Affäre Wulff: Anstand braucht Abstand
Wer hätte das nicht gerne: einen wohlhabenden Freund, einen einflussreichen Bekannten, und ein einziger Anruf genügte, um Bargeld oder eine bevorzugte Behandlung zu erreichen, wichtige Neuigkeiten früher als andere zu erfahren oder eine ungünstige Presse über die eigene Person verhindern zu können. Amigos nennt man diese sogenannten Freunde. Die Amigo-Kultur ist weiter in unserer Gesellschaft verbreitet, als uns allen guttut. Denn unsere Gesellschaft braucht Anstand, wenn sie nicht durch Klüngelei und Korruption Schiffbruch erleiden will. Und Anstand braucht Abstand.
Anstand heißt: Abstand halten
Das eine hat mit dem anderen zu tun: Heute hält man sich bei der Schlacht am kalten Buffet zurück, wenn man Anstand hat. Früher hielt man sich auf dem echten Schlachtfeld zurück. Das mittelhochdeutsche »anstand« heißt so viel wie »Waffenstillstand«, »Aufschub«, auch »Friede«. Das Wort kommt von »anstan«, was so viel heißt wie »zum Stehen kommen«: Die Kriegsparteien stürmen nicht mehr aufeinander los, sondern bleiben auf Distanz, halten an. Daraus hat sich die heutige Bedeutung »sich gehören« herausgebildet. So erklären es die Wörterbücher. Anstand, das ist also auch der Abstand zum Gegenüber, im Unterschied zur distanzlosen Umarmung, zu Filz und Klüngelei.
Das Gefühl für den notwendigen Abstand geht derzeit verloren. Die Versuche von Bundespräsident Christian Wulff, seinen Privatkredit, seine Freundschaften und seine Einflussnahme bei Medienverantwortlichen zu rechtfertigen, sind nur ein Beispiel dafür. Er ist nicht der Einzige: Politiker genauso aber auch Journalisten oder Ärzte sind allzu anfällig, den notwendigen Abstand aufzugeben. Doch zum Glück gibt es Ausnahmen.
Vorbildlich: Ärzte lehnen Geschenke ab
Ein feines Gespür für den notwendigen Abstand aus Anstand haben etwa diejenigen Ärzte, die sich in der Initiative »Mezis« zusammengeschlossen haben. Mezis setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Worte »Mein Essen zahle ich selbst« zusammen. Das drückt programmatisch das Anliegen dieser Ärzte aus: Sie empfangen keine Pharmavertreter mehr, nehmen keine Geschenke von ihnen an und setzen keine Computerprogramme ein, die von Pharmaherstellern finanziert werden. Auf Fortbildungsveranstaltungen bezahlen sie Essen und Übernachtung selbst.
Übertragen auf den Berufsstand der Journalisten, dem auch die Autorin dieser Zeilen angehört, hieße das: Die Einladung zu einer Journalistenreise etwa nach Südostasien nehme ich an, im Artikel, den ich darüber schreibe, mache ich aber deutlich, welche Organisation die Reisekosten getragen hat - und welche Interessen sie damit verbindet. Das schafft Transparenz. Einladungen und Geschenke, die ich als Charmeoffensive durchschaue, lehne ich ab. Das Mittagessen beim Informationsgespräch mit Verbandsvertreter NN zahle ich selbst.
Es geht um die Glaubwürdigkeit von Ärzten, von Journalisten, von Politikern. Hundertprozentige Reinheit und Integrität wird schwer zu erreichen sein - der Alltag ist nicht schwarz-weiß, sondern voll von Schattierungen. Aber Abstand um des Anstandes und der Glaubwürdigkeit willen muss das Ziel sein.
Nicht nur der Bundespräsident muss den notwendigen Abstand zu alten Freunden, reichen Gönnern und rührigen Vorteilsverschaffern neu lernen. Denn ein Bundespräsident ist eben gerade nicht »ein Mensch wie du und ich«. Weil jede - noch so kleine - Vorteilsnahme mithilfe lieber Freunde ihn potenziell bestechlich macht.
Auch sogenannte Seitenwechsler, die gestern noch in der Politik saßen und heute auf gut dotiertem Posten in der Wirtschaft, lassen es am notwendigen Anstand und zeitlichem Abstand fehlen. Wenn aus Spitzenpolitikern im fliegenden Wechsel Lobbyisten werden, die ihr Insiderwissen vergolden, beschädigen sie die Glaubwürdigkeit aller Politiker.
Gleichheit und Gerechtigkeit
Zum Glück gibt es in allen Parteien auch Politiker, die auf den Abstand zu denen achten, die mit Spenden, Einladungen und Geschenken charmant, aber nachdrücklich Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen wollen. Das ist gut. Denn die Mehrheit der Bevölkerung hat diese Einflussmöglichkeiten schließlich nicht. Und deshalb braucht es diesen Abstand aus Gründen der Gleichheit und Gerechtigkeit.
