paradies!« Aber wer kann das mit letzter Sicherheit sagen? Gott äußert sich nicht dazu.
Dass die christliche Kirche geirrt hat, steht heute außer Frage. Martin Luther hätte seinen Protest vermutlich nicht überlebt, wenn er sich dem Bann, der gegen ihn verhängt wurde, nicht durch Flucht entzogen hätte und wenn nicht so viele Menschen bereit gewesen wären zu sagen: »Der Glaube, den unsere Kirche predigt, kann nicht mehr der richtige sein.« Als sie begannen, an der Kirche zu zweifeln – von der sie immer gedacht hatten, sie sei der höchste Sachwalter der Wahrheit – begann etwas Neues. Dieses Neue wirft bis heute die Frage auf: Wer weiß, ob das, was wir glauben, die Wahrheit ist?
Luther erklärte die Bibel zur letzten Autorität, weil er den christlichen Taktgebern seiner Zeit nicht mehr trauen konnte. Doch auch die Bibel wurde von Menschen mit bestimmten Interessen geschrieben. Und dass darin viel Zeitgeschichte steckt, haben die Exegeten bewiesen.
Was ist Wahrheit im Glauben? Alle Religionsgründer verlangten Nachfolge von ihren Anhängern. Man könnte dieses Verlangen auch mit der Sehnsucht übersetzen, Gott-gehorsame Jüngerinnen und Jünger zu finden. Von Jesus sind die Worte überliefert: »Folge mir nach!« Und: »Wenn Ihr den Glauben nicht annehmt wie ein Kind, kommt Ihr nicht in den Himmel.«
Er meinte das sicher nicht als Drohung, sondern als Erklärung, was Glauben aus seiner Sicht eigentlich war – und ist: ein Sich-Öffnen. Die Bereitschaft, das Herz frei zu machen für eine neue Botschaft, für ein neues Leben. Ohne Rückhalt, ohne Absicherung. Gläubige Menschen zeigen sich verletzlich. Sie schotten sich nicht ab. Sie zeigen, dass sie erlösungsbedürftig sind und nicht immer alles im Griff haben. Dass sie auch als Erwachsene weiterhin ein bisschen sind wie Kinder.
Jesus musste erklären, was er meinte. Denn man kann Glauben auch anders verstehen. Man kann ihn verwenden, um sich gegenüber anderen abzugrenzen, um sich ein Stück der vermeintlichen Macht Gottes anzueignen und einzusetzen, um seine eigene Identität zu festigen. Das ist der Glaube, der im Zweifel auch Panzer segnet, für den Sieg der eigenen Sache betet und sogar mit dem Schwert dafür kämpft. Jede Religion ist anfällig für diese Art von Glauben.
In Rom ist in diesem Jahr einer zum Papst gewählt worden, der nicht viel von solchen Wagenburg-Mentalitäten hält. Franziskus öffnet die Burg. Er scheint keine Angst zu haben, dass die ein oder andere Lehr-Wahrheit ins Wanken geraten könnte. Ihm ist ein offenes Herz wichtiger. Was für eine Befreiung! Diesmal kann es sogar im Vatikan wahrhaftig Weihnachten werden.
Doch diese offene Art des Glaubens ist schwierig weiterzugeben. Ein solcher Glaube kann eigentlich nur vorgelebt werden. Er ist gewaltfrei und setzt eine Auseinandersetzung mit sich selbst voraus. Er ist spirituell. Und er ist der Kern aller Religionen. Man könnte auch sagen: Er ist ihre Schnittmenge.
Der offene Glaube ist tolerant. Er lässt den Gedanken zu, dass auch andere Menschen recht haben könnten, auch in anderen Religionen die Wahrheit zu finden ist. Der offene Glaube rechnet mit der Möglichkeit, dass nicht alles richtig sein könnte, was die Kirchen lehren. Oder dass nicht alles stimmen muss, was der Imam sagt. Dass es sein kann, dass alles ganz anders ist. (Lesen Sie weiter auf S. 2)
Dennoch weiß ein solcher Glaube, dass alle Religionen in ihrem Kern die Wahrheit in sich tragen. Er rechnet damit, dass Gott viel mehr Weite bedeutet, als Menschen es je begreifen können.
Der offen Glaubende käme wahrscheinlich nie auf den Gedanken, dass es etwas Ärgerliches sein könnte, wenn muslimische Frauen auf einem Spielplatz ihren Gebetsteppich ausbreiten und zu Allah beten. Ich jedenfalls freue mich darüber, wenn ich es erlebe. Ich wundere mich allerdings, weshalb sie bei ihrem Gebet so ernst gucken. Sie könnten doch lächeln, denke ich.
