Was ist Akzeptanz?
Conchita Wurst hat für Österreich den Eurovision Song Contest gewonnen. Die Zuschauer wählten sie mit großem Vorsprung auf den ersten Platz. Auch das verhaltenere Voting der Jurys konnte daran nichts ändern (Endergebnis 290 Punkte vor dem Beitrag der Niederlande mit 238 Punkten).
Das für die breite Masse sichtbare Ergebnis über diesen Abend hinaus: Auf jeder Internetseite mit eingebettetem Informationsdienst lächelt mir nun eine hübsche Schwarzhaarige mit Vollbart entgegen. Ich bin irritiert. Das geht mir jetzt schon ein paar Tage so. Immer wenn ich das Bild von dieser Frau mit Bart sehe. Ich wäre gern weniger irritiert.
Ich halte mich für offen, tolerant und aufgeklärt, was die Theorien des Gender-Mainstreaming angeht. Ich teile nicht jede Ansicht dieses Forschungszweiges, doch vieles finde ich bedenkens- und lebenswert: die unbedingte Akzeptanz von Menschen, unabhängig von Geschlecht oder anderen äußeren und äußerlichen Anzeichen. Denn spätestens, allerspätestens seit dem vergangenen Samstag erweisen sich die »klassischen« Geschlechterkategorisierungen als unzureichend.
Der Sieg der Dragqueen wird nun in vielen Zeitungen als »Sieg für die Schwulen und die Queer-Community« gefeiert. Aber: Ist das wirklich so?
Zunächst ist der Gewinn des ESC ja ein Sieg für die Künstlerin Conchita Wurst. Und natürlich für Österreich, das Land, das sie nach Kopenhagen schickte. Wenn das Ergebnis aber ein Sieg für Schwule und Lesben sein soll, heißt das im Rückblick auf alle vorherigen ESCs: Die Siege aller Gewinner verwandeln sich in Siege für die jeweilige sexuelle Ausrichtung der Künstler. Im vergangenen Jahr gab es also einen Sieg für die Heteros. Und das kann’s ja wohl nicht sein.
Dass die sexuelle Ausrichtung des Künstlers die Schlagzeile hergibt, zeugt gerade nicht von Akzeptanz. Ganz im Gegenteil zeugt dieses Phänomen davon, wie wenig selbstverständlich wir noch immer mit sexueller Vielfalt umgehen.
Vielmehr Akzeptanz zeigt sich im Zuschauer-Voting, das maßgeblich für den Sieg von Conchita Wurst verantwortlich war. Selbst Zuschauer aus Ländern, deren politische Führungen klar homophobe Tendenzen zeigen, wählten die Dragqueen aufs Siegertreppchen. So voteten die weißrussischen Zuschauer Conchita auf den dritten Platz.
Die Akzeptanz der Queer-Community scheint also in der europäischen Bevölkerung weit ausgeprägter zu sein als in der europäischen Medienwelt. Die macht in ihren Artikeln lieber »Körperpolitik mit Gesang« (erklärt uns Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau) als Sachberichterstattung über eine Selbstverständlichkeit. Ich sage: Lasst doch die Menschen einfach Menschen sein! Wenn wir mal soweit sind, ist auch eine Conchita Wurst nur noch das, was sie beim ESC sein sollte: Teilnehmerin eines Gesangs-Wettbewerbs.
In den nächsten Wochen lesen Sie in der neuen Serie »Medien machen Menschen« auf www.publik-forum.de regelmäßig Blogs Erlanger Studierender.
