Mechthild und Karlheinz
Liebe geht durch den Magen, heißt es. Und tatsächlich: Am Ende stehen die Kartoffel-Lauch-Puffer auf dem Tisch, und die frisch Verliebten lassen es sich schmecken. Danach wird es sich Tobi, der Kater, neben den beiden auf dem Sofa gemütlich machen. »Wetten, dass …?« kann beginnen. Doch bis dahin ist noch eine Menge zu tun.
Karlheinz Haupenthal, 54, steht in der Küche seiner neuen Lebensgefährtin, die in Neunkirchen bei Saarbrücken wohnt. Er greift nach dem Pürierstab, mit dem er die rohen Kartoffeln zerkleinern möchte. »Ei, nee, das geht nicht«, warnt ihn Mechthild München, der das Kochen um einiges leichter fällt als ihm. Er lässt sich nicht beirren, probiert es trotzdem. Das Gerät rattert und knarrt, die Kartoffeln aber bleiben, wie sie waren: fest und rund.
»Macht nichts, Schatz«, sagt die 57-Jährige und lacht so herzerfrischend, dass ihr Karlheinz das kleine Missgeschick schnell vergisst. Für einen Moment legt er den Arm um sie. Danach spritzt, dampft und rumpelt es wieder ordentlich in der Küche. Am Ende steht das Essen aber doch auf dem Wohnzimmertisch. Der gemütliche Teil des Abends kann beginnen. Topp, die Wette gilt.
Die Agentur wird 2002 gegründet – heute hat sie 36 Zweigstellen
Seit fünf Monaten sind Mechthild München und Karlheinz Haupenthal ein Paar. Beide haben eine Lernbeeinträchtigung und arbeiten in betreuten Werkstätten. Über die »Schatzkiste« haben sie sich kennengelernt, eine Partnervermittlung für Menschen, die eine geistige oder körperliche Behinderung haben oder psychisch erkrankt sind. Die Agentur wurde 2002 in Hamburg gegründet und hat mittlerweile 36 Zweigstellen in ganz Deutschland. Zwei der Dependancen – in Mainz und Saarbrücken – werden seit 2010 von der »Aktion Mensch« gefördert. Projektträger ist die »Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit«.
Damit Klienten die Gelegenheit haben, sich in lockerer Atmosphäre zu begegnen, lädt die Schatzkiste Saarbrücken regelmäßig zu einem Kontakt-Café ein. Von den 138 Singles, die in der Kartei der Agentur registriert sind, nimmt in der Regel die Hälfte das Angebot wahr. Auch Mechthild München und Karlheinz Haupenthal waren schon häufig dort. Im Juni saßen sie zufällig am selben Tisch. »Wir waren uns gleich sympathisch«, erinnert sich Mechthild München. Sie versäumten es allerdings, die Telefonnummern auszutauschen. Andere ahnten, dass sich etwas anbahnte, und gaben der »Schatzkiste« einen Tipp.
Ein paar Tage später erhielten die beiden einen Brief mit einem Partnervorschlag. »Ich hann misch in Saarbrigge mit ihr treffe solle«, sagt Karlheinz Haupenthal, ein waschechter Saarländer. Er erzählt vom ersten Treffen. Manche Informationen, die nötig wären, um seinen Gedanken zu folgen, lässt er aus. Manchmal lächelt er auch nur, als wisse doch jeder, was passiert ist.
Ja, etwas nervös sei er gewesen, als sie sich in einem Café in der Saarbrücker Innenstadt getroffen haben. Letztlich sei es aber so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. »Es woa a gudd Gefiel«, sagt er. Sie steckte ihm ihre Telefonnummer zu, und ein paar Tage später rief er an. Seitdem verbringen sie jedes Wochenende zusammen, meist bei ihr in Neunkirchen.
Mechthild hat sich von ihrem Mann getrennt, Karlheinz ist ihr »Neuer«
Auch an diesem Freitag ist Karlheinz Haupenthal wieder mit Bus und Bahn aus dem sechzig Kilometer entfernten Merzig angereist. Sein Gepäck hat er in einem Trolley verstaut. Manchmal benutzt er ihn frühmorgens zum Flaschensammeln, wenn er durch die Straßen zieht, um sich etwas »Sackgeld« zu verdienen. An diesem Nachmittag aber steht erst einmal Kegeln auf dem Programm.
Seine neue Lebensgefährtin wartet bereits. Früher hat sie oft ihren Ehemann mit zum Kegeln genommen. Vor vier Jahren aber haben sie sich getrennt. »Wie ein Putzlappen« habe sie sich oft gefühlt, erzählt Mechthild München auf dem Weg zur Gaststätte. Ständig habe sie nur gekocht, gewaschen, saubergemacht. Zärtlichkeiten gab es kaum, mehr als dreißig Jahre lang. Nach Jahrzehnten der Enttäuschung hatte sie genug. Ihre Wangen erröten noch heute, wenn sie davon erzählt.
Weil sie sich nach einem Partner sehnte, hat sie sich bei der »Schatzkiste« gemeldet. Ihr Wunschpartner sollte auf jeden Fall im Haushalt mit anpacken, treu und aufgeschlossen sein. Außerdem sollte er kein Problem damit haben, dass ihr manches im Leben schwerer fällt als anderen, etwa das Lesen und Schreiben.
