Till Bastian: »Wir verlieren unser Ich«
Liberalität, Mobilität, Möglichkeitsfülle: Für die meisten Menschen haben diese Worte einen verheißungsvollen Klang. Till Bastian ist überzeugt, dass sich mit ihnen hinterrücks auch neue Zwänge durchgesetzt haben.
Früher habe man sich stärker an äußeren Normen und Verboten abarbeiten müssen, »heute scheint alles gestattet, anything goes«, fasst Bastian die neue gesellschaftliche Lage zusammen. Was vordergründig als Befreiung erlebt werde, schwäche jedoch das Ich und lasse aus dem Blick geraten, was uns wirklich wichtig sei.
»Das starke Ich wirkt ja auch als Schutz gegen Druck von außen«, sagt Bastian und benennt die Folgen, wenn dieser Druck obsiegt: »Man eifert nur noch einem Lebensstil nach, den andere vorleben. Schließlich bleibt man erschöpft auf der Strecke.«
Eine Hauptursache des so entstehenden »außengeleiteten« Charakters sei das Internet: »Die modernen Kommunikationstechnologien machen es möglich, uns ständig mit anderen auszutauschen. Das Motto lautet: Dabei sein ist alles. Die grundlegende Frage, worüber man sich austauscht, wird gar nicht gestellt.«
Bastian blickt auch in die Vergangenheit - und erkennt entscheidende Unterschiede zur Gegenwart: Die Verkrustung der Adenauer Zeit habe zu den 68ern geführt, »Druck hat Gegendruck erzeugt«. Der heutige »Zwang zur Mobilität« dagegen produziere »Menschen ohne Bodenhaftung«. Bastian plädiert dafür, sich in kleinen verwurzelten Gruppen zusammenzuschließen und anzufangen, die »Überstimulierung in Ton und Bild zurückzudrängen.«
Mehr zum Thema »Ich-Verlust« lesen Sie Sie in Publik-Forum 9/2013, das am Freitag, 17. Mai 2013, erscheint. Dort können Sie das Interview mit Till Bastian im Wortlaut lesen.
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