Sind Hirntote wirklich tot?
»Dass der Tod mit dem Hirntod eines Menschen eintritt, ist seit Längerem die Basis der medizinischen Praxis und das Kriterium für eine Organentnahme. Das Ereignis des Todes lässt sich nicht unmittelbar wahrnehmen. Als Ende der irdischen Existenz des Menschen liegt es vielmehr unter dem beobachtbaren Vorgang des Sterbens verborgen, in dem die Vitalfunktionen der einzelnen Organe nach und nach zum Erliegen kommen. Der Tod, das Erlöschen der Person, und das Sterben als Prozess, den wir diagnostisch erfassen und medizinisch kontrollieren können, liegen auf verschiedenen Ebenen. Durch die empirische Beobachtung des Sterbeprozesses können wir deshalb nicht den exakten Zeitpunkt des Todes bestimmen, sondern nur vom Vorhandensein bestimmter Indizien darauf zurückschließen, dass sich der Tod eines Menschen ereignet hat.
Der Hirntod wird aus gutem Grund zum Todeskriterium. So ist die personale Identität eines Menschen an sein Gehirn gebunden. Das lässt sich durch ein Gedankenexperiment leicht veranschaulichen: Angenommen, es gelänge eines Tages, die Funktionen des Gehirns durch künstliche Computer-Prothesen zu ersetzen. In diesem Fall könnte die Steuerungsleistung des Gehirns für den Organismus maschinell vollzogen werden, sodass der Ausfall des Gehirns nicht den Zerfall des Organismus nach sich ziehen würde. Dennoch würden wir einen solchermaßen von einem Computer gesteuerten Organismus nicht als einen lebenden Menschen, als Person, bezeichnen. Dazu ist vielmehr die im Gehirn verankerte Selbststeuerung des Organismus vonnöten, die nicht durch eine von außen implantierte Koordinationsstelle übernommen werden kann.
Auch die leib-seelische Einheit des Menschen ist von der intakten Funktionsfähigkeit des Gehirns abhängig. Sie kann im Körper eines Hirntoten weder durch dessen rudimentäre integrative Eigenleistung noch durch maschinelle Unterstützung von außen wiederhergestellt werden. Der Mensch darf nicht dualistisch als nachträgliche Zusammenfügung von Leib und Seele aufgefasst werden, sondern existiert immer als eine ursprüngliche leib-seelische Ganzheit. Diese ist mehr als die Summe ihrer Teile. Deshalb ergibt die Hirntoddefinition vor dem Hintergrund einer ganzheitlichen philosophischen Anthropologie einen Sinn. Der Mensch stirbt, wenn die Einheit seines Organismus in seiner Ganzheit für immer und unwiderruflich zerbrochen ist, wie auch Papst Johannes Paul II. unterstrich: »Der Tod ereignet sich, wenn das geistige Prinzip, das die Einheit des Organismus sichert, seine Funktionen für den Organismus und in ihm nicht mehr erfüllen kann und dessen sich selbst überlassene Elemente sich auflösen.«
Die Organentnahme muss an das Kriterium des Todes gekoppelt bleiben. Relativierende Versuche, den Hirntod zu einem bloßen Etappenschritt im unumkehrbar gewordenen Prozess des Sterbens umzudeuten, wären fatal: Organe würden von noch lebendigen Patienten entnommen, die Operation müsste dann als Vivisektion oder als medizinischer Eingriff mit Todesfolge gelten. Moralisch legitim und unangreifbar bleibt die Praxis der Organtransplantation jedoch nur, wenn zuvor der Tod zweifelsfrei festgestellt wurde.«
Alexandra Manzei: »Nein, Hirntote sind Sterbende«
»Wenn man den Fall des ›Erlanger Babys‹ betrachtet, muss man die Frage, ob ein hirntoter Mensch wirklich tot sei, mit »nein« beantworten. 1992 wurde bei einer schwangeren Frau nach einem Autounfall der Hirntod festgestellt, ihr Fötus lebte mit intensivmedizinischer Unterstützung in ihrem Leib jedoch noch einen Monat weiter. Zwanzig Jahre später sind nun etliche Fälle von hirntoten Schwangeren dokumentiert, die ein Kind entbunden haben. Damit stellte sich die Frage, wie eine Frau tot sein kann, die ein lebendiges Kind in sich trägt. Gleichzeitig steht damit auch die geltende Basis der Organspende zur Disposition. Denn in Deutschland wird der Hirntod mit dem Tod gleichgesetzt und gilt als medizinische und rechtliche Voraussetzung der sogenannten postmortalen Organspende.
Was die meisten Menschen nicht wissen: Hirntote sehen aus wie schlafende oder bewusstlose Patienten, die beatmet werden. Sie haben einen warmen, durchbluteten Körper, sie bewegen sich manchmal, werden ernährt und scheiden aus, können Fieber entwickeln und ihr Herz schlägt. Und weil man nicht wirklich sicher weiß, ob hirntote Patienten bei der Organentnahme noch Schmerzen verspüren, gibt man ihnen vielerorts vor der Explantation sogar noch Schmerzmittel. Dass es sich bei Hirntoten um Verstorbene handeln soll, ist deshalb für das Pflegepersonal in Krankenhäusern – ebenso wie für die Angehörigen – emotional nur schwer nachvollziehbar. Insbesondere die Organentnahme aus dem noch lebenden Körper ist für viele nur schwer zu bewältigen und führt zu großen seelischen Belastungen.
Es stellt sich deshalb die Frage, ob es sich bei Hirntoten wirklich um Tote handelt oder nicht eher um Sterbende, deren Sterbeprozess durch medizinische Technik hinausgezögert wird. In anderen Ländern und auch in der katholischen Kirche wird das Hirntodkonzept deshalb längst angezweifelt. Schließlich handelt es sich beim Hirntodkonzept ja um eine historisch entstandene Grenzziehung zwischen Leben und Tod, die auch durch transplantationsmedizinische Interessen mitbestimmt wurde: Um lebensfrische Organe zu erhalten, wurde der Todeszeitpunkt zunehmend vorgezogen und mit dem Ausfall des Gehirns gleichgesetzt. In den USA hat das President’s Council on Bioethics (das Pendant zum Deutschen Ethikrat) das Hirntodkonzept deshalb 2008 erneut infrage gestellt. Und auch in Deutschland fordern viele Bioethiker und renommierte Kirchenvertreter wie der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki eine erneute Diskussion um die Frage, ob hirntote Menschen tot sind.
Diese weitreichenden Probleme hat man der Öffentlichkeit lange Zeit verschwiegen. Gerade wenn man von den Menschen in Zukunft eine Entscheidung erwartet, muss man ehrlich aufklären und darf nicht weiter behaupten, dass es sich bei Hirntoten um ganz normale Leichen handelt. Man muss klar sagen, dass nicht jeder Tote Organe spenden kann, sondern nur die wenigen, die einen Hirntod erleiden. Deshalb – und nicht wegen mangelnder Spendenbereitschaft – wird es niemals ausreichend Organe für alle bedürftigen Kranken geben. Es ist an der Zeit, in Gesellschaft und Wissenschaft eine offene und ehrliche Diskussion über die Probleme der Organtransplantation und über mögliche Alternativen zu führen.«
