Work-Wife-Balance
Vorsichtig versuche ich ihn zu beruhigen, während nach und nach die anderen Mitglieder unseres Männerkreises eintrudeln: »Sieh mal, Erzieherinnen werden wirklich unterbezahlt. Ich kann das gut nachvollziehen …«
»Ach was«, unterbricht mich Jochen, »darum geht es doch gar nicht. Ich rege mich tierisch darüber auf, dass in allen Medien die armen Mütter bedauert werden, die jetzt Krisenbewältigung machen müssen. Die Muttis, die verzweifelt ihre sozialen Netzwerke ausreizen …« Wütend richtet er seinen Oberkörper auf. »Und wer spricht von uns Männern? Wer spricht von mir? Von meinem Leid?« Mit einem berufsbedingt seelsorgerlichen Unterton sage ich: »Erzähl!«
Aufbrausend fängt er an: »Bisher hat das immer gut funktioniert, dass Birgit und ich beide arbeiten. Klar, es war anstrengend. Aber jetzt – Chaos pur. Der Kleine kann nicht in den Kindergarten, meine Eltern sind im Urlaub, Birgits Mutter hat ’ne komische Vernissage, und deshalb muss einer von uns zu Hause bleiben.«
Alex hält ihm ein Bier hin. »Ja und? Bleibt Birgit daheim. Ist doch kein Problem.« Jochen stöhnt, bevor er trinkt. »Doch. Genau das ist das Problem! Sie findet nämlich, dass wir das Thema mal grundsätzlich klären sollten. Also: Wessen Job wertvoller ist. Seither fliegen bei uns die Fetzen. Und wie!«
Er zieht eine Grimasse. »Wisst ihr, ich bin gerade in der Endphase eines Internet-Projekts. Allerdings meint Birgit, es sei für die Welt völlig egal, ob man im Netz eine Bestellung mit drei oder nur mit zwei Klicks abschließt, während sie als Mitarbeiterin im Jugendamt echt Leben rettet. Deshalb sollte ich gefälligst Urlaub beantragen.«
Alex regt sich auf: »Na hör mal, du verdienst doch viel mehr als sie!« Jochen schüttelt den Kopf. »Hab ich auch gesagt. Fand sie aber nicht überzeugend. Im Gegenteil: Ich musste mir wüste Vorhaltungen machen lassen, dass Frauen überall weniger Gehalt bekommen. Jedenfalls – ich hab mir frei genommen. Und zusätzlich die Nächte durchgearbeitet, weil ich ja das Projekt abschließen muss.«
Dann wird Jochen ernst. Erschreckend ernst. »Das Verrückte ist: Bislang dachte ich immer, dass ich in unserem durchgeplanten Alltag zu kurz komme. Jetzt wird mir zum ersten Mal klar: Birgit geht es genauso. Mehr noch: Solange wir unser Familiensystem gut organisieren konnten, hatten wir den Eindruck: Es läuft ja. Aber durch den Ausnahmezustand wird uns bewusst, wie sehr wir beide uns verloren haben.«
Jetzt macht keiner mehr flapsige Bemerkungen. Nicht mal Alex.
Jochen murmelt: »Vor allem bin ich traurig, dass Birgit gar nicht so glücklich ist, wie ich vermutet habe. Das ist mir bei all dem Ärger klar geworden. Und: Ich bin mit schuld daran, weil ich unbewusst doch erwartet habe, dass sie ihr Leben um meines herum baut. Das würde ich gerne ändern. Wenn ich nur wüsste, wie.«
Ein aufwühlender Abend. Einer, an dessen Ende Wilhelm, der Pensionär in unserer Runde, sagt: »Ist doch gut, wenn euch der Kitastreik vor Augen führt, wie verplant euer Dasein ist. Noch rechtzeitig! Und morgen früh bringt ihr euren Sohn zu uns. Jutta und ich haben schließlich Zeit. Dass du da nicht von allein drauf gekommen bist.«
Jochen nickt – und plötzlich fängt er an zu lachen: »Da sag mal einer, Männer hätten keine Netzwerke.«
