»Mein Lauf zu Gott«
An die magischen Kräfte des Laufens glaubten schon die alten Ägypter vor über 4000 Jahren. Beim sogenannten Sedfest anlässlich seines dreißigjährigen Regierungsjubiläums musste der Pharao mit einem Lauf beweisen, dass er noch fit ist. Gleichzeitig sollte ihn dieser kultische Lauf mit göttlichen Kräften aufladen.
Ähnliches habe ich auch erlebt. Als ich mit Mitte dreißig anfing, regelmäßig zu laufen, standen natürlich zuerst die körperlichen Effekte im Vordergrund. Ich fühlte mich stärker, gesünder, belastbarer. Schon nach wenigen Monaten entdeckte ich auch die mentale Kraft des Laufens. Während meiner morgendlichen Runde konnte ich bestens meinen Tag strukturieren, schwierige Gespräche vorbereiten, Ideen für journalistische Geschichten entwickeln.
Was darf ich hoffen?
Das spirituelle Potenzial des Laufens eröffnete sich mir jedoch erst im vergangenen Jahr. Ich hatte angefangen, mich in die Theologie einzulesen. Die Fragen, die mich seit meiner Pubertät beschäftigten, drängten sich mit Macht wieder auf: Was ist wahr, was ist gut und was wird einmal sein? In der berühmten Formulierung des Philosophen Immanuel Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
Ich hatte in meinen Zwanzigern Philosophie studiert und war mit den dort gefundenen Antworten auch eine Zeit lang zufrieden. Mit zunehmender Lebenserfahrung fiel mir auf, dass die Antworten der Philosophie auf grundlegende Fragen eigentlich ziemlich dünn sind – und meine damalige Faszination viel mehr den aufwendigen philosophischen Methoden galt als ihren dürftigen Ergebnissen.
Theologie wie ein Krimi
Also gab ich der Theologie eine Chance. Gleich die ersten beiden Bücher waren für mich Volltreffer: »Wurzeln, die uns Flügel schenken« von Margot Käßmann und der Klassiker »Christ sein« von Hans Küng. Hier fühlte ich mich in meiner Skepsis an die Hand genommen und behutsam in eine neue Welt eingeführt. Es folgten etliche wissenschaftliche Standardwerke, die ich verschlang wie Krimis.
Wenn ich morgens beim Laufen über das am Vorabend Gelesene nachdachte, sackte es immer tiefer ein. Ich spürte, wie das zuvor nur rational Nachvollzogene zu einer Überzeugung und damit zu einem Teil von mir wurde. Langsam entwickelte sich daraus mehr. Ich baute Gebete in meine Laufroutine ein und stellte mir Playlists mit geistlicher Musik zusammen. Ich las morgens als Erstes die »Herrnhuter Tageslosung« und versuchte, auf meinem Lauf über ihre ursprüngliche Bedeutung und die Bedeutung für mich heute zu meditieren. Oft entwickelte sich daraus ein gefühltes Einssein mit mir, mit der Welt und mit Gott – im besten Fall sogar eine Zwiesprache mit ihm.
Glückshormone
Diese Entdeckung der spirituellen Dimension des Laufens hat meinem Leben eine neue Orientierung gegeben. Erst recht, seit ich weiß, dass diese Dimension aus zwei so unterschiedlichen Ecken wie der modernen Sportwissenschaft und der guten alten Bibel begründet werden kann.
Die Sportwissenschaft sagt: Das Gehirn wird besser durchblutet, wir werden laufend kreativer und ausdauernder in unserem Denken, bauen belastende Stresshormone ab und produzieren vermehrt Glückshormone. Laufen, wenn wir es nicht übertreiben, macht uns ruhiger, zufriedener, klüger. Diese Auswirkungen seien ganz ähnlich denen, die ein Gebet auf gläubige Menschen hat.
Ein Gefühl des »Flow«
Eine vergleichende Studie der Deutschen Sporthochschule Köln hat gezeigt, dass Laufen und Beten ganz enge Verwandte sind: »Sowohl bei ›Betern‹ als auch bei ›Läufern‹ kommt es zu Entspannungsprozessen, die an objektivierbaren, physiologischen Parametern und in der subjektiven Bewertung des Probanden nachweisbar sind«, sagt Stefan Schneider vom Institut für Bewegung und Neurowissenschaft. Laufen und Beten sind Tätigkeiten, in denen man im Idealfall ganz aufgehen kann, die ein Gefühl des »Flow« vermitteln können. Wenn man, wie ich es im spirituellen Laufen erlebt habe, beides miteinander verknüpft, ist das Gefühl noch viel intensiver.
Flucht zu Fuß
Und was sagt die Bibel über das Laufen? Okay, über den Laufsport ist dort mit Ausnahme von zwei Stellen in den Paulinischen Briefen nicht die Rede (1. Korinther 9, 24-27 und 2. Timotheus 2, 5). Aber ausdauernde körperliche Bewegungen sind ein immer wiederkehrendes Grundmotiv: Abraham zieht mit seiner Frau Sara zunächst von der heutigen Südosttürkei nach Palästina und von dort weiter nach Ägypten (Genesis 12). Aus ägyptischer Gefangenschaft flüchtet das Volk Israel zu Fuß vierzig Jahre lang durch die Wüste, um dann im »Gelobten Land« Kanaan zu siedeln. Der Wanderprediger Jesus schließlich war so viel unterwegs, dass er bei seinem Jünger Petrus in Kapernaum am See Genezareth nur eine provisorische Bleibe hatte (Markus 1, 21-45).
Theologisch wird das In-Bewegung-Sein am weitreichendsten im Hebräerbrief interpretiert. Das Motiv vom »wandernden Gottesvolk« gilt für diese anonym verfasste Epistel als zentral: Wie das biblische Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten befindet sich die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden in einer ständigen Bewegung, die erst am endzeitlichen Ziel, in der »göttlichen Stadt«, zum Stillstand kommt: »Denn wir, die wir glauben, gehen ein in die Ruhe.«
Orientierung und Energie
Diese Stadt liegt in einer anderen, neuen Wirklichkeit: »Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« Der Weg dorthin erfordert noch viel Ausdauer, Geduld und Kraft: »Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist … Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde« (Hebräer 12, 1 und 12 f.).
Der Glaube gibt den Wandernden zugleich Orientierung für den Weg und Energie für die Anstrengung. Wer jemals am Start eines sehr langen Laufwettkampfs stand, Marathon oder länger, wird sich gut in diese Sichtweise hineinfühlen können: Denn wer am Gelingen seines Vorhabens zweifelt, der wird die kommende Herausforderung kaum bestehen. Wer aber zuversichtlich ist und begründet hofft, dass sich sein Training auch auszahlen wird, der kann der Anstrengung gelassen entgegensehen.
Sicher kann das Laufen kein Ersatz für die Gemeinschaft sein, die man zum Beispiel in den Kirchen findet. Deshalb vergleiche ich das spirituelle Laufen auch nicht mit einem Gottesdienst. Aber es ist eine liturgisch strukturierbare Möglichkeit intensiver Andacht. Ich kenne kein anderes Erlebnis, bei dem man so deutlich die Einheit von Körper, Geist und Seele verspürt. Beim spirituellen Laufen entdeckt man seinen Körper quasi als Tempel, in dem man Gott preist, und versteht umso besser Paulus’ Appell an die Korinther: »Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe« (1. Kor. 6, 19 f.).n
