»Ohne Religion ist das Leben langweilig«
Frau Thalbach, Sie sind gerade sechzig geworden. Gab es eine Zeit in Ihrem Leben, die Sie als »Meine Zeit« bezeichnen würden?
Katharina Thalbach: Ich bin ja noch nicht im Sarg. Jede Zeit meines Lebens war irgendwie meine Zeit. Die Intensivste ist immer die, in der ich lebe. Ich finde sowohl Jugend als auch Alter absolut überschätzt. Nur weil man jung ist, ist man ja noch nicht super, und nur weil man alt ist, noch nicht weise. Dennoch: Älter werden ist eine triumphale Angelegenheit. Würde man nicht alt, müsste man früh sterben. Logisch. Ist doch toll, dass man das überhaupt schafft, so alt zu werden. Das maximale biologische Alter, sagt die Medizin, ist 120. So alt ist die älteste Frau, die man kennt. So gesehen hätte ich jetzt die Hälfte.
Aber wäre das erstrebenswert?
Thalbach: Wenn man Kinder hat, Enkel und Urenkel, die sich ein bisschen um einen kümmern, dann schon. Ist doch spannend, was so alles passiert. Zumal man ja nicht weiß, was danach kommt. Ich möchte so lange wie möglich die Welt aus dieser irdischen Perspektive beobachten. Ob es dann auch noch eine Perspektive von oben gibt, werde ich dann immer noch erleben.
… Sie sind beim Publikum sehr beliebt, aber wirklich massenkompatibel sind Sie bis heute nicht.
Thalbach: Schräg zu sein ist in Deutschland schwierig – manchmal braucht man uns. Aber generell haben bunte Vögel in der Gesellschaft wenig Platz. Deswegen mag ich England so gerne. Da ist es normal, dass jeder einen kleinen Hau hat. Ich finde das sehr schön, das hat so etwas angenehm Verspieltes. Die Engländer spielen immer. Ob sie auf Windhunde Wetten abschließen, Karten spielen oder sich wie im Pingpong die Witze hin und her schieben.
Sind Sie eine Witze-Erzählerin?
Thalbach: Mit Leidenschaft. Aber die unangefochtene Königin der Witze ist meine Tochter Anna! Die hat ein riesiges Arsenal immer auf Abruf im Kopf und kann die Gags herrlich pointiert vortragen.
Welche Rolle spielt Ihre Tochter in Ihrem Leben?
Thalbach: Das kann ich eigentlich gar nicht beschreiben. Meine Tochter und meine Enkeltochter Nellie sind das Wichtigste überhaupt. Sie sind der Grund, warum ich lebe. Es ist schön, dass ich durch sie etwas von mir weitergeben kann. Ich genieße es, dass ich jung Mutter und Oma geworden bin. Darum rate ich immer allen: »Kriegt jung Kinder!« Ich habe das Glück, dass ich durch meine beiden Mädchen sehr bewusst und intensiv miterleben kann, wie es nach mir weitergeht.
Was ist das für ein Gefühl zu wissen, dass man etwas weitergibt?
Thalbach: Ein Gefühl von Sinnhaftigkeit! Es macht einem bewusst, dass man ein kleiner Teil des großen unendlichen Universums ist und irgendetwas weitergibt, was vielleicht hängen bleibt. Andere Leute suchen nach ihren Wurzeln, ich schaue viel lieber dabei zu, wie meine Wurzel ein bisschen weiterrankt.
Weil Sie hoffen, durch Ihr Kind und Ihre Enkelin weiterzuleben?
Thalbach: Schon, aber das hat nichts mit Eitelkeit zu tun. Ich schaue mir generell gerne an, wie etwas wird.
Machen Sie sich viele Gedanken über die Sinnhaftigkeit des Lebens?
Thalbach: Täglich! Das ist das große, übergeordnete Thema in der Kunst. Jede kleine Geschichte, die man abbildet, ist ein Teil des großen Ganzen. Gerade beschäftige ich mich mit Astrophysik, aber auch Religion und Geschichte sind Themen, die mich sehr interessieren. Wenn ich unterwegs bin, dann gucke ich mir sehr, sehr viele Kirchen oder Tempel an. Ich finde es überaus interessant, wie sehr der Mensch die Götter braucht.
Brauchen Sie persönlich auch Götter?
