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Zündhölzer des Geistes

Pfingsten feiern mit den Armen in Argentinien: Ich begegne einem Heiligen, der wie ein Fußballtrainer wirkt.
von Thomas Seiterich vom 15.05.2016
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(Foto: istockphoto/ollo)
(Foto: istockphoto/ollo)

Das Pfingstfest fällt in Buenos Aires in den Winter. Es ist kalt, als ich mich aufmache zum Santuario San Cajetano, dem Wallfahrtsort der armen Leute. Er liegt nicht in den beliebten und begüterten Vierteln der 13-Millionen-Stadt, nicht dem Meer zu, sondern sehr weit im Landesinneren. In der Luft hängt eine Nässe, die unter die Jacke kriecht. Heftiger Wind bläst nasses Laub durch die Straßen. Pfingsten ist hier kein strahlendes Frühlingsfest wie in Europa. Es herrscht klammes Erkältungswetter.

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Das Erste, was ich vom Wallfahrtsort erblicke, ist eine Menschenschlange. Viele der Leute tragen zwei Jacken oder Mäntel übereinander. Die vorherrschende Farbe ist Grau. Nicht wenige husten. Zu viert, zu fünft stehen sie nebeneinander und unterhalten sich mit gedämpfter Stimme. Niemand drängelt, ich spüre die andächtige Konzentration der Pilger. Heute sind es rund 25 000, die sich hierhin aufgemacht haben, zum heiligen Kajetan. Nur langsam, Schritt für Schritt, kommen sie voran. Die Schlange der Pilger reicht um mehrere Blocks.

Auf gut Glück spreche ich eine Menschengruppe an. In meinem Spanisch, das, wenn’s kompliziert wird, oft eher ein weiches Süditalienisch ist. Sie sind sehr freundlich, sie verstehen mich. Von da ab bin ich in der Menschenmenge gemeinsam mit Señor Isidro und den Señoras Maribel, Maria und Estefania, Pilar und ihren zahlreichen Freundinnen und Nachbarinnen unterwegs. Als wir nach einer Stunde endlich an der bescheidenen Wallfahrtskirche angekommen sind, berühren meine Begleiterinnen die Heiligenfigur des San Cajetano. Mit geschlossenen Augen und geflüsterten Anliegen, innig und lang. Als solle die Kraft und Lebensfreude des »Santo de Trabajo y Pan«, des »Heiligen für Arbeit und Brot«, auf sie übergehen. Ich halte mich abseits – Berührungsrituale sind meine Sache nicht. »San Cajetano ist der Heilige der Solidarität, der gegenseitigen Hilfe«, sagt Señor Isidro und erklärt mir, dass Kajetan die Armen in Argentinien ohne Unterlass aufbaue, tröste und stärke: »Auch nach persönlichen Katastrophen, die immer mal passieren können.« Señor Isidro, der in der Vorstadt Moreno einen Kiosk hat, kennt die Welt und weiß, dass ich aus Deutschland, also von sehr, sehr weit, komme. Also beschreibt er mir seinen San Cajetano: »Weißt du, unser Heiliger ist wie ein sehr guter Fußballtrainer. Nur: Er ist noch viel besser als der beste Trainer.«

Der Strom der Pilger schiebt uns voran. Eine Träne steigt in mir auf und ich muss schlucken, als ich sehe, wie die Frauen die angerosteten Reißverschlüsse ihrer großen Einkaufstaschen aufruckeln und Kinderkleider, ja sogar ein gebrauchtes Skateboard, eine Dose Haferflocken und einige appetitliche Dauerwürste an der »Tür der Solidarität« abgeben. Ein strahlender junger Priester dankt ihnen und nimmt ihre Gaben entgegen. »Das ist für die Armen«, sagt Maribel, »das ist Liebe und Solidarität.« Dann schieben mich meine Begleiter in einen großen, offenen Hangar, und es schließt sich eine Pfingstfeier an, ein Gottesdienst im Kreis, ohne Priester. Señor Isidro führt das Wort, aber er redet nicht lang. Maria, Pilar und Maribel geben jedem der Anwesenden ein Zündholz in die Hand: »Da wir kein Geld für Kerzen haben, feiern wir den Heiligen Geist, unseren Verbündeten, mit dem Aufflammen des Zündholzes«, sagt Isidro: »Der Heilige Geist ist, wie ihr wisst, meistens nur kurz da. Wie damals in Jerusalem. Ein kurzes Streichholzflackern, nicht so lang wie das ruhige Licht einer dicken Kerze.«

Ratsch. Ratsch. Ratsch. Wir zünden die Streichhölzer an. Estefania steht neben mir in dem kalten Raum voller Menschen und sagt mit lauter Stimme: »La chispa de nuestra vida.« Der Funke unseres Lebens. Wenig später wird gesungen. »Ven con nosotros al camino«, das Lied der südamerikanischen Kirche der Armen an die Gottesmutter Maria: Komm mit uns auf unserem Weg.

Aus großen Thermoskannen, die sie auf einem Handwagen mitgebracht haben, verteilen die Frauen jetzt Matetee. Er schmeckt säuerlich und nach Rauch. Die Plastikbecher gehen von Hand zu Hand. So einen Pfingstgottesdienst habe ich noch nicht erlebt.

Wer ist eigentlich der heilige Kajetan? Auf dem Heimweg, im Bus, google ich: Geboren als Adeliger 1480 in Thiene bei Vicenza in Norditalien, gestorben als Armer 1547 in Neapel. Ein südlicher Zeitgenosse Martin Luthers und Heiliger der katholischen Reformbewegung. Er hat, nicht nur 1528, in Zeiten der Pest, unermüdlich den Armen und Leidenden geholfen und sogar eine solidarische Armen-Bank für sie gegründet.

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