Ziemlich liebste Menschen
Annette* erinnert sich mit Grausen an die Zeit, als sie neu war in Frankfurt. »Dieses erste Jahr hier war einfach nur schrecklich, so allein fühlte ich mich.« Die 46-Jährige sieht sich noch heute mit ihren beiden damals ganz kleinen Kindern im Park auf der Krabbeldecke sitzen und die Minuten der nicht verstreichen wollenden Nachmittage zählen. »Wenn ich draußen war, kam es mir so vor, als würden alle um mich herum zu irgendeiner Gruppe gehören, mit der sie herumzogen und Spaß hatten. Überall, wo ich hinkam, traf ich auf feste Gefüge. Nur ich selbst gehörte nirgends dazu.« In ihrer Verzweiflung, das zu ändern, ging die studierte Archäologin offenbar so ungeduldig zu Werke, dass eines ihrer anvisierten Ziele schließlich sagte: »Keine Sorge, du wirst schon noch Freunde finden. Aber nicht mich.«
Es gehört zum Ansehen dazu, gute Freunde zu haben
Unsere Sehnsucht nach Freundschaft ist enorm. Unter allen Arten von sozialen Bindungen scheint sie jene zu sein, die der Mensch am wenigsten entbehren kann. »Gute Freunde zu haben« steht für 85 Prozent der Deutschen an allererster Stelle jener Dinge, die ihnen »ganz besonders wichtig sind im Leben« – und rangiert damit vor einer »glücklichen Partnerschaft« oder »Kinder bekommen«. Das ergab im vergangenen Jahr die Jacobs-Studie, für die das Allensbacher Institut für Demoskopie 1648 Personen ab 14 Jahren befragte.
»Freundschaft hat Konjunktur«, diagnostiziert auch Daniel Tyradellis, der eine aktuell laufende Ausstellung zum Thema für das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden kuratiert hat. Der Stellenwert der Freundschaft steigt, glaubt der Philosoph und Soziologe, »entsprechend der sinkenden Stabilität und Akzeptanz anderer sozialer Bindungen wie Familie und Verwandtschaft, Religion und Wohlfahrtsstaat«.
Auch die Wissenschaft entdeckt ihr Interesse an dieser Beziehungsform und untersucht sie nicht zuletzt mit Blick darauf, ob sie belastbar genug wäre, unsere drohenden demografischen Probleme zu lösen. Ließe sich ihr etwa die gegenseitige Pflege im Alter aufbürden, würde Freundschaft etwas leisten, das sie im Laufe ihrer Geschichte noch nie hat leisten müssen.
Seit der Antike galt Freundschaft als die höchste Form des sozialen Miteinanders. Während der letzten beiden Jahrhunderte stand sie im Schatten von Familie und Liebesbeziehung, doch derzeit erlebt sie eine Renaissance. Und die Versuchung, sie dabei mit Erwartungen und Idealen zu überfrachten, ist groß.