Thalbach: Ich bin damals in der DDR getauft worden und zur Konfirmation gegangen, bin jedoch seit einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Väterlicherseits ist die Familie calvinistisch, aber mein Vater hatte mit dem Glauben nicht viel am Hut. Die biblischen Geschichten gehörten trotzdem immer zu meinem Leben. Ob man glaubt oder nicht: Das Neue und das Alte Testament sollte man kennen. Ich persönlich bin nicht auf einen Gott festgelegt. Je nach Lebenssituation suche mir einen raus, der gerade am besten passt.
Gibt es einen Gott der Ihnen sehr nahe ist?
Thalbach: Die griechischen Götter finde ich toll, die finde ich witzig, weil sie so menschlich sind.
Sprechen Sie mit denen?
Thalbach: Aber ja doch, man kann mit allen Göttern sprechen! Das sind ja ohnehin alles Erfindungen und Projektionsflächen von uns Menschen. Wir brauchen sie, um mit dem Tod klarzukommen. Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich – auch ohne Bindung an einen Glauben – keine Atheistin bin. Ich finde ein rein rationales Leben ganz ohne Religion langweilig. Religion hat etwas mit Fantasie zu tun. Leben, ohne dass man sich was ausdenkt oder sich den Kopf über das »Danach« zerbricht, ist langweilig. Da halte ich mich an Shakespeare: »Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich erträumen lässt«, hat er gesagt. Ich finde es spannend zu erfahren, was sich die unterschiedlichsten Menschen an den verschiedensten Orten ausgedacht haben, und kann ihnen bis zu einem gewissen Punkt in Gedanken und Gefühlen folgen. Das kann die Verehrung für Jesus sein, aber auch für Buddha, Vishnu und Mutter Natur als eine dickbrüstige Frau. Ich kann mit jedem von ihnen sprechen, je nachdem in welchem Zusammenhang ich mich bewege und wie meine Stimmung gerade ist.
Aber Glaube hat ja nichts mit Stimmung oder Langeweile zu tun.
Thalbach: Nicht? Na ja, es ist eine schwierige Angelegenheit. Ich für meinen Teil kann mich auf jeden Fall nicht festlegen. Sie werden nicht von mir hören, dass ich immer, wenn ich wirklich in Nöten bin, mit Zeus rede. Das tue ich natürlich nicht.
Das wäre aber eine schöne Überschrift für unser Interview.
Thalbach: Zeus war schon sehr witzig mit seiner ständigen Geilheit und mit dem Tick, sich immer mit den dämlichsten Gewändern zu verkleiden und über den Olymp zu wandeln. Eigentlich verrückt, wenn man sich vorstellt, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass die Menschen an diese Götter wirklich geglaubt haben. Wie sich die Menschheit doch verändert! In der heutigen Zeit hat der Gott Mammon die Macht übernommen. Das ist ein hässlicher Gott. Alles, was mit diesem kapitalistischen System zu tun hat, ist unmenschlich. Wohin soll diese Raffgier führen?
Wie haben Sie Ihre Tochter in Hinsicht auf den Glauben erzogen?
Thalbach: Nicht religiös. Ich hätte ihr nicht sagen können: »Schau mal, Anna, da gibt es den lieben Gott, der seinen Sohn Jesus auf die Welt geschickt hat, damit er uns von unseren Sünden erlöst. Bete immer nur zu ihm, denn es gibt keine anderen Götter.« Das hätte sie mir eh nicht abgenommen. Die Zehn Gebote sind als Leitfaden aber gut; ich versuche mich an sie zu halten. Meiner Tochter habe ich viele Geschichten erzählt, aus der Bibel, aus Heiligenlegenden und Hexengeschichten. Die Informationen musste sie für sich selber ordnen. Ich habe mir auch Götter ausgedacht und Geister. Unser Haus war immer voller Geister.
Sie interessieren sich nicht nur für Geister und Götter, sondern auch fürs Boxen ...
Thalbach: Ich mag die klassische Anordnung. Der Ring, der Gong, die Nummerngirls … Ich finde die Art, sich nach Regeln die Fresse zu polieren, besser als in den Krieg zu gehen. Und ich schaue gerne Fußball.
Kommentieren Sie das Spiel lautstark?
Thalbach: Ganz grundsätzlich lärme ich gerne! Wenn ich in Stimmung bin, geht’s los. In meinen Augen braucht der Mensch, genau wie er die Religion braucht, ab und an das Gefühl, völlig außer sich zu sein.
