»Wir plündern fremdes Leben aus«
Publik-Forum: Herr Wenders, was inspiriert Sie? Beruhen Ihre Filme auf eigenen Erfahrungen?
Wim Wenders: Ein Film muss auf einer Erfahrung beruhen, sonst wird er pure Behauptung. Wenn man sich auf einem Gelände bewegt, auf dem man sich nicht auskennt, ist man nicht mehr bei sich selbst – wie ein Fisch auf dem Trockenen. Wenn ein Erzählen nicht von einer Erfahrung getragen ist, handelt es nur noch von bloßen Erfindungen. Und das ist ganz dünne Luft …
In Ihrem neuen Film »Every Thing Will Be Fine« wird der Schriftsteller Tomas in einen Unfall verwickelt. Ein kleiner Junge stirbt. Der Mann ist nicht schuld – und doch macht dieses Ereignis Tomas zu einem anderen Menschen. Auf welcher Erfahrung beruht dieser Film?
Wenders: Wie jeder Mensch kenne ich diese Momente, in denen man Schuldgefühle entwickelt, ob man sich nun unbedingt etwas vorzuwerfen hat oder nicht. Man grämt sich lange mit dieser quälenden Frage: »Was wäre gewesen, wenn …?« So geht es auch dem Tomas. Nur er selbst weiß, ob er nicht wirklich im Moment des Unfalls etwas unaufmerksam war. Mir selbst ist noch nie so etwas Schlimmes widerfahren wie unserem Hauptdarsteller. Aber in kleinen Momenten natürlich schon oft.
Wann denn?
Wenders: Spontan fällt mir ein, wie ich als Kind mit meinem Bruder gespielt habe. Wir haben rumgetollt und uns an den Händen gehalten und im Kreis gedreht. Dann habe ich plötzlich losgelassen. Er ist mit dem Kopf auf einen Stein geprallt, es blutete wie irre, und er hatte eine dicke Platzwunde, die genäht werden musste. Ich habe mir wahnsinnige Vorwürfe gemacht. Auch heute denke ich oft darüber nach, wie sehr ich mit meinem Handeln Einfluss auf das Leben anderer habe – gewollt oder ungewollt.
Auch als Filmemacher?
Wenders: Gerade als Filmemacher! Als Dokumentarfilmer tauche ich in das Leben anderer Menschen ein und werde ein Teil davon – selbst wenn ich versuche, mich im Hintergrund zu halten. Indem ich ihren Alltag mit meinen Augen sehe und darüber berichte, beeinflusse ich ihn auch. Aber auch Spielfilme können viel in Menschen auslösen. Es gibt Filme, aus denen man herauskommt, und dann erscheint alles in einem anderen Licht. Manchmal braucht es ja nur einen kleinen Anstoß, der dann große Folgen haben kann.
Man sagt, der Flügelschlag eines Schmetterlings könne einen Tsunami auslösen.
Wenders: So ist es auch. Und manchmal ist einer dieser Flügelschläge, die man selber gemacht hat, dran schuld, dass andere Menschen zu Schaden kommen. Dann fragt man sich: Hätte ich diesen Flügelschlag vermeiden können? Man rutscht in das Leben von bisher fremden Menschen hinein und ist plötzlich eng mit ihnen verbunden. Das habe ich selber einmal erlebt, noch als Student, als ich Zeuge eines schlimmen Verkehrsunfalls wurde.
Was ist da passiert?
