Tim Bendzko: Meine Art zu glauben
Herr Bendzko, vor Ihrer Musikerkarriere waren Sie Nachwuchsfußballer bei einem Profiverein sowie Student der evangelischen Theologie und nichtchristlicher Religionen. Womit überraschen Sie die Fans Ihrer Musik mehr?
Tim Bendzko: Mit beidem, nur auf unterschiedliche Weise. Wenn die Leute vom Beinahe-Fußballprofi hören, fragen sie sich, warum ich es nicht geworden bin, weil so einer ja für viele heute der Größte ist. Bei den Gründen fürs Theologiestudium gehen die meisten davon aus: Entweder ist man tiefreligiös, oder man hat solche Langeweile, dass man sich nur dort einschreiben lässt, um etwas Bafög abzugreifen. Dass beides bei mir nicht der Fall war, überrascht die Leute. Ich habe Theologie aus Interesse studiert.
War das Interesse familiär geprägt?
Bendzko: Überhaupt nicht. Meine ganze Verwandtschaft ersten und zweiten Grades hatte, soweit ich weiß, nichts mit der Kirche am Hut. Ich bin auch nie in die Kirche gegangen. Das hat sich eher durch die Schule entwickelt.
Inwiefern?
Bendzko: Im Literaturunterricht habe ich gemerkt, dass die gesamte Poetik und Lyrik, eigentlich unsere komplette Kultur durch Religion geprägt ist. Ich wollte einfach wissen, warum Menschen glauben und woran – und weshalb sich der Glauben durch alle Lebensbereiche zieht. Andererseits fand ich die Geschichte der Kirche teilweise so absurd, dass mich ein Blick hinter die Kulissen sehr interessierte. Außerdem sagte meine damalige Deutschlehrerin, dass es ein paar Bücher gebe, die man gelesen haben müsse: die Bibel, den Koran und »Das Kapital«.
Und, haben Sie?
Bendzko: Nicht alle. Aber die Bibel komplett und den Koran zum Teil. Den habe ich nicht mehr durchgehalten, das war nach der Bibel einfach zu viel. Abgesehen davon haben mich auch Medienberichte über religiös motivierte Taten von Menschen beschäftigt.
Haben Sie sich gefragt, warum Leute bereit sind, im Namen eines Glaubens zu töten?
Bendzko: Auch, aber meine Frage ging weiter. Den Fanatismus, der zum 11. September 2001 führte, versteht man natürlich nicht. Andererseits gibt es Fanatiker in jeder Religion, auch im Christentum, aber in unseren Medien wird eben oft der Islam pauschal als Religion dargestellt, die nur boshafte Absichten verfolgt. Diese undifferenzierte Berichterstattung hat mich zum Nachdenken angeregt. Warum bewerten wir es als völlig normal, dass unsere Kultur komplett christlich geprägt ist, während wir relativ wenig Verständnis dafür aufbringen, dass in anderen Kulturkreisen halt andere Religionen prägend sind? Wir tun so, als seien wir extrem tolerant, obwohl wir einen Moslem oft mit einem fanatischen Islamisten gleichsetzen.
Sie sind im Ostberliner Bezirk Köpenick aufgewachsen, keine Hochburg religiösen Lebens. Wie haben Ihre Freunde reagiert, als Sie von Ihrer Studienwahl erzählten?
Bendzko: Meine engsten Freunde wussten ja, dass mich das Thema interessiert, und fanden das überhaupt nicht komisch. Meine Eltern, die ja nie was mit Religion zu tun hatten, schon eher. Da erzähle ich ihnen die ganze Zeit, dass ich Sänger werden will – und dann studiere ich plötzlich Theologie. Das fanden die echt nicht witzig, weil sie merkten, dass es nicht so ein spätpubertärer Spleen von mir war. Die wollten natürlich, dass ich was Sinnvolles mache, und fragten mich besorgt, ob ich denn ernsthaft mal in der Kirche arbeiten wolle.
Und?
Bendzko: Ich konnte sie beruhigen, denn nie hatte ich im Sinn, Pfarrer zu werden. Mein Theologiestudium war mehr so ein Eintauchen in eine philosophische Gedankenwelt. Meine Eltern haben das akzeptiert.
Was hat Sie im Studium besonders interessiert?
Bendzko: Die fünf Semester haben mir viel gebracht. Vor allem haben sie mein Bewusstsein geschärft, dass bei uns laut Verfassung zwar Staat und Religion getrennt sind, die Realität de facto aber anders aussieht. Unsere Gesellschaft und die ganze Politiklandschaft sind von Religion durchsetzt, was erst mal keine Wertung ist, sondern eine Feststellung. Genau das macht es jedoch schwierig, anderen Ländern eine solche Verquickung als falsch vorzuhalten. Natürlich gibt es bei uns keine religiöse Gesetzgebung, aber das Land wird von einer christlich-demokratischen Partei regiert. Wir finden daran nichts Anstößiges. Aus der Perspektive eines Moslems ist es wiederum normal, wenn in seinem Land eine religiöse Partei regiert. Solche Dinge im Zusammenhang zu sehen finde ich wichtig. Mir hilft es jedenfalls, mit vielen Dingen entspannter umgehen zu können. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille.
Haben Sie als Musiker mit vielen Kollegen unterschiedlichster Religionen zu tun?
Bendzko: Nein, eigentlich habe ich in meinem engeren Freundeskreis überhaupt niemanden, der total religiös ist.
