Christus an der Strafraumgrenze
Zwei Verteidiger kommen ihm im Strafraum entgegen. An der Strafraumgrenze ist Jesus Christus, ein wenig schwerelos, im weißen Trikot des vom Tod Auferstandenen. Er steht nicht breitbeinig wie der Schiedsrichter im Feld. Aber er ist dabei, irgendwie, auf seine eigene Art.
»Wir pflegen und begleiten hier im Centre Nouvelle Espérance 2609 Aids-Kranke und von Aids infizierte«, sagt Pater Benno Baumeister. Die Zahl »zweitausendsechshundertundneun« spricht der 79-jährige Seelsorger langsam und bedächtig, so als denke er an jede und jeden einzelnen.
Nouvelle Esperance, das für alle Betroffenen offene, katholische Zentrum »Neue Hoffnung« der Weißen Väter, hat vieles: In niedrigen Backsteinhäuschen sind nebeneinander die Diagnose- und Teststation, die Rechtsberatung, die Tagesklinik, ein geschützter Tagesaufenthalt, eine Mensa, Schneider- und andere Werkstätten sowie die Krankenstation untergebracht. »Alle Hilfen an einem Ort, das ist für die Erkrankten praktisch«, sagt Pater Benno. »Wer für die Nächte keine Bleibe hat, wird bei befreundeten Schwestern aufgenommen, auch auf Dauer.«
Aids ist allgegenwärtig. Pater Benno ist es aber auch
Man – oder frau – infiziert sich früh, in der Regel als Teenager. Rund sechs Prozent der Bevölkerung von knapp elf Millionen Menschen sind an HIV/Aids erkrankt. Etwa 27000 Kinder unter 15 Jahren sind mit dem HI-Virus infiziert. Weitere 200 000 Kinder haben durch diese Krankheit ihre Eltern verloren. Viele dieser Waisen werden von der Großfamilie aufgenommen, doch manche finden keinen Schutz und landen als Straßenkinder in der Hauptstadt. Dort versuchen sie sich dann als Parkwächter. Wer Glück hat, findet Obdach im eigens für die Straßenkinder hergerichteten Gesindetrakt der alten Villa eines schwedischen Internet-Millionärs. Doch solcherlei Privatinitiativen sind selten.
Seit 2008 stellt der Staat – einer üblen Tendenz vieler afrikanische Staaten wie zum Beispiel Uganda folgend – Homosexualität unter Strafe. Aufgrund des neuen Strafgesetzes wird sie mit einer Haftstrafe zwischen drei Monaten und zwei Jahren oder einer Geldstrafe zwischen 50 000 und 100 000 burundischen Francs geahndet, umgerechnet 25 bis 50 Euro. Das ist für normale Burunder ungeheuer viel Geld, denn ein Wächter oder Arbeiter verdient im Monat rund sechs Euro. Angesichts solch extrem niedriger Hungerlöhne von rund 20 Cent pro Tag ist es kein Wunder, dass manche junge Frau versucht, mit Prostitution etwas hinzuzuverdienen.
Als ob man Lesben und Schwule einfach verbieten könnte ...
Die idiotische Regierungspolitik gegen homosexuelle Menschen – gegen die Human Rights Watch mit der Aktion »Forbidden – Gays and Lesbians in Burundi« reagiert – verkompliziert die Situation und erschwert die Hilfe für Erkrankte. Hinzu kommt, dass viele Betroffene unterernährt sind und wenig Widerstandskräfte besitzen.
Im Welthungerindex der Welthungerhilfe steht Burundi auf dem allerletzten Platz unter 119 Entwicklungsländern und osteuropäischen Transformationsstaaten. Laut Human Development Index HDI 2011 der Vereinten Nationen liegt Burundi auf Platz 185 von 187. Gründe für den Hunger sind Kriegsfolgen, Übernutzung der Böden, hohe Bevölkerungsdichte und der damit verbundene Landmangel. Letzterer wird durch die Rückkehr von Flüchtlingen noch verschärft. 42 Prozent der Burunder hungern, so berichtet der Welthungerindex.
Pater Benno lässt dennoch die Hoffnung nicht sinken. »Viele unserer Aids-Erkrankten überleben dank unserer modernen Medikamente viele, viele Jahre lang.« Ob der sportliche Christus an der Strafraumgrenze im Centre Nouvelle Espérance hierzu auf seine stille Weise beiträgt? Wer weiß?