»Es gehört heute schon ein Stück weit zum gesellschaftlichen Ansehen dazu, gute Freunde zu haben«, hat die Soziologin Erika Alleweldt bei ihrer Forschung an der Berliner Humboldt-Universität festgestellt. Und nicht nur das: Man wolle gleichzeitig einen möglichst großen Freundeskreis vorweisen können. Für ihre Dissertation hat die Wissenschaftlerin junge Berlinerinnen verschiedener Berufsgruppen interviewt und kam zum Schluss: »In manchen Kreisen wird es beinahe als etwas Beschämendes erlebt, wenn es einem nicht gelingt, zu einer Party achtzig Leute einzuladen, sondern vielleicht nur zwanzig. Das ist fast schon ein Stigma.«
Medien vermitteln ein falsches Bild
Medien und Werbung sind gleichzeitig Spiegel und Motor solch übersteigerter Ideale: Dort sehen wir Menschen, die mit Freunden Urlaub auf irgendeiner Insel machen, grenzenlos Spaß und Zeit miteinander haben, tolle Getränke trinken und uns vormachen, wie ein schwereloses Leben aussieht. Als gäbe es nichts Einfacheres, als Freunde zu gewinnen. »Das ist aber gar nicht so«, stellt Alleweldt fest. »Und trotzdem orientieren sich alle daran. Da entsteht eine Diskrepanz zur Realität, man könnte fast sagen: ein Leiden an der Freundschaft.«
Rita* ist 51 und wohnt in einer westfälischen Kleinstadt. Sie gehört zu jenen Glücklichen, die gleich über mehrere enge Freundschaften verfügen – Menschen, denen sie sich sehr nah, vertraut und seit Jahrzehnten verbunden fühlt. Laut Jacobs-Studie haben rund drei Viertel aller Deutschen einen besten Freund oder eine beste Freundin, 26 Prozent sogar mehrere. Und obwohl Rita zu diesem letzten Viertel zählt, dem Freundschaft zumindest statistisch gesehen besser gelingt als anderen, sagt sie: »Im letzten Winter war die Einsamkeit für mich beinahe unerträglich. Über Wochen und Monate habe ich außer meinem Mann und den Kindern fast keinen Menschen zu Gesicht bekommen.«
Viele Kontakte versanden
Denn nach insgesamt vier Umzügen wohnen alle ihre engsten Freunde in entfernten Städten. Man telefoniert und schreibt sich zwar, Treffen hingegen sind nur selten möglich. Und nach ihrem letzten Ortswechsel in die Kleinstadt ist es ihr nicht mehr gelungen, sich dort ein soziales Umfeld zu schaffen. Ihre Bilanz nach zwölf Jahren: »Es gibt hier niemanden, den ich jederzeit einfach so anrufen könnte, um zu reden. Und ich wüsste keinen, den ich im Notfall um Hilfe bitten würde.«
Dabei hatten sich über die Jahre immer wieder nette Kontakte und scheinbare Freundschaften ergeben. Anfangs kamen Einladungen aus der Nachbarschaft. »Da sind wir in viele Fettnäpfchen getreten, weil hier alle im Ort verschwistert oder verschwägert sind.«
Später besuchten sie Tanzkurse, Rita schloss sich einer Nordic-Walking-Gruppe an, engagierte sich im Förderverein der Schule und man »befreundete« sich immer wieder mit den Eltern anderer Kinder. Doch auch diese Kontakte versandeten oder stellten sich nach einiger Zeit als Zweckbeziehungen heraus. »Das endete dann, wenn die Kinder getrennte Wege gingen. Die anderen brauchten uns einfach nicht so sehr wie wir sie, weil hier ohnehin alle in ihre Großfamilien eingebettet sind.«
Beziehungen per Internet pflegen
Man kann also gute Freunde haben und gleichzeitig an mangelnder Freundschaft leiden. Weil es in der Realität oft an Zeit und Raum fehlt, diese Beziehungen auch zu leben. Die zunehmend mobile Arbeitswelt ist nur eine von vielen gesellschaftlichen Ursachen hierfür. »Freundschaft stellt sich heutzutage vor allem als eine große Organisationsherausforderung dar«, resümiert Soziologin Alleweldt. Dazu muss man gar nicht in verschiedenen Städten wohnen. Skype und andere Internetprogramme erleichtern es sogar, Beziehungen über große Distanz zu pflegen. Manche Menschen scheitern aber schon daran, neben Job und Familie überhaupt noch Zeit und Energie für regelmäßige Treffen aufzubringen.
»Langjährige Freunde teilen eben oft keinen gemeinsamen Alltag mehr wie früher in der Schule oder im Studium. Man muss sich gegenseitig immer wieder auf den neuesten Stand bringen, was im jeweiligen Leben passiert, ohne es direkt mitzuerleben.« Die Soziologin nennt dies eine »fragmentierte Erfahrung von Lebenswelt«.
