Burundi: Stolz und Vorurteil
Gestartet bin ich mit einem Nachtflug von Frankfurt aus. Nach der Landung in der kühlen und in der derzeitigen Regenzeit nebligen äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ging es weiter zum wuseligen Drehkreuz Nairobi. Dort verließ meine Reiseroute die aufstrebenden Metropolen Afrikas und folgte dem Äquator in Richtung Westen. Unter uns trockenes, scheinbar menschenleeres Land, dann kleine Bauernhäuser, deren Wellblechdächer in der Sonne blinkten. Und schließlich, so groß wie Bayern, der Victoriasee – von dem aus der Nil seinen langen Weg nach Norden nimmt.
Was Godance und Veronique mir im Flugzeug erzählen
Madame Godance und Madame Veronique sitzen mit mir in einer Dreiersitzreihe. Sie tragen farbenprächtige Kleider. Godance lebt in Schweden. »Ich bin vor dem Krieg 2003 geflüchtet«, erzählt sie. »Es war einer der vielen Gewaltausbrüche und Massenmorde, die in Burundi immer wieder geschehen und von denen die Weltöffentlichkeit praktisch nicht Kenntnis nimmt.« Godance ist mittlerweile schwedische Staatsbürgerin. Doch sie fliegt frohen Mutes in ihre Heimat, denn in Burundi ist es derzeit ruhig, »abgesehen von einigen politischen Morden, die fast täglich geschehen«, sagt sie.
Veronique erzählt, ihr Mann habe bei der Bundeswehr in Deutschland eine Generalstabsausbildung gemacht. Jetzt sei er einer der Kommandeure jener burundischen Armeeeinheit, die Friedenssoldaten im Bürgerkriegsland Somalia im Auftrag der Vereinten Nationen einsetzten. Madame Veronique ist stolz auf ihr kleines Land und ihren Gemahl, während Madame Godance froh ist, dem ewigen, von Kriegen unterbrochenem Niedergang ihres Landes entronnen zu sein.
Wer reist schon in den vergessensten Teil der Krisenregion Zentralafrika, nach Burundi? In einen instabilen Staat, der ganz anders ist als der durch Kriegschaos geprägte Kongo und als der streng kontrollierte Wachstumsstaat Ruanda? Ich kenne nur einen Journalistenkollegen, der je in Burundi war.
Burundi? Die Daten sind niederschmetternd. Das zweitärmste Land der Erde laut Human Development Index der UNO, vor dem Schlusslicht Haiti. Doch Haiti hatte ein Erdbeben. In Burundi beträgt die Kindersterblichkeit 20 Prozent. Eines on fünf Kindern wird keine fünf Jahre alt. Auf einem Quadratkilometer wohnen 379 Personen – viel zu viele für ein Land, in dem neun Zehntel der Bevölkerung als kleine Bergbauern von Selbstversorgungslandwirtschaft leben müssen. Wenn eine Familie eine Kuh besitzt, ist dies bereits Wohlstand. Die Wirtschaftsleistung ist unterirdisch. Rechnerisch beträgt sie pro Person im Jahr rund einhundert Euro – weniger als 30 Cent pro Tag.
Und dennoch: Die Burunder sind erfinderisch. Sie verstärken chinesische Fahrräder so, dass sie damit anderthalb Zentner Heu transportieren können – oder eine ganze Familie.
