Wege zur Heilung
Gesundheit ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Gesundheit, heißt es. Wer krank ist, dessen Alltag gerät leicht aus dem Gefüge, dessen Gedanken beginnen schneller zu kreisen, als einem lieb ist, nicht selten wird gleich das ganze Leben infrage gestellt. Wenn wir nicht gesund sind, dann trifft es uns ganz und gar. Und oft genug ist es nicht erkennbar, ob die Krankheit von der Seele oder vom Körper ausgeht – oder ob beides gar nicht zu trennen ist.
Umgekehrt ist Gesundheit aber viel mehr als die Abwesenheit von Beschwerden, da genügt ein Blick in die Definition, die die Weltgesundheitsorganisation WHO anbietet. Gesundheit, so heißt es dort, sei ein Zustand des kompletten physischen, mentalen und sozialen Wohlbefindens. Und viele fügen heute hinzu: auch des spirituellen Wohlbefindens. Gesundheit hat mit einem Gleichgewicht zu tun, das sowohl Körper, Seele und Geist betrifft, das darüber hinaus »gesunde« Beziehungen zu Familie, Freunden, Tieren, Pflanzen und der Welt insgesamt miteinschließt, ja, das noch weiter weist, in ein spirituelles Gleichgewicht. Heilung hat mit Heil zu tun. Und Heil meint eine Ganzheit, die viel mehr ist, als das, was gewöhnlich in den Arztpraxen und Krankenhäusern im Blick ist.
Die Zeit der Glaubenskriege ist vorbei, und zunehmend mehr Menschen sehen, dass die sogenannte »Reparaturmedizin« und die sogenannte »Alternativmedizin« keine unvereinbaren Gegensätze mehr bilden, sondern sich ergänzen. Wer Heilung sucht, dem geht’s ums Ganze. Wie Heilung im Körper geschieht, das kann sowieso niemand sagen, auch nicht, das darf man nicht vergessen, die klassische »Schulmedizin«. Heilung hat ihren Ort zwischen Menschen, als Beziehungsgeschehen zwischen Heiler und Patient, Heilung hat ihren Ort aber auch zwischen Himmel und Erde, und die als Medizin verabreichten Stoffe können ebenfalls einen heilsamen Beitrag leisten.
Nachdem es historisch guten Sinn hatte, dass sich die Medizin von den Kirchen und ihren Lehren emanzipierte und Krankheit nicht mehr länger als Folge der Sünde gesehen wurde, nachdem es ebenso guten Sinn hatte, dass die Psychologie die Seele manch überkommenen Formen der Seelsorge abspenstig gemacht hat, entdecken jetzt beide Disziplinen, dass sie womöglich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben. Mediziner merken: Auch Spiritualität kann den Menschen helfen, gesund zu werden. Psychotherapeuten verlieren die Angst vor der religiösen Seite der Seele und klammern die Gottesfrage nicht länger aus.
In diesem Heft geht es um Erfahrungen. Erfahrungen mit Unerklärlichem, mit Heilung. Von schamanischen Riten, die von den aufgeklärten Europäern oft als magisch belächelt werden, wird genauso berichtet wie über die Arbeit derjenigen, die sich in der englischen Geistheilertradition sehen. Mediziner, die bei sich selbst und bei ihren Patienten bewusst auch spirituelle Momente wahrnehmen, kommen zu Wort. Ganz unterschiedliche Menschen erzählen von ihren Erfahrungen mit Krankheit und Heilung. Dabei steht in diesem Heft das Staunen ganz oben. Das Staunen über etwas, was kein Heiler wirklich in der Hand hat – die Heilung. Wer heilt, so heißt es, hat recht. Aber wer ist das?
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