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Selbstverwirklichung – eine Sackgasse?

»Nein, das ist sie nicht!«, sagt der Theologe und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher: »Denn das Ich ist ein großes, kostbares Geschenk.« Er widerspricht damit Manfred Lütz in der Reihe »Streitfragen zur Zukunft«. Wie ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit!
von Werner Tiki Küstenmacher vom 16.06.2017
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Werner Tiki Küstenmachen (rechts), evangelischer Theologe und Karikaturist, ist ein Fan der Selbstverwirklichung. »Sie ist ein großes, kostbares Geschenk«, sagt er und widerspricht damit Manfred Lütz. Ein Streit aus der Publik-Forum-Reihe »Streitfragen zur Zukunft«. (Fotos: Getty Images/iStockphoto/Jirsak; pa/Frank May)(Fotos: Getty Images/iStockphoto/Jirsak; pa/dpa/Uwe Zucchi)
Werner Tiki Küstenmachen (rechts), evangelischer Theologe und Karikaturist, ist ein Fan der Selbstverwirklichung. »Sie ist ein großes, kostbares Geschenk«, sagt er und widerspricht damit Manfred Lütz. Ein Streit aus der Publik-Forum-Reihe »Streitfragen zur Zukunft«. (Fotos: Getty Images/iStockphoto/Jirsak; pa/Frank May)(Fotos: Getty Images/iStockphoto/Jirsak; pa/dpa/Uwe Zucchi)

Wir leben im Zeitalter des »Ich«, des Individualismus, der Selbstverwirklichung. Wird dieser Satz im kirchlichen Kontext gesagt, dann meist mit einem Seufzer. »Ich« und »Selbstverwirklichung« klingen für viele wie das Gegenteil von Nächstenliebe. Nein! Ich empfinde mein Ich als großes, kostbares Geschenk. Es ist die Voraussetzung, um lieben zu können.

Im Alten Testament wird berichtet, wie sich Gott sein Volk erwählt, es bestraft, errettet, wieder straft und wieder rettet. Im Neuen Testament findet eine Revolution im religiösen Weltbild statt: Gott erwählt sich nicht ein Volk, sondern Jesus, einen einzelnen Menschen. Das ist die Keimzelle des modernen Ichbewusstseins ...

Es ist schlimm, wenn ein Mensch sein Ich vergisst. Wenn seine seelische Haut ein Leck bekommen hat, aus dem sein Ich herausläuft. Wenn er auf die Frage »Wie geht’s dir?« nicht mehr antworten kann, weil er sich diese Frage abgewöhnt hat, wegtrainiert, weil er seine Stimmung nur noch messen kann an der Stimmung seines Ehepartners, seiner Freunde, seiner Kollegen. Der nach außen verbogene Mensch ist so ungesund wie der in sich selbst gekrümmte. Es kommt darauf an, aufrecht in sich drin zu stehen, also sein Selbst zu verwirklichen ...

Aber wie finde ich zu meinem wirklichen Ich? Eine Antwort auf die Frage nach dem Wert unseres Ichs gibt Jesus in einem kurzen Satz, der bereits im Gesetz des Mose steht: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«

Für Menschen, die ihr Ich sehen, ist das eine Ermutigung: Du hast die Gabe, zu dir selbst gut zu sein. Übertrage diese Gabe auf die Menschen um dich herum, und du wirst erleben, wie deine Liebe dadurch nicht abnimmt, sondern sich vermehrt ... Ganz in der Mitte vom Ich ist das Du. Gott ist nicht weit draußen. Er ist hier, ganz in der Nähe. Ja, er ist mir näher, als ich mir selbst je kommen kann.«

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Personalaudioinformationstext:   Werner Tiki Küstenmacher, geboren 1953, ist evangelischer Pfarrer im Ehrenamt sowie Autor und Karikaturist. Er wurde 2001 durch den Buchtitel »Simplify your Life« weltbekannt. Küstenmacher ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Gröbenzell bei Fürstenfeldbruck.
Wie ist Ihre Meinung: Führt Selbstverwirklichung in die Sackgasse, wie Manfred Lütz meint? Oder führt sie ins Leben, wie Küstenmacher schreibt? Nutzen Sie die Kommentarmöglichkeit direkt unter diesem Artikel.
In den »Streitfragen zur Zukunft« lasen Sie bisher: »Macht uns das Internet zu schlechteren Menschen?«, »Müssen wir den Kapitalismus überwinden?«, »Führen heilige Bücher in die Zukunft?«
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Schlagwörter: Kirche Nächstenliebe
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