Auch ihr Karlheinz hatte klare Vorstellungen. Er wollte eine »fitte« Frau, die gesellig ist wie er und ehrlich. »Die letzte hat mich bald ausgesaugt bis auf die Unnerbux«, sagt er. Er redet von Streitigkeiten, von Geld. Was genau passiert ist – das bleibt sein Geheimnis. Überhaupt redet er nicht viel an diesem Nachmittag. Er sei eben ein »Macher«, sagt er. »Das mag ich an ihm«, fügt sie an.
Und kegeln kann er auch gut. Als sie im »Scheiber Hof« ankommen, zeigt er sein Können. Er holt sich eine Kugel vom Rollband, nimmt Anlauf – es scheppert. Acht Kegel fallen um. »Fast hätt’s georgelt«, sagt er. Mit breiten Schultern geht er anschließend wieder zu seinem Platz, nimmt eine Prise Schnupftabak und wartet, bis er wieder aufgefordert wird. »Herr Haupenthal, Sie sind dran!«, ruft seine Lebensgefährtin. Es erinnert ein wenig an eine Loriot-Szene – das Ehepaar, das sich seit Ewigkeiten kennt und seine ganz eigenen Späße entwickelt hat.
Der Anfang ist unverbindlich. Man geht einfach zum Kontakt-Café
Auch die Mitspieler bemerken das. Die meisten kennen die »Schatzkiste« vom Hörensagen aus ihren betreuten Werkstätten. Eine der Frauen, um die vierzig, erzählt, dass sie im Moment »nicht bereit« für eine Beziehung sei. Abgeneigt wäre sie nicht, aber noch sei es »zu früh«, um sich bei der »Schatzkiste« zu melden. »Das ist ganz unverbindlich«, halten ihr die anderen entgegen. »Gut, vielleicht gehe ich zum nächsten Kontakt-Café«, sagt sie.
Es wäre ein erster Schritt. »Viele Menschen mit Behinderungen haben Schwierigkeiten, einen Partner zu finden«, sagt Sandra Scheid, die die »Schatzkiste« in Saarbrücken leitet. Ein Halbtagsjob. Die andere Hälfte des Tages kümmert sich die 28-jährige Sozialarbeiterin um Menschen, die eine geistige oder körperliche Behinderung haben oder psychisch erkrankt sind. Eine Beobachtung aus ihrer täglichen Arbeit: Rund neunzig Prozent ihrer Klienten haben keinen Partner. »Das geht oft mit vermindertem Selbstwertgefühl, mit Einsamkeit und einem unerfüllten Sexualleben einher.«
Bei der Vermittlung geht Sandra Scheid sehr behutsam vor. »Wir wollen unsere Klienten vor Enttäuschungen und Missbrauch schützen«, sagt sie. »Das ist besonders für Frauen wichtig, die kaum Erfahrung mit Partnerschaften haben.« Wenn nicht anders gewünscht, ist beim ersten Treffen deswegen ein Mitarbeiter der »Schatzkiste« anwesend. Um zu demonstrieren, nach welchen Kriterien sie ihre Auswahl trifft, klickt sich Sandra Scheid am Laptop durch die Kartei der 138 registrierten Singles. Ein Zufallsklick: Marie B., Jahrgang 1978, an Schizophrenie erkrankt, hat nach eigener Aussage einige »unglückliche« Beziehungen hinter sich und sucht einen südländischen Typ in ihrem Alter. In stationärer psychiatrischer Behandlung darf er sein, aber nach Möglichkeit keine körperliche Behinderung haben, hat sie vermerkt. »Häufig akzeptieren Klienten bei einem Partner die Beeinträchtigung, die sie selbst auch haben«, weiß Sandra Scheid.
Sandra Scheid spielt Amor
Bei der Auswahl der Vermittlungsvorschläge vertraut Sandra Scheid auf ihr Bauchgefühl. »Gegensätze ziehen sich an, heißt es oft«, sagt sie. »Ich folge aber eher dem Prinzip, dass beide Partner gleiche Voraussetzungen und Wünsche haben sollten.« Rund dreißig Vorschläge hat sie in anderthalb Jahren verschickt. »Es ist ein bisschen wie Amor spielen«, sagt sie. Die Bilanz bisher: Vier der vermittelten Paare haben Freundschaften geschlossen, die sie regelmäßig pflegen. Und ein Paar gibt es, bei dem sich eine »echte« Partnerschaft entwickelt hat: Mechthild München und Karlheinz Haupenthal.
Sie haben wieder das ganze Wochenende miteinander verbracht. Es waren gerade die Kleinigkeiten des Alltags, die sie genossen haben: In den goldgelben Wäldern am Stadtrand von Neunkirchen sind sie spazieren gegangen. Sie haben Serien im Fernsehen geguckt, Unkraut im Garten gejätet, gekocht und einen Teppich geknüpft, auf dem Tobi, der Kater, irgendwann liegen kann.
Wenn es nach ihnen ginge, könnte es noch viele Wochenenden so weitergehen. Mit Prognosen halten sie sich aber zurück und wollen abwarten, wie sich ihre Beziehung entwickelt. Die Zeichen stehen gut: Ein rotes Stoffherz hängt an der Vitrine im Wohnzimmer. »Ich liebe dich«, steht darauf, ein Geschenk von ihm. »Es passt einfach«, sagen beide. Und was ist die Liebe?
»Dass man sich versteht und vertraut«, sagt sie. »Ehrlichkeit, Treue und dass man sich alles verzeiht«, sagt er. Karlheinz Haupenthal hat auch schon darüber nachgedacht, von Merzig nach Neunkirchen zu ziehen, damit sie sich auch während der Woche sehen können. Dabei wollte er Merzig eigentlich »nie« verlassen.