Freundschaft erfordert eben auch Anstrengung. Und wenn diese Mühsal auf unsere idealisierten Bilder von tiefster Vertrautheit oder heiterer Geselligkeit im großen Kreis trifft, entsteht Frust. Alleweldt ist bei ihren Befragungen keiner Person begegnet, die mit ihren Freundschaften zufrieden gewesen wäre: »Einerseits war da eine Sehnsucht nach mehr Intimität; teilweise aber auch, einfach mehr Freunde kennenzulernen.«
Tatsächlich ist es nicht in jeder Lebensphase so einfach, neue Freunde zu finden. Jenseits bestimmter Zeitfenster, so legt die Forschung nahe, lässt sich Freundschaft schwerer bewusst herbeiführen. Besonders günstig sind die Bedingungen überall da, wo Menschen die Gelegenheit haben, über längere Zeit institutionalisiert und regelmäßig zusammenzutreffen. Statistiken bestätigen, dass die meisten langjährigen Freundschaften bereits in der Schule oder im frühen Erwachsenenalter zustande kommen. Der Zufall führt hier Menschen in ähnlichen biografischen Umbruchsituationen noch häufiger zusammen. Ab der Geburt des ersten Kindes werden die Freundeskreise deutlich kleiner.
Beste Freundschaften halten lange
»Unser Beziehungsbedürfnis nimmt mit steigendem Alter ab«, erklärt Janosch Schobin, Autor der Studie »Freundschaft und Fürsorge«. »Gerade in sehr belasteten Phasen wie der Familiengründung ist bei vielen das Boot voll. Freundschaftskreise sind dann saturiert und wenig aufnahmefähig.« Und da auch auf dem »Freundschaftsmarkt« das Prinzip gilt: »Wer hat, dem wird gegeben« – je mehr Freunde man bereits hat, desto leichter finden sich über diese weitere Kontakte –, wird es gerade in Phasen der Sättigung für Neulinge noch schwerer, Anschluss zu finden. Umgekehrt häufen einige wenige Multiplikatoren immer mehr Kontakte an, weiß die Statistik. Das sind dann jene begnadeten Networker, die auf ihrer Geburtstagsparty mit achtzig Gästen reüssieren können. Ob sie mit der Intensität ihrer Freundschaften zufrieden sind, steht auf einem anderen Blatt.
Denn um aus einem Kontakt eine Freundschaft werden zu lassen, braucht es eine Ressource, die wir alle nur in begrenztem Ausmaß zur Verfügung haben: Zeit. Zeit, sich kennenzulernen; Zeit, Vertrauen zu fassen, und Zeit, etwas gemeinsam zu erleben.
Beste Freundschaften halten lange – im Durchschnitt 24 Jahre, besagt die Jacobs-Studie. Viele von ihnen entstehen aus einer gemeinsam erlebten Erfahrung oder Leidensgenossenschaft. Wie bei Björn* und Christian*, die kurz nach der Wende als junge Assistenzärzte in der gleichen Klinik im ehemaligen Osten begannen und sich dort als die beiden einzigen »Wessis« den Rücken stärkten.
Auch Rita und ihre älteste Freundin Kerstin* schweißte einst die gemeinsame Außenseiterposition zusammen. Beide waren sie Zugezogene in ihrem kleinen bayerischen Dorf; und beide hatten sie ein Problem zu Hause: Die eine musste sich viel um ihren behinderten Bruder kümmern, die andere um ihre depressive Mutter. Ein Jahr lang gingen sie gemeinsam zum Konfirmandenunterricht, bevor sie sich »wählten« – und holten sich fortan gegenseitig aus ihrem häuslichen Elend nach draußen. Sie radelten über die Felder ins nächste Dorf oder gaben dem ersten Türkisch-Lehrer im Ort Deutschunterricht.
