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»Stille Nacht, heilige Nacht«

Das süße Lied eines traurigen Volksschullehrers aus dem Salzburger Land ist der ungeschlagenen Weihnachtshit in der Melbourner St. Mary´s Church. Stundenlang singen es hunderte Menschen in vielen Sprachen. Die Engel im Himmel könnten es nicht schöner. Wer dabei ist, weiß auf einmal, was Weihnachten bedeutet
von Thomas Seiterich vom 23.12.2013
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(Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)
(Foto: Jonathan Stutz/Fotolia.com, mod.)

»O Herr, wir sind eine so verschlossene Gemeinde, kleinkrämerisch und selbstbezogen. Lass uns offener werden für alle Menschen!« So oder ähnlich lautet in jeder Weihnacht eine der Fürbitten, die in der kleinen Kirche St. Mary’s in Thornbury, einem Stadtteil im Norden von Melbourne, vorgetragen werden. Dabei ist St. Mary’s eine der offensten Gemeinden, die ich kenne. Sie lebt nach dem Motto: Dabei sein ist alles! Besonders an Weihnachten.

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Die Kirchentür steht während der Christmette offen. Es ist heiß. Viele Teilnehmer an der Christnacht tragen Muskelshirts. Die meisten kommen von einem der unzähligen Barbecues, mit denen die Australier tief unter dem Southern Cross, dem Kreuz des Südens, die mythenreiche Geburt des Jesuskindes feiern.

St. Mary’s in der Rossmoyne Street 1 unweit der High Street liegt nicht auf der Sonnenseite. Die Gegend in der australischen Metropole Melbourne ist nicht mit großem Wohlstand gesegnet. In die Jahre gekommene, proletarische oder kleinbürgerliche Häuschen bilden dort ein Meer. Die Leute wählen zumeist Labour – das ist in Australien traditionell die Katholiken-Partei – und zählen sich zur Arbeiterklasse. Viele sind Republikaner: Sie verehren nicht die britische Queen im fernen London, wie das die meisten Anglikaner und Wohlhabenden tun (was häufig zusammenfällt).

Dreimal feiern Father Gerald Medici und sein aus Südasien stammender Priesterkollege Antony Gnanapragasam Sonntagsmesse – auch am ersten Weihnachtsfeiertag. Der frühe Gottesdienst um viertel nach neun findet auf Italienisch statt, er wird von vielen süditalienischen Großmüttern besucht, denn die Pfarrei besteht in ihrem Kern aus irischen und später italienischen Einwandererfamilien, die nach einer Generation waschechte »Aussies« geworden sind. Die beiden späteren Eucharistiefeiern um 13 Uhr und um 17.30 Uhr werden auf Englisch zelebriert.

Die Heilige Nacht im bescheidenen Kirchlein St. Mary’s jedoch, in dessen schmächtigem Turm eine einsame, mini-kleine Glocke bimmelt, sprengt alle Grenzen. Denn am Christfest kommen alle. Auch die, die sonst nie dem Ruf des Glöckleins von St. Mary’s folgen: »Stille Nacht, heilige Nacht« heißt der Hit dieser Nacht. Ein Einwanderer-Grüppchen nach dem anderen tritt an den Altar und singt das süße Weihnachtslied, das ein trauriger Volksschullehrer im Salzburger Land einst gedichtet hat.

Gesungen wird »Stille Nacht« mal schnell, mal langsam – auf Marathi, Djerma, Haussa, Russisch, Mandarin, Kantonesisch, Koreanisch, Japanisch, Swahili, Kasachisch, Lingala, Dänisch, Bahasa Indonesia, Arabisch, Tamaschek, Maltesisch, Türkisch, Pashtunisch, Tamil, Singhalesisch, Bulgarisch, Vietnamesisch, Armenisch, Laotisch, Burmesisch, Kinyarwanda, Rumänisch, Katalanisch, Mongolisch, Slowenisch, Tschechisch, Russisch, Litauisch, Lettisch, Slowakisch, Ungarisch, Griechisch, Albanisch, Kosovarisch, Mazedonisch, Kroatisch, Aramäisch, Finnisch, Serbisch, Schwedisch, Baskisch, Norwegisch, Italienisch, Georgisch, Ungarisch, Niederländisch, Spanisch, Portugiesisch, Tagalog, Portugiesisch ... und, und, und.

Das Singen, der Beifall und das obligatorische Sich-verbeugen vor der Krippe dauert gefühlt vier Stunden. In Realität sind es gottlob nur zwei. Dann beginnt mit Schwung die temporeiche Christmette: Nur noch eine Strophe pro Lied! Father Gerald predigt kurz – kürzer als es sein südindischer Amtsbruder täte. Gerald Medici begrüßt alle. Er heißt vor allem all diejenigen willkommen, die soeben vom Festmahl der Heilsarmee für Arme kommen, und er sagt: »Das ist eure Kirche, das ist euer Haus – und der liebe Gott hält zu euch, egal wie verquer die Wege in euren Leben auch manchmal sind.« Ja, und wenig später ertönt die Fürbitte, über die alle Gottesdienstbesucher in St. Mary’s längst lachen: »Lieber Gott, unsere Gemeinde ist so verschlossen, lass uns offen werden für alle.«

Bald, schneller als gedacht, ist der Weihnachtsgottesdienst zu Ende. Draußen wartet eine herrliche Hochsommernacht. Die Sterne glitzern am Südhimmel über der großen Stadt am Meer. An den Häuser, wo die Libanesen und die palästinensischen Familien wohnen, glitzern grün, weiß und rot die Lichterketten.

Heilige Nacht: Zeit für ein paar »Stubbies«, eiskalte Biere auf der Veranda, mit Verwandten, Nachbarn und Freunden.

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Seiterich ist Publik-Forum-Redakteur und hat schon viele Male in St. Mary´s Weihnachten gefeiert – mit australischen Verwandten und Freunden.
Schlagwörter: Gemeinde Kirche Weihnachten
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