Lauter Fremde
Mal ernsthaft: Andauernd erscheinen hochwissenschaftliche Studien, die belegen, dass die meisten kirchlichen Angebote nur noch ganz bestimmte Milieus erreichen, während sie andere Zielgruppen völlig aus dem Blick verloren haben. Neulich erzählte mir ein Kollege sogar: »Wenn ich in meinen Gottesdienst komme und sehe, dass in der letzten Reihe drei alte Damen sitzen, dann weiß ich wieder, warum in der Theologie so viel von ›Dreifaltigkeit‹ die Rede ist.«
Nun werden ja die Milieus unter anderem an ihrer jeweiligen Vorliebe für bestimmte Musikstile, kulturelle Formen und soziale Verhaltensmuster festgemacht. Und da erlebe ich in der Praxis ganz massive Veränderungen.
Letztes Jahr habe ich zum Beispiel bei fünfzig Prozent meiner Beerdigungen Gitarre gespielt. Weil jedes Mal die Angehörigen sagten: »Der Karl-Heinz ist mit den Beatles und den Rolling Stones groß geworden. Der hat sein Leben lang nie Orgel gehört. Warum soll er ausgerechnet bei seiner Beerdigung damit zugedröhnt werden? Das hätte überhaupt nicht zu ihm gepasst.«
Ich mag Orgel sehr. Aber ich kann nachvollziehen, dass viele Menschen auch so schon das Gefühl haben, andauernd von Pfeifen umgeben zu sein. Und Tatsache ist doch: Wenn sich ein Mensch in Deutschland für Gott und den Glauben interessiert, dann kann er das fast überall nur in einer bestimmten Kulturform tun, nämlich mit Liturgie, Orgelmusik, seltsamen Gewändern, geprägter Sprache und Wechselgesängen, die man sehr lange üben muss, um sie schön zu finden.
Ich habe mal einen kirchendistanzierten Freund mit in einen klassischen Gottesdienst genommen und ihn anschließend gefragt, wie ihm die Predigt gefallen habe. Seine Antwort war niederschmetternd. Er sagte nämlich: »Ich konnte mich kaum auf die Worte konzentrieren, weil ich andauernd Angst hatte, ich verpasse das nächste Aufstehen.«
Mein Freund merkte, dass um ihn herum ein fremdartiges Ritual zelebriert wird, das mit seinem Leben nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Er feiert anders, er lebt anders, er hört andere Musik, und ich behaupte mal: Er möchte auch – wenn überhaupt – ganz anders nach Gott fragen.
Mir fällt dann sofort einer der schönsten paulinischen Gedanken ein: »Ich bin frei, aber ich habe mich jedermann zum Knecht gemacht, um möglichst viele für das Evangelium zu gewinnen. Den Juden bin ich ein Jude geworden, den Griechen ein Grieche, den Gesetzestreuen ein Gesetzestreuer und den Schwachen ein Schwacher.« Hätte Paulus die Milieutheorie gekannt, dann hätte er vermutlich gesagt: »Den Performern werde ich ein Performer, den Liberalen ein Liberaler und den Hedonisten ein Hedonist.«
Klingt komisch. Aber genauso hat der Apostel das gemeint: Wer Inhalte kommunizieren will, muss das in einer Form tun, die der Empfänger versteht.
Neulich habe ich das bei einem Vortrag in einer Gemeinde angeregt, woraufhin mich eine Frau nachher aufgewühlt ansprach: »Herr Vogt, wenn wir all Ihre verrückten Ideen umsetzen, dann kommen ja lauter Fremde in den Gottesdienst.«
Die Frau hat’s verstanden.