»Wenn wir uns sehen, ist es wie heimkommen«
»Wenn wir in einer bestimmten Lebensphase sehr viel geteilt haben«, sagt der Soziologe Tyradellis, »dann kann eine Freundschaft auch weiter bestehen, wenn sie nur noch sporadisch verfolgt wird.« Rita und Kerstin fühlen sich 35 Jahre später noch immer tief verbunden, auch wenn sie nach der Schulzeit getrennte Wege gingen: Die eine reiste als Entwicklungshelferin durch die ganze Welt, die andere sitzt als Mutter von zwei Kindern im Eigenheim. »Aber wenn wir uns sehen, dann ist es wie heimkommen«, sagt Rita. Sie schätzt an dieser Freundschaft nicht nur die große Vertrautheit, sondern auch das »Teilhaben an einer ganz anderen Lebenseinstellung – wie wenn sich die Tür in eine fremde Welt öffnet«.
Was eine Freundschaft im Einzelfall ausmacht, das haben Philosophen seit der Antike vergeblich zu definieren versucht. Ihre Abgrenzung zu Liebes- oder Familienbeziehungen reduziert sich letztlich immer wieder auf zwei Aspekte: Eine Freundschaft ist freiwillig, kann also im Gegensatz zu einer Verwandtschaft jederzeit aufgekündigt werden. Und sie ermöglicht neben großer Nähe auch eine Distanz oder Freiheit, wie Liebende sie sich meist nicht zugestehen. Im Übrigen können sowohl Verliebte als auch Verwandte gleichzeitig befreundet sein.
Ob aber die Freundschaft nun in gemeinsamen Unternehmungen gelebt wird, wie man es eher Männern nachsagt, in einträchtigem Schweigen, in gegenseitigen Hilfsleistungen oder in vertrauter Kommunikation, »das bestimmen ganz allein die Beteiligten«, weiß Tyradellis. »Und vielleicht ist sie deshalb so wertvoll und schön in unserer heutigen Zeit, wo alles geregelt ist und nützlich sein muss.«
Das gemeinsame Durchleben von Schwierigkeiten hilft
Damit eine Freundschaft in das Stadium großer Tiefe gelangen kann, brauche es neben Zeit noch etwas anderes, ist der Soziologe überzeugt: das gemeinsame Durchleben von »Negativem als Baustein zum Positiven«, von Krisen, Konflikten und Schwächen des anderen. »Das kann Glück, Intensität und Nähe produzieren, die eine rein auf positiven Ergebnissen basierende Fassung von Freundschaft so niemals würde erzeugen können.«
Die Wirkung von Facebook & Co. empfindet der 46-Jährige daher als zutiefst ambivalent. »Soziale Medien sind sicher eine tolle Möglichkeit, eine Verbindung aufzunehmen. Sie geben einen ersten Anlass der Begegnung, aus der theoretisch eine Freundschaft entstehen könnte.« Gleichzeitig aber, so ist er überzeugt, nehmen sie den Menschen die Bereitschaft, sich auch in schwierigen Phasen aufeinander einzulassen. »Weil immer so viele andere potenzielle Freunde lauern, ist die Versuchung groß, zu sagen: Na, mit dem klappt’s nicht, bitte der Nächste.« Tyradellis sieht die Gefahr, dass dies den Begriff der Freundschaft langsam aushöhlen könnte.
Annette fühlt sich nach elf Jahren in Frankfurt nicht mehr einsam. Dafür hat sie viel getan, ist zwei Chören beigetreten, in Elternzirkeln sowie im Kollegenkreis immer wieder auf andere zugegangen. Endlich habe sie genügend Menschen gefunden, mit denen sie Unternehmungen teilen kann, die ihr Mann nicht mitmacht, sagt sie; und ein paar, mit denen sie hofft, nach und nach ein Vertrauensverhältnis ausbauen zu können.
»Allerdings sind das andere Beziehungen als vor zwanzig Jahren«, gesteht sie. »Einfach loser. Ich habe auch nicht mehr so hohe Ansprüche wie damals.« Bei wirklichen Problemen würde Annette sich zwei Freundinnen anvertrauen, die sie noch aus dem Studium kennt: Die eine wohnt in Bochum, die andere in Berlin.
