Vernetzen und verletzen
Der Bildschirm flackert. Julians* Hände zittern ein wenig. Nicht schon wieder. Warum? Warum er? Warum machen sie das? Seine Augen schauen schockiert auf den Bildschirm. Das Internet. Für die einen stellt das Netz ein wahres Kommunikationswunder dar: E-Mails erleichtern lästiges Briefeinwerfen oder langwierige Telefonate. Man trifft sich virtuell mit »Freunden« im Netz. Myspace. StudiVZ, SchülerVZ. Twitter. Facebook. Man bekommt in Millisekunden gewünschte Informationen, gebündelt, wie man sie braucht. Das Internet. Doch welche andere Seite dieses Medium hat, das weiß Julian nur zu gut.
Wer sind die Täter? Er hat nur einen Verdacht
Er fürchtet sich schier davor, seinen Computer hochzufahren. Julian trifft im Netz nicht nur auf Freunde. Es lauern Täter. Überall. Zum Beispiel bei ICQ. Dort liest er Dinge über sich. Beleidigungen. Lügen. Dinge, die verletzen. Dinge, die nicht stimmen. Dinge, die einfach so wehtun. Angefangen hat das alles vor vier Monaten. Wer die Täter sind – dazu hat Julian nur einen Verdacht: Er, ein Mathe-Ass, hat einer Schulfreundin bei der Vorbereitung einer Matheklausur geholfen. Nachmittags ist er zu ihr nach Hause gefahren. »Das könnte ihr Freund womöglich missverstanden haben.« Denn ein paar Tage später kamen die ersten E-Mails mit: »Ich beobachte dich. Mach keinen Scheiß!« Immer wieder diese beiden Zeilen. »Am Anfang dachte ich, es wäre nur ein Spinner.« Julian denkt nicht weiter drüber nach. Welches Ausmaß das annehmen würde – das hätte sich Julian niemals träumen lassen. Mobbing. Aber nicht so, wie man sich das vorstellt: verbales Mobbing, Körperlich-Werden, Ausgrenzen auf dem Schulhof, der Letzte sein beim Mannschaften-Bilden … Nein. Unterschwelliger. Latenter. Öffentlicher. Verletzend: im Netz. Tagein, tagaus.
Julian ist kein Einzelfall
Erst kann er seinen Augen nicht glauben, als er sieht, was über ihn geschrieben wird. Öffentlich. ICQ. An seine Kontaktliste. Über SchülerVZ. Das kann jeder lesen. In der Schule schauen ihn immer mehr Leute komisch an. Tuscheln. Drehen sich um, wenn er vorbeigeht. Auf dem Weg nach Hause kreisen seine Gedanken nur darum, schnell ins Netz zu gehen, um zu suchen. Was ist jetzt passiert? Er findet Videos bei YouTube, auf denen Ausschnitte von ihm zu sehen sind. Aufgenommen vermutlich mit der Handykamera. Der Film wird kommentiert mit den miesesten Worten. Von wem? Warum? Beleidigungen aufs Äußerste. Das tut weh. Julian ist kein Einzelfall.
