Führerschein für Eltern?
Christina Schwarzer: »Ja, denn viele Eltern fühlen sich leider nicht verantwortlich«
»Zugegeben, das Wort ›Elternführerschein‹ ist für viele erschreckend. Aber nach genauer Erwägung halte ich den Vorschlag für sinnvoll und habe ihn jetzt in die politische Debatte eingebracht.
Damit meine ich natürlich nicht, dass zukünftige Eltern einen Elternführerschein machen müssen, um dann anschließend ein Kind zu bekommen. Nein, ich möchte vielmehr, dass wir Eltern unterstützen, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, ihren Kindern notwendige Grundkompetenzen wie etwa Fein- und Grobmotorik, Sprachkompetenz oder eben die gesunde Ernährung zu vermitteln. Ich fordere daher, dass die Früherkennungsuntersuchungen verbindlich werden und bei Feststellung von Defiziten den Eltern Kurse – von der Säuglingspflege bis zum Sprachkurs – angeboten werden. Wichtig ist, dass auch diese Kurse verbindlich gemacht werden. Viele Eltern fühlen sich leider nicht für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich und sehen hier die Kompetenz in der Kita oder in der Schule. Ich möchte dies gern ändern und Eltern ›an die Hand nehmen‹ und unterstützen.
Wenn die Früherkennungsuntersuchungen und die Kurse verbindlich sind, muss es auch eine Konsequenz geben, wenn diese nicht besucht werden. Hier denke ich an Geldbußen, ähnlich wie beim Schulschwänzen. Erst wenn es ans Geld geht, werden sich viele bewusst, dass sie Regeln nicht beachtet haben. Das Argument, dass mit finanziellen Sanktionen auch den Kindern das Geld genommen wird, trifft meines Erachtens nicht zu. Das Geld wäre weder ins gesunde Schulbrot noch in den Sportverein investiert worden, sondern eher ins schickere Smartphone. Ich will lieber am Anfang in Familien investieren, anstatt später dann den Reparaturbetrieb anzuwerfen.«
Jan-Uwe Rogge: »Nein, denn damit werden die Familien diskriminiert«
»So eine Idee kann nur in einer Berliner Bürolandschaft entwickelt werden, die fern aller familiären Wirklichkeit ist! Es ist eine Illusion, dass man überforderte Eltern in ein paar Unterrichtsstunden zu guten Erziehern umformen könnte. Anders als im Straßenverkehr kann das familiäre Verhalten nach Abschluss eines solchen ›Führerscheins‹ ja gar nicht kontrolliert werden. Oder wollen wir etwa ein pädagogisches ›Flensburg‹ mit Strafpunkten für Eltern einführen, die sich nicht an die in den Kursen vermittelten Regeln halten?
Überdies ist es eine Diskriminierung von Familien, wenn nur bestimmte Mütter und Väter den Führerschein machen müssen, nachdem ihre Kinder bei einer Untersuchung negativ aufgefallen sind. Alle, die an diesen Kursen teilnehmen, wären damit automatisch als Versager gebrandmarkt. Wer zu solchen Zwangskursen herangezogen wird, wird nach aller Erfahrung seine ganze Kreativität dazu einsetzen, dort nicht erscheinen zu müssen.
Eltern brauchen keine pädagogischen Crashkurse, sondern verlässliche Ansprechpartner in jeder Entwicklungsphase, die ihre kleinen Mädchen und Jungen gerade durchlaufen: niedrigschwellige, gut erreichbare, kostenlose Anlaufstellen in allen Orten, Stadtteilen und sozialen Brennpunkten. Wenn solche offenen Angebote von Caritas, Kinderschutzbund oder Familienzentren vor Ort sind, kommen die Eltern von selbst. Gerade diese Einrichtungen klagen aber darüber, dass ihnen vielerorts die Zuschüsse gekürzt und wichtige Angebote für Familien geschlossen werden müssen. Hilfreicher als politisch verordnete Zwangskurse wäre es deshalb, wenn Familienpolitiker sich für eine verlässliche Finanzierung der bereits bewährten Projekte und Organisationen einsetzen.«
Jan-Uwe-Rogge, geboren 1947, ist promovierter Sozialwissenschaftler, Erziehungsberater und Autor zahlreicher Bücher zu Erziehungsfragen. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Bargteheide in Schleswig-Holstein.
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