Zur mobilen Webseite zurückkehren

Pro und Contra
Autos raus aus der Innenstadt?

Madrid, Oslo, Paris sind schon auf dem Weg zur autofreien Innenstadt. Auch in deutschen Städten wird darüber nachgedacht, für bessere Luft und wegen der Klimakrise Privatfahrzeuge aus der Innenstadt zu verbannen. Ist es sinnvoll, dies nach Ende der Corona-Krise anzugehen? Ja, sagt der Verkehrsexperte Oscar Reutter vom Wuppertal-Institut. Nein, entgegnet Ulrich Caspar, Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main.
vom 24.03.2020
Artikel vorlesen lassen
Zu Corona-Zeiten gibt es das, sonst nicht: Kreuzung in Kiel ohne Autos. Leider derzeit auch ohne Menschen, die den freigewordenen Straßenraum für Kunst und Begegnung, zum Kaffeetrinken und für Ballspiele nutzen würden. . (Foto: pa/Molter)
Zu Corona-Zeiten gibt es das, sonst nicht: Kreuzung in Kiel ohne Autos. Leider derzeit auch ohne Menschen, die den freigewordenen Straßenraum für Kunst und Begegnung, zum Kaffeetrinken und für Ballspiele nutzen würden. . (Foto: pa/Molter)

Eine autofreie Innenstadt hat viele Vorteile: Die Luftqualität wird besser – außer Stickstoffdioxid gefährden auch Benzol und Rußpartikel die Gesundheit. Die Unfallgefahr nimmt ab, Kinder haben mehr Spielmöglichkeiten, der Verkehrslärm verschwindet und der Parkraum kann anders genutzt werden. Dadurch wird die Stadt für alle lebenswerter.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 6/2020 vom 27.03.2020, Seite 8
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Leben, lachen, glauben in Corona-Zeiten
Anzeige
loading

Der Aufwand ist erst einmal nicht groß. Städte brauchen zunächst nur Verkehrsschilder und Personal, um die Einhaltung der Verkehrsbeschränkungen zu kontrollieren. Der Prozess sollte aber gut vorbereitet werden. Vor allem braucht es viele Diskussionen, um Bewohner und Geschäftsleute zu überzeugen. Vielfach hat der Handel Bedenken. Ein Zuliefererverkehr wäre aber weiterhin möglich. Und dass die Kunden sogar lieber in autofreien Innenstädten einkaufen, haben die Fußgängerzonen gezeigt, die seit den 1960er-Jahren entstanden sind. Im Großen und Ganzen nutzt es dem Handel, wenn die Menschen ihr Auto nicht mehr als rollende Einkaufstüte benutzen können. Für Anwohner gäbe es Ausnahmeregelungen bei Umzügen, ebenso für Handwerker, Feuerwehr oder Ärzte. Es gilt, lebenspraktische Regeln zu finden.

Kosten kommen auf Städte sicherlich für Ausbau und Betrieb des Öffentlichen Personennahverkehrs zu. Doch wir erwarten auch in anderen Bereichen, wie Schulen und Sportstätten, eine funktionierende Infrastruktur. Ein guter Öffentlicher Personennahverkehr sowie ein attraktives Rad- und Fußwegenetz müssen künftig zur Grundausstattung von Städten gehören. Allein wegen der Klimakrise bleibt keine andere Wahl, als die Verkehrswende so schnell wie möglich anzugehen. Wir müssen die Emissionen auf null reduzieren! Das sehen immer mehr Menschen so. Gegen autofreie Innenstädte gäbe es vermutlich viel weniger Widerstand, als es Politiker befürchten.

Nein, das gefährdet den Handel!

Was macht die Lebensqualität und Attraktivität einer Innenstadt aus? Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Kultur und Freizeit sind die belebenden Faktoren. Voraussetzung ist aber die gute Erreichbarkeit und die zentrale Lage. Nur dann siedeln sich Unternehmen an und akzeptieren höhere Mieten als am Stadtrand. Wer ausschließt, dass man die Angebote der Innenstadt mit dem Auto erreicht, nimmt der Innenstadt den entscheidenden Attraktivitätsfaktor. Dies führt dazu, dass Firmen in andere – mit allen Verkehrsmitteln erreichbare – Lagen ziehen.

Seit das Einkaufen von jedem Ort aus und rund um die Uhr online möglich ist, scheint sich auch die enge Verbindung zwischen Handel und Innenstadt zusehends aufzulösen. Die Innenstädte sollten daher mehr bieten als bisher: Eine hohe städtebauliche Qualität und ein Einkaufserlebnis, das mit Kultur, mit Events und gastronomischen Angeboten verknüpft wird. Dazu gehört auch, dass sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Auto, dem Reisebus, per Fahrrad und zu Fuß gut erreichbar sind. Nicht zuletzt auch für Zulieferer, Entsorgungsbetriebe und Handwerker.

Nicht jede Fachkraft, jeder Kunde, Geschäftspartner oder Dienstleister kann mit Bus und Bahn kommen. Und was nützt es, wenn der Autoverkehr aus der Innenstadt herausgehalten wird, er sich dafür aber anderswo staut und gleichzeitig die Geschäfte in der Innenstadt Kunden verlieren, weil diese lieber mit dem eigenen Auto zu den Einkaufszentren am Stadtrand fahren?

Bevor man über eine autofreie Innenstadt nachdenkt, sollte man alternative Mobilitäts- und Parkplatzangebote schaffen und die öffentlichen Räume aufwerten. Nötig ist ein stimmiges Gesamtkonzept, das die Bedürfnisse von Anwohnern, Besuchern und Gewerbetreibenden berücksichtigt.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Oscar Reutter, geboren 1958, ist Co-Leiter des Forschungsbereichs Mobilität und Verkehrspolitik im »Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie« und Honorarprofessor an der Universität Wuppertal.

Ulrich Caspar, geboren 1956, ist Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main.
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0