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»Bildung als Mogelpackung«

Wie Ökonomie-Lehrbücher die Studierenden manipulieren können, hat Wirtschaftsprofessorin Silja Graupe von der Cusanus-Hochschule untersucht. Ihr Fazit: »Es ist erschreckend«
von Wolfgang Kessler vom 12.09.2017
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Ökonomie-Professorin Silja Graupe hat in einer Studie nachgewiesen, wie einseitig Wirtschafts-Studenten die Ideologie vom freien Markt vermittelt wird (Foto: privat)
Ökonomie-Professorin Silja Graupe hat in einer Studie nachgewiesen, wie einseitig Wirtschafts-Studenten die Ideologie vom freien Markt vermittelt wird (Foto: privat)

Publik-Forum: Sie haben die wichtigsten Ökonomie-Lehrbücher auf die Frage hin untersucht, ob sie die Studierenden manipulieren. Tun sie es denn?

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Silja Graupe: Gregory Mankiw, der zurzeit wichtigste ökonomische Lehrbuchautor, behauptet von seinem millionenfach verkauften Werk, es wirke wie ein Portal: Einmal durchschritten, könnten Studierende nie mehr denken wie zuvor. Mehr noch: Ihre Weltanschauungen, Normen, Emotionen sollen sich unwiederbringlich wandeln. Und dies unbewusst. Meine Studie zeigt, dass Mankiw nicht zu viel verspricht: Er beeinflusst die Studenten nach Maßstäben, wie man sie aus dem Marketing, der PR und der Propaganda kennt. Damit wird die ökonomische Bildung zur Mogelpackung, die Studierenden lernen verdeckt eine Ideologie.

Sie werfen Mankiw und anderen Autoren von Lehrbüchern vor, bestimmte Glaubenssätze unkritisch zu vermitteln. Was meinen Sie damit?

Graupe: Glaubenssätze funktionieren immer nach einfachen Schemata. Eines der wichtigsten ist das Denken in Dualitäten, wie wir es etwa auch aus dem Rechtspopulismus kennen: Wir gegen die anderen, gut gegen böse, wahr gegen falsch. Es ist erschreckend, wie stark sich Standardlehrbücher solch einfacher Schemata bedienen.

Welches zum Beispiel?

Graupe: Nehmen sie das Schwarz-weiß-Denken in den Kategorien von »dem Staat« und »dem Markt«. Da ist die Bauanleitung in den Büchern ganz einfach: Denke dir negative Begriffe aus – von Wohlstandsverlust und Kontrolle bis hin zu Zwang oder gar Verhungern und Terror – und assoziiere sie mit dem Staat. Und kopple alle positiven Begriffe – Freiheit, Demokratie etc. – an den Markt. Dabei tun die Lehrbücher so, als wäre dies reine Wissenschaft. Und belegen es nicht mit empirischen Erkenntnissen.

Was macht das mit den Studierenden?

Graupe: Sie drohen ein festgefügtes Denken, ein sogenanntes Mindset, antrainiert zu bekommen. Das kann dann zur Interpretation aller möglichen Situationen herangezogen werden und wird zur Basis für handlungsleitende Entscheidungen. Junge Menschen lernen mit diesem Mindset zu denken, nicht aber über dieses. Die ökonomischen Standardlehrbücher lehren die Wissenschaft lediglich als Autorität, der man Glauben schenken sollte. Wirklich wissenschaftliches Denken, das mit einem hohen Grad an kritischem Bewusstsein zu tun hat, vermitteln sie hingegen nicht.

Inwiefern bestimmen diese »Wahrheiten« eigentlich die herrschende Wirtschaftspolitik?

Graupe: Achten Sie einmal darauf, wie Politiker über die Wirtschaft sprechen. Oft ist da von »dem Markt« oder »den Märkten« die Rede, als seien diese handelnde, ja herrschende Akteure, obwohl sie eigentlich komplexe soziale Prozesse darstellen. Diesen Akteuren werden dann Kräfte zugeschrieben, die so unbarmherzig wirken sollen wie Naturgesetze. Dann muss man eben akzeptieren, dass Leute zu Verlierern in der Marktwirtschaft werden. Garniert man dieses metaphorische Wunderwerk dann noch mit positiv besetzten Begriffen – Freiheit, Demokratie, Wohlstand, Wachstum –, ist die Metaphorik vom alles beherrschenden »Markt« perfekt. Die Lehrbücher hinterlassen ihre Spuren in der Politik.

Hat sich die Lehre der Ökonomie durch die Finanzkrise nicht verändert?

Graupe: Erschreckend wenig. Die Lehrbücher, die ich untersucht habe, prägen global die ökonomische Lehre. Sie und weitere Werke, die ähnlich aufgebaut sind, wurden bereits in bis zu vierzig Sprachen übersetzt und werden an Universitäten rund um den Globus eingesetzt und millionenfach verkauft. An dieser extremen Standardisierung weltweit hat sich wenig geändert. Immerhin gibt es an den Rändern des Mainstreams auch Hoffnung: Studentische Netzwerke und Initiativen, die Protest mit der Erarbeitung eigener Alternativen verbinden, alternative Lehrbuchprojekte und, vereinzelt, eben auch ganz neue Studiengänge wie etwa an der Universität Siegen oder bei uns an der Cusanus-Hochschule.

Wie vermitteln Sie an der Cusanus-Hochschule Ökonomie?

Graupe: Gegen Beeinflussung gibt es zwei Gegenmittel: erstens einen echten Bezug zur Lebenswelt. Wer an der sozialen und wirtschaftlichen Realität lernt, durchschaut schnell, wie wenig hilfreich stereotype Vorstellungen vom immer guten Markt und vom immer bösen Staat sind. Und zweitens geht es uns um die Fähigkeit, sich das eigene Denken bewusst zu machen, um seine Muster kreativ und frei zu verändern. Diese Gegenmittel bilden den Kern unserer ökonomischen Lehre. Eigentlich ist es ganz einfach: Bei uns ist in den Wirtschaftswissenschaften wieder drin, was vorne draufsteht: Wirtschaft und Wissenschaft.

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Schlagwörter: Bildung Ideologie
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