Pro und Contra
Die unbewegliche Kirche verlassen?
Herbert Kohlmaier:
Ja, der Austritt ist die Konsequenz!
Seit zwei Jahrzehnten haben zahlreiche Katholikinnen und Katholiken kirchliche Reformbewegungen gebildet und das großartige Wort »Wir sind Kirche« geprägt. Das darf aber nicht nur Mahnung an die »Obrigkeit« bedeuten, sich dieser Tatsache zu besinnen. Es geht um den Widerspruch gegen die Arroganz eines längst überholten, klerikalen Systems. Bleibt dieser Widerspruch wirkungslos, müssen Konsequenzen folgen.
Jene Männer und Frauen, die sich für ihre Glaubensgemeinschaft einsetzen, sollten sich nun ganz bewusst und offen von einem System lossagen, dem sich zu unterstellen unzumutbar ist. Der Wert eines vom Klerikalismus befreiten Christentums kann nur durch eigenverantwortliches Tun und Beispiel bewahrt werden.
Für eine »Anderskirche« in der Kirche bieten sich viele Wege an. Es kann wieder das Brotbrechen gefeiert werden, wie es die junge Christenheit tat. Das würde eine so notwendige Neubesinnung auf die Frohbotschaft bewirken! Wenn es eine Zukunft des christlichen Glaubens gibt, dann liegt sie in Gemeinden, wo sich Männer und Frauen für ein lebendiges und beglückendes Glaubensleben einsetzen.
Es muss wieder einen authentischen Glauben ohne Klerikalismus geben, der für die Menschen sichtbar wird. Proteste gegen klerikale Sturheit bewirken nichts. Die kirchlichen Reformbewegungen sollten sich das Ignorieren des total überholten Kirchenregimes und die Förderung eines nur vor Gott verantworteten Glaubens zum Ziel setzen. Nur so kann die dringend nötige Wende herbeigeführt werden.
Martina Kreidler-Kos:
Nein, jetzt nicht auseinanderstreben!
Kirche will immer gestaltet sein – und derzeit auch verändert werden. Zumindest in den Herzen vieler, die sich engagieren. Jetzt ist der Auslöser nicht allein die Hoffnung auf Reformen, sondern die Wut und Scham über sexualisierte Gewalt in der Kirche. Da stehen wir nun und wissen kaum weiter. Inmitten dieser Erschütterung braucht es Menschen, die aushalten und klagen, einander ansehen und nicht auseinanderstreben. Menschen, die vorsichtig und voller Fragen an etwas Neues glauben. Im Sommer hat Papst Franziskus einen Brief an »das pilgernde Volk Gottes in Deutschland« geschickt – also an alle, die noch in der Kirche und noch irgendwie in Bewegung sind. Der Plan: Wir überlegen konzentriert und ernsthaft, was derzeit gut ist und was dringend anders werden muss. Man könnte auch sagen, wir beginnen eine katholische Zukunftswerkstatt.
Papst Franziskus schreibt, dass er uns dabei zur Seite stehen will. Die Herausforderungen sollen uns weder beschämen noch lahmlegen. Er klagt nicht: »Seht her, wohin ihr diese Kirche gebracht habt!« Und er seufzt auch nicht: »Da ist ohnehin nicht mehr viel zu retten …« Er vertraut, dass wir es schaffen. Solche Prozesse haben so viel Kraft, wie man ihnen zutraut. Der Heilige Geist zaubert nicht. Aber er verwandelt. Und zwar die, die sich in seinen Dienst stellen. Die, die heute Energie und Leidenschaft für die Sache Jesu haben, sollen sich dafür ins Zeug legen, und zwar gemeinsam. Das wird nicht einfach, und wir werden eine Menge Fantasie brauchen, um beieinander zu bleiben. Ich würde gerne zurückschreiben: »Lieber Papst, das machen wir. Danke schon mal für Deine Zuversicht!«
Herbert Kohlmaier, geboren 1934, war Politiker der Österreichischen Volkspartei und zuletzt nationaler Ombudsmann. Er gründete 2009 die »Laieninitiative«, die er bis 2017 leitete.
Martina Kreidler-Kos, geboren 1967, ist Theologin im Bischöflichen Generalvikariat in Osnabrück.