Plötzlich taucht ein Nacktfoto von Rieke auf
Auch Rieke (17) kennt den Schmerz aus dem Netz: »Ich wurde belästigt. Ständig habe ich SMS bekommen mit Anschuldigungen, Beleidigungen fiesester Art. Dann kamen E-Mails dazu. Anhang: Ein Bild von ihr. Nackt. In eindeutiger Pose. Mit Kommentaren. Absender: Unbekannte Adresse. Eine Fake-Adresse, aber im CC der Junge, den Rieke schon lange gut findet. »Das war so schlimm. So peinlich.« Am nächsten Tag in der »realen Welt« wissen es viele andere. Und immer mehr. Das spricht sich rum. »Ich habe mich nicht mehr in die Schule getraut. Alle wussten es. Es wurde getuschelt. Und keiner will es gewesen sein.« Aber es wird noch schlimmer. Fotos, aufgenommen mit der Handykamera in Pausen oder auf Schulausflügen, werden bearbeitet, und ein regelrechter Battle scheint zu entstehen: »Wer erstellt das gemeinste und ekelhafteste Rieke-Bild« mit den »fiesesten Kommentaren« dazu. Über SchülerVZ erkennt sie Gruppen von Mitschülerinnen und Mitschülern, in denen über sie getratscht wird. »Und dann kamen die Fotos. Mit Photoshop bearbeitete Fotos. Von mir. Überall. Im Netz – sie wurden rumgeschickt und getauscht, verändert und ausgedruckt habe ich sie nach der Schule in meiner Tasche gefunden.« Rieke erzählt es erst einmal niemandem und bleibt allein mit ihren Sorgen. Ihrer Angst. »Es ist auch so peinlich, was da geschehen ist. Ich fühlte mich einsam und hilflos.« Die sonst so aufgeweckt Rieke wird stiller. Ihre Noten werden schlechter. Immer öfter klagt sie über Bauchschmerzen und will lieber im Bett bleiben, als in die Schule zu gehen. Ihre Eltern sind besorgt. Irgendwann stellen sie Rieke zur Rede.
Die Lehrer sind hilflos
Als sie dann von der Sache erfahren, schlagen sie Alarm. Sie sprechen mit Riekes Lehrern. Von ihnen hatte niemand etwas mitbekommen, außer dass Riekes Noten in den Keller gefallen sind – aber das sei ja in dem Alter nichts Außergewöhnliches. Dabei sollten gerade Lehrpersonen mit diesem Thema besonders vertraut sein: Einer Studie nach (JIM-Studie, 2009) findet Cybermobbing fast ausschließlich in der Alltagsumgebung der Opfer statt: Schule spielt hier also eine entscheidende Rolle! Im Gespräch mit einem Gymnasiallehrer wird die oft hilflose Situation von Lehrerinnen und Lehrern deutlich: »Wir wissen, dass es Mobbing auch im Netz gibt. Wir versuchen dieses Thema im Unterricht zu behandeln. Wir versuchen, uns Hilfe von außen zu holen, wie Anti-Mobbing-Trainer oder geschulte Polizeibeamte, die Workshops zu den Themengebieten anbieten. Aber das Schwierige ist einfach, dass vieles außerhalb der Schule stattfindet. Da haben wir kaum Einfluss drauf! Da sind auch wir hilflos!«
Das Netz verfolgt dich überall
Rieke hat Glück. Ihre Eltern ziehen aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt. Sie wechselt die Schule. »Aber selbst jetzt, wo wir so weit von dem Tatort entfernt wohnen – ich kann das nicht vergessen, wenn ich online gehe und auf die Foren zurückgreife. Das Netz ist eben nicht an einen Platz gebunden.«
Claude geht es ähnlich. Sie berichtet von lästigen Anrufen. Tagelang, nächtelang, wochenlang. Obszöne Anrufe. Sie fühlt sich schlecht. Belästigt. Schaltet ihr Handy aus. Wechselt ihre Nummer. Dann folgen E-Mails: »Du kannst uns nicht entkommen. Wir sehen dich.«
Die Geschichten von Julian, Rieke und Claude machen deutlich: Mobbing in dieser Form ist anders als »Mobbing in der Schule«: Cybermobbing endet nicht mit Schulschluss. Cybermobbing geht weiter. Die Täter (»Bullies«) graben sich in die eigene Privatsphäre hinein. Rund um die Uhr. Das »Publikum« erweitert sich und ist unüberschaubar. Viele, viele andere User können das Geschehen verfolgen. Und Cybermobbing geht noch weiter. Es endet nicht mit dem realen Geschehen selber. Das Internet speichert und saugt die Informationen auf wie ein Schwamm. Und spuckt sie aus, wenn jemand sie haben möchte. Claude geht in die Offensive. Sie spricht mit ihren Eltern, und sie gehen gemeinsam zur Polizei. Das Anti-Stalker-Gesetz hilft ihr – sie erstattet Anzeige gegen unbekannt. Die Polizei nimmt Claudes Verdacht ernst, dass sich hinter den Anrufen ein Junge aus ihrer Parallelklasse verbirgt, den sie mehrere Male hat abblitzen lassen. Sie stellt den vermutlichen Täter zur Rede. Nach mehreren Anläufen und Gesprächen gesteht er immer noch nicht. Aber die Anrufe und Droh-E-Mails hören auf.
