Meine Freunde, die Magier
Keiner weiß Genaues über sie: Wir kennen weder ihre Zahl noch ihre Namen. In der Erzählung nach Matthäus tauchen diese Leute einfach als »Magier aus dem Osten« in Jerusalem auf und erschüttern die Weltordnung mit einer schlichten Frage: »Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, uns tief vor ihm zu verneigen.«
Diese Magier, die die Geschicke aus den Sternen lesen, Räucherwerk und heilsame Kräutersalben mit sich führen und auf die Botschaft der Träume hören, gehören keiner angestammten Religionsgemeinschaft an, sondern haben ihre ganz eigenen intuitiven und geheimnisvollen Systeme, um sich der Wahrheit zu nähern. Im Gegensatz zu den politisch Mächtigen (Herodes) und den Theologen (den Schriftgelehrten) haben sie die Zeichen ihrer Zeit erkannt und das Gewohnte verlassen, um das bahnbrechenden Neue zu würdigen. Sie erkennen das Göttliche in einem Kind. Trotzdem denken sie nicht daran, zu konvertieren und dem neuen Heilsbringer für immer zu folgen: Nein, sie bleiben, was sie sind – namenlose ausländische Esoteriker – und kehren heim in ihr Land.
Die Botschaft dieses Evangeliums ist so provokant, dass man sie in der Kirche nicht lange stehen lassen konnte. Kaum, dass diese Bibelstelle geschrieben war, wurden die Magier aus der esoterischen Ecke gezerrt und in höhere Stände erhoben. Die Besucher aus dem Morgenland seien Könige gewesen, hieß es bald. Man einigte sich unausgesprochen darauf, dass es drei gewesen sein müssten. Einer dieser Könige sei ein Schwarzer gewesen, lautete das verbreitete Gerücht. Und weil es damals noch keine Mercedes-Limousinen gab, wurde ihnen zu ihrer Eskortierung ein Kamel zugeteilt.
Immer nachdrücklicher behauptete man dann im Laufe der Kirchengeschichte, es habe sich bei den Besuchern aus dem Ausland um Heilige gehandelt. Um ihre äußerst unsichere Herkunft zu überspielen, erfand man für sie die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar. Und so wurden aus unseren dahergelaufenen namenlosen esoterischen Himmelsguckern irgendwann die kirchlich verehrten »Heiligen drei Könige« – samt gesetzlichem Feiertag.
Selbst die sonst so genauen Übersetzer ließen sich von diesem Trend der Übermalung erfassen. Kaum eine deutsche Bibelübersetzung überträgt das griechische Wort »Magoi« aus dem Matthäusevangelium korrekt mit »Magier«. Schon Martin Luther nennt sie leicht überhöhend »Weise«; die Einheitsübersetzung spricht heute eher wissenschaftlich von »Sterndeutern«.
Um sie aber endgültig aus ihren Kräuterküchen und Horoskop-Berechnungen herauszulösen und für immer in die eine heilige katholische Kirche einzuverleiben, behauptet man bis heute hochoffiziell, ihre leiblichen Überreste seien gefunden und im Kölner Dom bestattet worden.
Der biblische Urtext aber hat sich gottlob noch immer gegen solche Vereinnahmung verwehrt. Er bleibt bis heute bei der schlichten Beschreibung: »Da kamen Magier aus dem Osten nach Jerusalem.« Magier, Astrologen, Esoteriker. Ganz ohne Namen, Titel, Krone, Heiligenschein und Kathedralengruft. Sie sind es, die den Weg zum Wesentlichen finden, durch Intuition, durch unvoreingenommene Beobachtung, durch den Mut, der inneren Weisung zu folgen.
Als solche habe ich sie ins Herz geschlossen – und folge ihrem Stern.
