Das Fahrrad-Wunder
Auf dem wuseligen, staubigen und insgesamt armen Markt von Kamenge gibt es eine Gasse, in der sich das Transportgewerbe konzentriert. Monsieur Albin ist zwanzig Jahre alt, klein, schmal und Spezialist beim Umbau von Fahrrädern. »Wir importieren die Räder neu aus China oder gebraucht aus Daressalam, der Hauptstadt von Tansania.«, beginnt Monsieur Albin seinen Bericht. »Da in Zentralafrika häufig Zweizentnerlasten auf dem Velo transportiert werden, verstärken wir zunächst den Gepäckträger.«
Mittlerweile haben sich hundert kleine Mädchen und Jungen um uns herum versammelt. Vermutlich ist es eine Sensation, dass ein Muzungu, ein Weißer, so lange und ausführlich einem einheimischen Experten auf diesem staubigen Markt zuhört.
»Das Wichtigste am Rad ist, wie gesagt, der Gepäckträger«, wiederholt Monsieur Albin. »Wir nehmen Armierstahl und schweißen ihn zu einem kompakten, neuen Trägersystem zusammen. Die Stahlbefestigungen werden dann angemalt, damit das schwere Trumm schick aussieht. Hellrot, gelb und grün sind die bevorzugten Farben.« Das Anmalen ist Alte-Frauen- oder Kinderarbeit. Bei den vielen Fahrradtaxis wird auf dem Gepäckträger ein regenfestes Sitzpolster in Grellrot angebracht, außerdem gibt es kleine Eisengitter in Fußhöhe rechts und links, damit niemand mit seinem Fuß in die Speichen kommt.
»Bei den Rädern, die in der Landwirtschaft oder beim Gütertransport eingesetzt werden, montieren wir, falls vom Kunden erwünscht, Spezialreifen, die wir aus Uganda beziehen. Die Mäntel sind eisenverstärkt und so formstabil, dass du zur Not auf ohne Luft im Reifen ein Stück weiterfahren kannst. Unschlagbar!«, ruft Monsieur Albin und lacht. Verschönerungen sind immer möglich. So gibt es zum Beispiel einen kleinen burundischen Nationalwimpel mit praktischem Saugnapf für festen Halt auf dem vorderen Schutzblech in Weiß und Grün und Rot.
Jocelyne und Bartholomé wirken Wunder am alten Schuh
Gleich neben den Fahrradschraubern liegt die Gasse »Aus Alt mach Neu«. Schuhverschlag reiht sich an Schuhverschlag. In einigen werden Turnschuhe gewaschen. »Unsere Arbeit ist eine Arbeit, die Hingebung und Geduld fordert«, sagt Madame Jocelyne. Wir kaufen die Sportschuhe, die die Europäer oder Amerikaner nicht mehr tragen wollen und weggeben.« Die Schuhwäscherin ist etwa vierzig Jahre alt, ihr Sohn Bartholomé arbeitet mit. Der Elfjährige macht sich an ein paar Puma-Treter. »Erst wird eingeweicht, in Seifenlauge«, sagt Madame Jocelyne. »Und dann wird geschrubbt, bis zu einer Viertelstunde lang.«
Wenn dann kein Stäubchen und kein Mini-Rest an Dreck mehr an den Sportschuhen haftet, werden sie sorgsam getrocknet, dezent parfumiert und glanzbehandelt. So finden die neu-alten Sportschuhe den Weg in die Schuhverkaufsstände, eine Gasse weiter. »Mit den Lederschuhen machen wir es ähnlich, schließt Madame Jocelyne, »natürlich machen wir sie nicht nass, aber wir schrubben und wienern sie so lange, bis die Slipper oder Budapester wieder wie neu aussehen.«
»Murakosi tschane«: Herzlichen Dank!
In wenigen Tagen werde ich wieder in Europa, zurück in der Redaktion von Publik-Forum sein. Meine Reise durch Burundi geht zu Ende.
Während ich darüber nachdenke, kommen mir noch einmal all die Menschen in den Sinn, die ich hier getroffen habe: Ich habe großen Respekt vor ihnen. Denn sie haben eine robuste Lebensfreude und einen sturmfesten Glauben – trotz der großen Widrigkeiten und nahen Nöte in ihrem schweren Alltag. In einer krisenanfälligen, instabilen Welt des Hungers und ohne jede Krankenversicherung denken sie an den Nächsten und sorgen für ihn mit – sowie der Junge, den ich einlud, Erdbeermarmelade von den Bergen zu probieren. Er sagte: »Warte bitte, ich hole zuerst meine Brüder, damit sie auch versuchen können.«
Dahinter steckt beides: kluge Vorsicht und Brüderlichkeit. Ich ende mit einem tief empfundenen »Murakosi tschane«. Herzlichen Dank.
Aber natürlich hat das eigentliche Schlusswort ein Mensch aus Zentralafrika: Michel Kayoya, Schriftsteller und junger Priester aus Burundi. Weil er eine geschwisterliche Gesellschaft und Kirche wollte, ohne ethnischen Hass, wurde Michael Kayoya im Jahr 1972 ermordet. Er wurde nur 38 Jahre alt. Worum es geht –, darauf antwortete einst dieser in Europa kaum bekannte Märtyrer:
»Den Menschen lieben, ihn heilen, ihn unterweisen,
ihn selbstbewusst machen, ihn erziehen,
in ihm das Gefühl für Solidarität entwickeln,
ihn würdig machen und frei,
fähig zur Antwort auf seine ewige Bestimmung!«
Michael Kayoya (1934–1972)
Kollege Seiterich hat uns in der Redaktion aufgetragen, den folgenden Nachspann zu veröffentlichen: »Das Zentralafrika-Reisetagebuch war nur möglich dank der Hilfen von Britta Baas (Redaktion Publik-Forum, Oberursel), Roberto Santavenere (Bujumbura),Nadia Ntaconayigire (Ryasusera/Kiyenzi) und Don Enzo Chiarini (Teramo, Italien).«
