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Pro und Contra
Gehört die Nakba-Ausstellung auf den Kirchentag?

Der Kirchentag hat eine Wanderausstellung über die »Nakba«, die Flucht und Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948, nicht zugelassen. Sollte er seine Entscheidung überdenken?
vom 25.04.2023
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»Nakba« von 1948: Fehl am am Platz auf dem Kirchentag? (Foto: pa/dpa/Israeli Government Press Office)
»Nakba« von 1948: Fehl am am Platz auf dem Kirchentag? (Foto: pa/dpa/Israeli Government Press Office)

(Foto: kirche-oldenburg.de / Kurt Dröge)Der Verein »Flüchtlingskinder im Libanon« hat sich, wie bereits bei fünf vorangegangenen Kirchentagen, für die Teilnahme am Markt der Möglichkeiten beim Kirchentag in Nürnberg beworben und wollte dabei auch die von ihm entwickelte Ausstellung »Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948« zeigen. Das Präsidium des Kirchentages hat zwar den Verein zugelassen, aber entschieden, dass die Ausstellung nicht gezeigt werden solle. Diese Entscheidung und ihre Begründung haben Widerspruch provoziert; auch meinen. Ich habe deshalb meine Teilnahme als Ehrengast am Nürnberger Kirchentag abgesagt.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 8/2023 vom 28.04.2023, Seite 8
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Die 14 Tafeln der Ausstellung schildern aufgrund neuerer Forschungen von jüdischen und israelischen Historikern die Entwicklungen vor und nach der Gründung des Staates Israel, die zur »Katastrophe« von Flucht und Vertreibung der ursprünglichen palästinensischen Bewohner des Landes führten. Die Ausstellung bietet wichtige Ergänzungen und Korrekturen des offiziellen Geschichtsbildes. Sie hat viel Zustimmung und Unterstützung erfahren, aber auch immer wieder zu kontroversen Diskussionen geführt sowie scharfe Ablehnung provoziert.

Die jetzt vom Kirchentagspräsidium vorgebrachten Einwände sind freilich keineswegs neu. Sie sind alle im Zuge der Auseinandersetzung entkräftet worden. Das gilt für den Vorwurf der angeblichen Einseitigkeit wie auch für die Behauptung, die Ausstellung schließe die Diskussion, statt sie zu eröffnen. Die bisherigen Erfahrungen bei früheren Kirchentagen beweisen das Gegenteil. Die Ausstellung will Diskussionen anregen in der Überzeugung, dass nur so eine Versöhnung der miteinander streitenden Erinnerungen auf jüdisch-israelischer und arabisch-palästinensischer Seite möglich ist.

Der Markt der Möglichkeiten ist der richtige Ort für diese Diskussion. Die damalige Generalsekretärin des Kirchentages, Ellen Überschär, wies 2013 und 2017 die Forderung nach einem Verbot der Ausstellung zurück und schrieb 2013 an den Verein: »Das ist das Ziel des Marktes – Dialoge zu ermöglichen. Allein das haben wir geprüft und unser Eindruck war und ist, auch aus den Erfahrungen der Vergangenheit, dass Sie die Bereitschaft zu diesem Dialog haben. Daher besteht keine Veranlassung, an der Zulassung Ihres Standes etwas zu ändern.«

Deshalb ist es sehr bedauerlich und nicht »kirchentagsgemäß«, dass das Präsidium dem Druck derjenigen nachgegeben hat, die diesen Dialog verhindern wollen. Angesichts der erneut zugespitzten Krise in Israel/Palästina ist es umso wichtiger, die Ausstellung erneut zur Diskussion zu stellen. Sie gehört auf den Kirchentag und auf den Markt der Möglichkeiten.

Maria Coors: Nein!

(Foto: privat)Die sogenannte Nakba-Ausstellung ist inhaltlich mangelhaft und bietet keinen Raum für kritische Selbstreflexion. Das trägt dazu bei, dass wichtige Diskussionen im jüdisch-christlichen Dialog gerade nicht stattfinden können. Es ist richtig, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag sie nicht erneut zeigt. Die bereits 2008 konzipierte Ausstellung thematisiert die Geschichte der Flucht und Vertreibung arabischer Menschen im Zusammenhang mit der Staatsgründung Israels. Sie stellt dabei wichtige historische Kontexte sehr verkürzt oder überhaupt nicht dar. Dazu gehört die Tatsache, dass Jüdinnen und Juden seit der Antike in diesem Gebiet leben. Dazu gehören die vielseitige Geschichte des Zionismus, die Vertreibung der meisten Jüdinnen und Juden aus Ländern der arabischen Welt sowie die von arabischer Seite ausgehenden Kriegshandlungen vor und nach dem UN-Teilungsbeschluss von 1947. Sehr verkürzt dargestellt ist auch der Kontext der Shoah. Der Genozid machte die Idee eines jüdischen Staates als sichere Zuflucht zu einer Notwendigkeit für viele Überlebende und bis heute zu einer Versicherung für jüdische Menschen weltweit. Die Darstellungen der Ausstellung bleiben hier unterkomplex.

Die Besucherinnen und Besucher eines Kirchentages wollen sich mit sich selbst und der Welt kritisch und kontrovers auseinandersetzen. Diese Reflexion aber fehlt der Ausstellung: Aus welcher Perspektive schauen wir auf die Ereignisse in Israel/Palästina 1948 und heute? Was ist unsere Rolle? Die selbstkritische Auseinandersetzung mit der Shoah gehört zu den Kernthemen der Kirchentagsbewegung. Nur auf dieser Grundlage konnte ein erneuerter jüdisch-christlicher Dialog wachsen.

Die Auseinandersetzungen um die Ausstellung haben gezeigt, dass sie keine neuen Gesprächsräume erschließt. Sie gefährdet das Vertrauen unserer jüdischen Partnerinnen und Partner – in einer Zeit, in der offener Antisemitismus deutlich zunimmt. Die demokratischen Grundstrukturen des jüdischen Staates sind aktuell beispiellos gefährdet. Dies stellt eine enorme Gefahr für das Leben vieler Menschen in Israel/Palästina und für die Lebensversicherung von Jüdinnen und Juden weltweit dar. Eine Ausstellung, die durch Verkürzung und Auslassung wichtiger Tatsachen den Antisemitismus nährt, ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

Ich bin froh, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag sich dieser Themen auf der Grundlage des vertrauensvollen christlich-jüdischen Dialogs annimmt. Das lässt keinen Platz für eine fehlerhafte und demagogische Ausstellung.

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Personalaudioinformationstext:   Konrad Raiser, evangelischer Theologe, war von 1992 bis 2003 Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Maria Coors, Historikerin und evangelische Theologin, ist Mitglied des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.
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