Würden Sie sich als Christen bezeichnen?
Bendzko: Auf gar keinen Fall, weil es impliziert, dass man einer Religion anhängt. Ich bin nicht Teil einer Religion und werde es nie sein.
Glauben Sie an Gott?
Bendzko: In dem Sinne, dass ich darauf vertraue, dass alles miteinander zusammenhängt, habe ich eine Art Glauben. Und wenn etwas krass läuft, spreche ich natürlich auch Stoßgebete in mich hinein. Ich muss mir auch keine religiösen Richtlinien auferlegen, um mir vorzunehmen, mich so anständig wie möglich zu verhalten, in der Hoffnung, dass dann auch anständige Sachen zurückkommen.
Hallt Ihr Theologiestudium in Ihrem Songschaffen irgendwie nach, außer durch die vereinzelte Verwendung biblischer Bilder wie »Ich kann nicht über Wasser laufen«?
Bendzko: Der Song mit dieser Zeile ist ein gutes Beispiel, was ich damit meine, auch als Nichtchrist eine Art Gebet zu sprechen. Das Lied wirft ja die Frage auf, ob man dankbar genug ist: nicht einer konkreten Person gegenüber, sondern dass man einfach lebt und so ein Glück im Leben hat wie ich als Musiker. Weil ich schon beim Schreiben gewusst habe, dass viele es sofort als Liebeslied abstempeln würden, habe ich mir überlegt: Okay, jetzt müssen religiöse Bilder her, um die höhere Aussageebene zu verdeutlichen (lacht). Ich wollte die Frage nach ausreichender Dankbarkeit nicht auf Gott beziehen, sondern auf alles, die Eltern oder andere wichtige Partner. Mit den Erkenntnissen aus meinem Studium hat das allerdings nichts zu tun. Oder nur insoweit, als es mich bestärkt hat in dem Wissen, dass man Dinge immer hinterfragen sollte.
Sie bieten Ihren jungen Fans eine coole Plattform, sich mit existenziellen Fragen wie der nach dem Glauben an Liebe oder an die Ewigkeit von Gefühlen zu beschäftigen. Erklärt das einen Teil Ihres Erfolges als Musiker?
Bendzko: Das Wundervolle an Musik ist doch, dass sie Emotionen transportieren kann, aber keiner so richtig weiß, wie das geht. Wenn sie gut ist, wird sie etwas mit den Leuten machen, unabhängig von der Sprache und vom Thema.
Während Popstars in Amerika ihre Gläubigkeit oft regelrecht zur Schau tragen, bekommen deutsche Kollegen wie Xavier Naidoo für so viel Sendungsbewusstsein eher Häme. Wird man auch deshalb vorsichtig?
Bendzko: Nö. Wenn ich bei meinem Debüt-Album 14 tiefreligiöse Songs geschrieben hätte, wäre es sicher ein großes Eigentor gewesen. Grundsätzlich denke ich aber nicht darüber nach, ob meine Texte überall ankommen. Es kann also gut sein, dass ich mich in einem Song intensiv mit Glaubensfragen befasse. Dafür muss ich nicht der allergläubigste Mensch sein. Wenn ich Scheu hätte, damit meine Fans zu verprellen, könnte ich gleich mit dem Musikmachen aufhören.
Sie waren zuletzt Juror bei der TV-Show »The Voice Kids«. Warum haben Sie dort mitgemacht?
Bendzko: Ich wurde freundlich gefragt und fand das Konzept spannend und überzeugend. Ich mag generell den Wettbewerbsgedanken und mache gern Sachen, vor denen ich Riesenschiss habe.
Hätten Sie als Kind gern an so einer Show teilgenommen?
Bendzko: Auf jeden Fall, aber zu meiner Zeit gab es nur die Mini-Playbackshow. Die habe ich immer geguckt, aber da wollte ich nicht mitmachen, weil man sich da verkleiden und Playback singen musste. Heute sind die Kids ja schon viel weiter, die schreiben teilweise sogar schon Songs.
Wie stehen Sie zur Kritik, dass man Kinder nicht so früh auf die Bühne zerren sollte?
Bendzko:Es war klar, dass es die Diskussion geben würde. Ich bin ein großer Fan des Hinterfragens und möchte mal einen Vergleich ziehen. In jeder Sportart in Deutschland ist es so, dass Kinder mit sechs, sieben Jahren fünfmal in der Woche zum Training gefahren werden und man ihnen dort sagt: Mach dieses und jenes. Aber wenn jemand Sänger werden und auf der Bühne stehen will, dann wird das nicht gern gesehen. Da stutze ich. Ich sehe jedenfalls den Hauptgewinn für die Kinder darin, dass sie neben dem Erlebnis eine echte Entscheidungshilfe bekommen, ob die Singerei ernsthaft was für sie ist. Als Juroren haben wir immer konstruktive Kritik geübt, und ich glaube, dass die Kids viel besser mit der umgehen können als Erwachsene, die schon zehn Jahre lang professionell singen. Wenn die es mit so einem Showauftritt endlich reißen wollen und dann dreht sich kein Juror um, ist das für die viel schlimmer. Kinder werden einfach auch unterschätzt. Wenn Achtjährige Fußball spielen – und ich habe mal welche trainiert –, dann gewinnen die auch nicht jedes Spiel und die verkraften das gut. Es ist schon krass, wie viel mehr der Fußball gefördert wird als das Musikmachen.
