Kolumne von Anne Lemhöfer
Haarschnitte als Zeitdokumente
Wir können wieder zum Friseur gehen. Jedenfalls theoretisch. Falls wir nicht gerade in Quarantäne sind, die halbe Klasse des Kindes an Corona erkrankt ist oder wir einen Schnupfen im Anflug wähnen. Ein Friseurbesuch ist ja ziemlich intim und mit viel Nähe verbunden. Das Gute ist: Weil alle derzeit nicht so perfekt gestriegelt herumlaufen, sind Haare ein wunderbares Gesprächsthema, falls der Impfstatus und die nervende Schwurbler-Nachbarin schon abgearbeitet sind. Denn Haare hat ja fast jeder. Gibt es irgendetwas Spannenderes als Frisur-Biografien? Haarschnitte sind ja Zeitdokumente, sie vereinen Generationen. Ein warmes Gefühl von Identität überkommt mich als (Klein-)Kind der späten 1970er-Jahre zum Beispiel, wenn ich mich im Fotoalbum mit Blumentopf-Frise am Nordseestrand buddeln sehe, genau wie meinen Bruder und sämtliche anderen Kinder zwischen zwei und neun, egal welchen Geschlechts, die zufällig auch noch im Bild sind. Eine ganze Generation im Mireille-Mathieu-Gedächtnislook. Ja, ist doch praktisch! Unsere Mütter hatten am Ende der Hippie- und mittendrin in der Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung wirklich Besseres zu tun, als ihre Flechtkünste an Kinderköpfen zu demonstrieren. Wie fortschrittlich.
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Anne Lemhöfer, geboren 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Die Kolumne schreibt sie im Wechsel mit Fabian Vogt.