Megan hat es nicht überlebt
Wie weit Cybermobbing gehen kann, zeigt die erschütternde Geschichte der 13-jährigen Megan aus dem Bundesstaat Missouri, USA: Über Myspace bekommt sie 2006 eine Freundschaftseinladung von Josh. Josh sieht gut aus, ist mit 16 Jahren älter als Megan. Als gut behütetes 13-jähriges Mädchen fragt Megan erst ihre Mutter um Erlaubnis, der Freundschaftseinladung zuzustimmen. Nach einem kritischen Blick stimmt ihre Mutter zu: Josh ist eher zurückhaltend, fragt nicht nach einer Adresse oder Telefonnummer, bohrt nicht in Privatem herum. Megan und Josh werden Freunde. Im Netz. Nach der Schule sitzt Megan erwartungsvoll hinter dem flackernden Bildschirm und ist gespannt auf eine neue Nachricht. Megan erhält oft Mails von Josh. Sie schreiben hin und her. Her und hin. Sie tauschen sich aus über Träume, über Gefühle. Megan scheint richtig verliebt zu sein in ihre Internetbekanntschaft. Sie geht freudestrahlender durchs Leben. Mutter und Vater sind erleichtert. Megan hatte große Probleme und neigte zu Depressionen, als sie jünger war. Das Aufblühen ihrer Tochter genießen sie, und sie freuen sich mit ihr. Das Ganze läuft sechs Wochen lang.
Dann passiert es. Aus heiterem Himmel. Megan erhält wieder eine Nachricht von Josh. Aber dieses Mal eine andere. Keine voller lieber Worte. Keine, die sie glücklich macht. Eine bitterböse. Mit Anschuldigungen. Mit Vorwürfen über Vorwürfen. Josh möge mit einer solchen Person nichts mehr zu tun haben. Eine Person, die ihre Freunde schlecht behandle. Das sind die letzten Worte, die Megan liest. Sie fällt. Sie ist verzweifelt. Tief verzweifelt. Megans Herz zerbricht.
Rache für einen längst vergessenen Streit
Megan erhängt sich im Keller ihres Elternhauses. Sie wird nie mehr erfahren können, dass es einen 16-jährigen Josh niemals gegeben hat. Megan wird niemals erfahren, dass sich hinter ihrer Internetfreundschaft Josh eine ehemalige Freundin mit ihrer Mutter verbargen. Megan wird nie erfahren, dass sich Mutter und Tochter an ihr wegen eines längst vergessenen Streits rächen wollten und sich auf hinterlistigste Weise Megans Herz durch die erfundene Person Josh erschlichen.
Dieses grausame Beispiel zeigt, welches Ausmaß Cybermobbing haben kann. Aufklärung ist dringend gefordert. Denn viele Opfer fühlen sich verunsichert, wie sie in einer solchen Situation handeln können, Eltern berichten von Verharmlosungen der Polizei, und Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich hilflos. Dazu kommt eine gefährliche Naivität der Täter. Viele verstehen das Unrecht ihrer Tat überhaupt nicht. Ihnen ist nicht klar, dass auch im Internet nicht alles erlaubt ist.
Das Internet kann vernetzen und verletzen. Das liegt manchmal näher beieinander, als man denkt.
