PRO UND CONTRA
Allgemeine Dienstpflicht einführen?
Immer wieder flammt die Debatte um die Dienstpflicht auf, nun wieder im Kontext des Kriegs in der Ukraine. Sie solle das soziale Engagement junger Menschen fördern, die Gesellschaft entlasten, den sozialen Zusammenhalt fördern. Doch schon die Grundannahme ist falsch.
Warum sollen ausgerechnet die jungen Menschen die Gesellschaft zusammenhalten müssen – und nicht alle? Schon jetzt leisten jährlich ungefähr 100 000 junge Menschen einen Freiwilligendienst, für wenig Anerkennung und ein geringes Taschengeld. Das Argument, ein Pflichtdienst sei eine gute Werbung für soziale Berufe, lässt außer Acht, dass Menschen dort auch schlechte Erfahrungen machen können, durch unzureichende Begleitung oder schlechte Bildungsangebote. Es gibt bislang keinen Beleg, dass ein Zwangsjahr die Berufswahl beeinflusst. Hingegen bietet ein Freiwilligendienst einen ungezwungenen Einblick in soziale Berufsfelder. In der Bundeswehr wie im gesundheitlich-sozialen Bereich werden qualifizierte Fachkräfte gebraucht. Der Einsatz von Dienstverpflichteten darf nicht auf Kosten der Arbeitsmarktneutralität geschehen oder die Professionalisierung erschweren.
Ein allgemeiner Pflichtdienst ist ein drastischer Einschnitt in die Freiheits- und Grundrechte junger Menschen. Es gibt in Deutschland keine sicherheitspolitische Ausnahmesituation, die dies rechtfertigen würde. Statt eine Dienstpflicht einzuführen, sollten die Freiwilligendienste gestärkt und attraktiver gestaltet werden, durch erleichterte Zugänge, eine Anerkennung in Ausbildung und Studium, ein kostenloses Ticket für den Nahverkehr, den Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienstplatz. Junge Menschen engagieren sich freiwillig. Sie sollten nicht zum Dienst gezwungen werden.
Carsten Linnemann
Ja, es braucht mehr Zusammenhalt!
Wir leben im Krisenmodus. Die gesellschaftlichen und die individuellen Krisen nehmen nachweislich zu. Zunehmend beschreiben sich Menschen als überfordert und ziehen sich in ihre eigene, oftmals digitale, Welt zurück. Dabei zeigt sich: Je größer unsere Angst wird, desto polarisierender werden wir. Sicher fühlen wir uns dann nur unter Gleichgesinnten. Das ist menschlich – und zugleich ist es Gift für unsere Demokratie. Denn Demokratie lebt gerade durch Toleranz, ja sogar durch das bewusste Kultivieren von Heterogenität. Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für junge Menschen wäre ein kraftvolles Instrument, um dieser Anonymität und Polarisierung entgegenzuwirken.
Wir würden als Staat zudem deutlich machen, dass unsere Bürgerpflichten in einer modernen Gesellschaft sich nicht darin erschöpfen, Steuern zu zahlen und Gesetze einzuhalten. Wir würden klarmachen, dass unser Staat keine Bestellplattform ist, sondern dass unser demokratisches Gemeinwesen auf das Engagement aller angewiesen ist. Der Schlüssel für Zusammenhalt sind für mich diejenigen Kräfte, die sich entfalten, wenn Menschen ins Tun kommen, wenn sie einen großen gemeinsamen Kontext erfahren, wenn sie ihre bisherige Perspektive verlassen und Verständnis für die Lebenswirklichkeit anderer entwickeln. Wer beiträgt zum Wohlergehen anderer, erlebt den eigenen Wert für das Leben anderer. Das stärkt. Jeden Einzelnen und unsere Gemeinschaft.
Und warum eine Pflicht, wo doch die Freiwilligkeit stets viel attraktiver erscheint? Mit einem freiwilligen Dienst erreichen wir nur diejenigen, die längst wissen, dass sie durch ihr Tun einen Wert schaffen. Wir müssen jedoch gerade auch diejenigen erreichen, die genau das noch nicht wissen.
Gregor Podschun, geboren 1990, ist Bundesvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).
Carsten Linnemann, geboren 1977, ist stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU und Mitglied des Deutschen Bundestages.

