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Silvesterboykott

Bloß nicht allein sein, heißt an Silvester die Devise. Doch warum eigentlich? Was verpassen wir, wenn wir uns dem allgemeinen Partytrubel entziehen? Gedanken von Anne Lemhöfer
vom 30.12.2013
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Zwölf Monate sind vorbei: Ist der Jahreswechsel der richtige Moment zum Feiern? Oder zum stillen Nachdenken über das Erlebte? Sich dem allgemeinen Silvesterfrohsinn zu entziehen, ist jedenfalls nicht so leicht. (Foto: Mr.Blank/photocase.com)
Zwölf Monate sind vorbei: Ist der Jahreswechsel der richtige Moment zum Feiern? Oder zum stillen Nachdenken über das Erlebte? Sich dem allgemeinen Silvesterfrohsinn zu entziehen, ist jedenfalls nicht so leicht. (Foto: Mr.Blank/photocase.com)

Froooohs Neuss Jaaaaahr!!!« Wer ist der Mann? Ich habe ihn noch nie gesehen. Jetzt liegt er in meinem Arm und patscht mit seinen Handschuhhänden auf meinen Anorak-Rücken. »Das ist Rudi von obendrüber«, raunt Nina. Ich habe nicht viel Zeit für Rudi von obendrüber. Um mich herum schleichen schon Pit, Jonas, Anna und Florian. Bis gestern kannte ich Pit, Jonas, Anna und Florian überhaupt nicht. Das war nicht schlimm. Trotzdem werde ich sie gleich umarmen, als hätte ich mit ihnen auf dem Schulhof heimlich geraucht und später zu Fuß die Alpen überquert. Sie sind wie mein Mann und ich Kommt-doch-einfach-mit-Gäste auf der Silvesterparty der Freundin eines Kollegen. »Ihr wisst noch nicht, was ihr macht? Kommt doch einfach mit zu Nina.«

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Florian taumelt auf mich zu, und ich überlege kurz, ob ich die eiskalte Sektflasche in meiner rechten Hand für die Florian-Umarmung auf den Asphalt fallen lasse. Von Sekt wird mir schlecht. Erst recht mit diesem handballgroßen Käse-Salami-Kartoffel-Schinken-Perlzwiebel-Klumpen im Bauch.

Raclette ist der kulinarische Tiefpunkt der Menschheit. Es passt deshalb gut zu Silvester, dem gesellschaftlichen Tiefpunkt des Jahres. Die immergleiche Choreografie aus Sekt, Käsepfännchen, Bleigießen, Vorsätze vortäuschen (»Und, was hast du dir vorgenommen?« »Äh, Yoga.«), das laute Auf-Teufel-komm-raus-Feiernmüssen.

Am 1. Januar 2013 um null Uhr achtzehn beschließe ich: Nächstes Jahr bleibe ich im Bett. Silvester ohne alles. In Ruhe nachdenken, zwölf Monate Revue passieren lassen. Denn es ist ja nicht so, dass der letzte Tag des Jahres kein bedeutsames Datum wäre.

Was verpasse ich schon? Das Feuerwerk? Ach was. Völlig überbewertet – besonders, wenn man genau untendrunter steht. In einer Häuserschlucht. Ich mag andere Menschen. Ich mag auch Feste. Das ist nicht das Problem. Aber Silvester ist seltsam. Was Menschen für Verrenkungen anstellen, um sich zusammenzutun. Menschen, die 364 Tage im Jahr pingeligste Vorstellungen von Freizeitgestaltung pflegen, handverlesene Freunde mit sechsgängigen Menüs bewirten, anspruchsvolle Theateraufführungen besuchen, ein Buch lesen. Am 31. 12. ist dann plötzlich alles egal.

Raclette? Lecker! Brettspielabend bei Schmidts aus dem ersten Stock? Ja, toll! Wie heißen die noch mal? Ach ja, Dirk und Anke. Bloß nicht allein sein. Das Gute daran: Weil das eh keine richtigen Freunde sind, kann man zwei Tage vorher wieder absagen. Falls überraschend doch noch eine schöne Feier am Horizont erscheint. Problem: schlechtes Gewissen. Noch schlimmer: selbst einladen (deshalb tun’s so wenige). Am Ende schiebt man mit zwei statt acht Leuten fetttriefende Pfännchen ins Gerät – den einzigen zweien nämlich, die nicht auf die schöne Feier eingeladen sind. Auf die man (zweitschlimmste Möglichkeit) jetzt leider auch nicht mehr gehen kann. Oder von der man (schlimmste Möglichkeit) überhaupt erst auf diese Weise erfahren hat. Es hat schon seinen Grund, warum man bei Google mehr als 7000 Seiten zum Thema »Raclette-Käse einfrieren – ja oder nein?« findet.

Ein Königreich für einen ruhigen Abend also. Zwölf Monate sind zu Ende gegangen. Schön war’s und manchmal auch schlimm, neue Freunde sind gekommen und alte gegangen, eine Liebe endete oder begann oder blieb, jemand starb und jemand bekam ein Kind. Kann man ja mal drüber nachdenken. Am besten ohne Rudi, Nina, Pit, Jonas, Anna, Florian und Schmidts. Alle anderen können ja 2014 so oft zu Besuch kommen, wie sie wollen. Aber nur, wenn sie ihren eingefrorenen Käse zu Hause lassen!

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Personalaudioinformationstext:   Anne Lemhöfer, Jahrgang 1978, ist Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau und freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main.
Schlagwörter: Gesellschaft Silvester
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