Wenders: Ich war in einer Winternacht mit meiner »Ente« auf einer französischen Landstraße unterwegs. Im Schneetreiben hatte ein Lkw einen Kombi gerammt. Der Lkw lag auf einer Straßenseite, der Pkw auf der anderen. Der Wagen lag auf dem Dach und drin vier Erwachsene, offensichtlich alle schwer verletzt, sie röchelten nur noch. Aber ein kleiner Junge lag neben dem Auto, er war aus dem Fenster gekrabbelt. Ich war der Erste am Unfallort. Handys gab es damals noch nicht. Ich habe kurzerhand den Jungen hochgehoben und bin losgefahren bis zum nächsten Haus, von wo aus ich anrufen konnte. Der Kleine klagte über furchtbare Schmerzen. Nachdem ich die Feuerwehr über den Unfallort verständigt hatte, habe ich ihn noch zum Krankenhaus gebracht. Dann habe ich bis zum Morgen in der Rettungsstelle gewartet, bis ich erfahren habe, dass alle vier Menschen in dem Auto gestorben waren.
Haben Sie den Jungen wiedergesehen?
Wenders: Nie. Die Polizei hat mir seinen Namen nicht gegeben. Aber diese Nacht und diese Fahrt mit ihm sind mir sehr nahe gegangen. Wieder und wieder habe ich mich gefragt: Habe ich alles richtig gemacht? Hätte ich an der Unfallstelle bleiben sollen? Was ist aus dem Jungen geworden? Ich habe monatelang davon geträumt. Dabei traf mich ja gar keine Schuld. Ich war nur zufällig der Erste, der da war.
Sind Sie diese Bilder jemals wieder losgeworden?
Wenders: So etwas kann man nicht löschen. Mir ist immer noch jede Sekunde in Erinnerung. Aber in der Beziehung bin ich wie die meisten Männer: Ich kann über solche Erlebnisse nicht wirklich reden, um sie zu verarbeiten. Ich sublimiere das und versuche meine Emotionen, Erinnerungen oder Ängste mit Schreiben oder eben in einem Film loszuwerden. Frauen würden ihre Gedanken mit anderen teilen und so lange über dieses schreckliche Erlebnis reden, bis es nachlässt oder durch das Mitteilen doch eine Linderung eintritt. Diese Art, mit Problemen umgehen zu können, bewundere ich.
Und handeln doch selbst ganz anders.
Wenders: Männer haben diese Fähigkeit nicht so. Sie fressen Sachen eher in sich rein. Ich habe eigentlich erst durch das Filmemachen gelernt, mich mitzuteilen. Das ist ja ein sehr sozialer Beruf, bei dem man überhaupt nur etwas machen kann, wenn man sich auf andere einlässt oder auf sie verlässt. Nicht nur auf die Schauspieler, auch auf die Komponisten, Drehbuchautoren, Kameraleute, den Produzenten, die Verleiher, das Publikum. Aber ich verdanke es vor allem meiner Frau, dass ich allmählich gesprächiger geworden bin, ja, dass ich Gespräch und Austausch überhaupt als Wert erkannt habe.
Für Tomas, die Hauptfigur Ihres neuen Films, ist der Unfall auch ein Schlüsselerlebnis, das ihn zu einem besseren Autor macht. Genau das wirft ihm der Bruder des toten Jungen später vor.
Wenders: Und aus seiner Sicht hat dieser junge Mann auch ganz recht! Der liest die Bücher von Tomas und fragt : »Bin ich das?« Auf einmal stehen alle die Probleme wieder vor Tomas, die er erfolgreich verdrängt oder abgearbeitet hat. Durfte er das? Darf man aus dem Leiden anderer eine Fiktion kreieren? Darf man es für sich nutzen sozusagen? Das ist die eigentliche Schuldfrage unseres Films »Every Thing Will Be Fine«.
Muss sich auch ein Filmemacher dieser Frage stellen?
Wenders: Diese Frage stelle ich mir immer, wenn ich einen dieser Filme sehe, auf denen steht: »Nach einer wahren Geschichte«. Was denken wohl die Menschen, denen das passiert ist, über diesen Film? Wissen sie, dass ihre Geschichte benutzt worden ist? Und wenn ja: Wie fühlen sie sich damit? Ausgeplündert? Ausgebeutet? Ich bin aus eigener Erfahrung zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch, dem eine gewisse Sache passiert ist, in jedem Fall wichtiger sein muss als das, was man daraus macht. Der Mensch muss immer Vorrang haben vor jedweder Fiktion oder Erfindung. Auch Tomas lernt das am Ende des Films.
Gab es in Ihrem Leben auch so ein Schlüsselerlebnis, das Sie zu dem Menschen gemacht hat, der Sie heute sind?
Wenders: Das war 1989, als ich meinen Vater die letzten Monate seines Lebens begleitet habe. Als Kind war mir mein Vater immer als Vorbild erschienen, und dann hatte ich Abstand zu ihm gesucht. Nun wurde er auf eine ganz unerwartete Weise wieder ein Vorbild und ein Beispiel dafür, was ein Leben in seiner Essenz sein konnte. Als Arzt hat er genau gewusst, was für Chancen er noch hatte und wie viel Zeit ihm noch blieb. Das hat er höchst realistisch fast auf den Tag genau eingeschätzt. Und sich am Ende geradezu darauf gefreut. Jemanden, der einem so nah ist, ganz bewusst auf den Tod zugehen und dann auch ohne Bedauern sterben zu sehen, das verändert alles. Und vor allem zu erleben, wie sein Gottvertrauen und sein Glauben im Angesicht des Todes nicht geschwankt haben, sondern nur noch wirklicher und unbedingter geworden sind, das hat mich zutiefst beeindruckt und getroffen. Meine Ablehnung von Religion lag damals vor allem an den formelhaften und institutionellen kirchlichen Mustern, mit denen ich nichts mehr anfangen konnte. Aber meinen Vater seinen Glauben im Tod so leben zu sehen – dieses Beispiel hat auch mir wieder einen neuen Zugang dazu gegeben. Außerdem war da noch diese Nahtoderfahrung.
Sie hatten eine Nahtoderfahrung?
Wenders: Ich lag im Krankenhaus auf einem Tisch und die Ärzte schauten ratlos auf mich herunter. Ich hatte einen Puls nahe am Herzflimmern, und sie wussten nicht mehr weiter. Als ich dann langsam das Bewusstsein verlor, bin ich »gestorben« oder habe zumindest den Tod als solchen zu erleben geglaubt. Es wurde ganz ruhig in mir und still, und ich hatte überhaupt keine Angst mehr. Und dann wurde es wunderbar hell und »schön«, in Ermangelung jedes anderen Wortes, und ich bin auf dieses Licht zugegangen. Und dachte nur immer den einen Gedanken: »Wenn ich das doch nur noch meinen Eltern mitteilen könnte, dass sie sich nicht grämen müssen. Und dass es jetzt so viel klarer weitergeht!« Das Aufwachen im Krankenhauszimmer am nächsten Morgen war dann sehr ernüchternd. Das habe ich – ja, in der Tat – zuerst wie eine Enttäuschung erlebt. Aber bald danach war dann jeder Moment wieder kostbar. Jedes Hinausschauen aus dem Fenster, jeder Besuch von Freunden: Es war alles wie neu geschenkt. Und dass die Ärzte diese Erfahrung nachher als »Infarktgeschehen« diagnostizierten, war mir dann auch wurscht ...
Darf ich zum Schluss noch was ganz Profanes fragen? Sie waren dreimal für den Oscar nominiert, haben aber nie einen bekommen. Quält Sie das?
Wenders: Bei Licht betrachtet, ist so ein Oscar doch sehr kurzlebig. Man weiß schon bald nicht mehr, wer voriges Jahr gewonnen hat. Was bleibt, wenn man gewonnen hat, ist diese Klammer hinter dem Namen. Bei mir steht halt ab jetzt auf den Plakaten »Wim Wenders (dreifach Oscar-nominiert)«. Man wird deswegen weder ein besserer Mensch noch ein besserer Regisseur.
