Das Wasser steht uns bis zum Hals
»Was mir am meisten Sorgen macht, ist, dass wir keine Zeit mehr haben«, sagt Meinhard Miegel. »In etwa 30 Jahren wird die Menschheit doppelt so viele Ressourcen verbrauchen, wie die Natur in einem Jahr bereitstellen kann.« Da bleibt nicht viel Zeit, seine Denk- und Lebensgewohnheiten grundsätzlich umzustellen.
Miegel ist Vorsitzender der Stiftung Denkwerk Zukunft. Mitte Juni 2013 hat die Stiftung ein Memorandum veröffentlicht, das den Bundestag – und nicht nur ihn – aufschrecken sollte. Ob das gelungen ist? Die jüngste Hochwasser-Katastrophe in Deutschland gibt jedenfalls ausreichend Anlass, über den Umgang mit natürlichen Ressourcen – wie dem Wasser – kritisch nachzudenken. Denn die Natur schlägt zurück: Nach Angaben deutscher Versicherungsunternehmen müssen sie für die Beseitigung der Schäden in diesem Jahr mindestens drei Milliarden Euro an die Versicherten zahlen. Und das nächste Hochwasser kommt bestimmt.
Miegel kennt die Ursachen für gnadenlosen Umgang mit der Natur, für Flussbegradigungen, Flurbereinigungen und Energieproduktion auf Hochtouren: »Wir leben in einer Gesellschaft, die ihre Zufriedenheit und ihr Glück durch Materielles befriedigt.« Da man aber genau dort in Zukunft einsparen müsse, »müssen wir lernen, andere Quellen zur Zufriedenheit zu nutzen«, sagt er. Vor Kurzem hat der Bundestag sich in die Sommerpause verabschiedet. Und Angela Merkel brachte zu diesem Zeitpunkt noch einmal das Thema »Hochwasser« aufs Tapet: Acht Milliarden Euro Hilfsgelder habe die Bundesregierung zur Beseitigung der Schäden bereitgestellt. Sie klang ein wenig stolz.
Hochwasser als Folge der westlichen Konsumkultur?
Der 74-jährige Jurist und Sozialwissenschaftler Miegel ist von der Zahl wenig beeindruckt. Er ist Postwachstumsökonom. Hinter diesem Begriff steht die Überzeugung, dass wirtschaftliches Wachstum, wie es momentan voranschreitet, auf Dauer die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde überschreitet. Und dass das Hochwasser ein Folge der ungebremsten Wachstumsideologie ist, scheint ihm sonnenklar. »Bin ich für oder gegen Wachstum? Die Frage stellt sich überhaupt nicht mehr«, sagt Miegel und rückt seine silberne Brille zurecht. »Gegenwärtig verbraucht die Menschheit jedes Jahr ungefähr 40 Prozent mehr an Naturressourcen, als die Erde reproduzieren kann.«
Das liege vor allem an der westlichen Konsumkultur. Als eine der Strategien dagegen schlägt Miegel vor: Nicht zuerst den Konsum ändern, sondern bei der Frage nach der Zufriedenheit anfangen. Daraus sollte sich das Konsumverhalten ableiten.
Damit beschäftigte sich gut zwei Jahre lang auch die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität. Ihr Abschlussbericht, sage und schreibe 850 Seiten dick, lag der Bundesregierung vor, als die Bundeskanzlerin über die Hochwasserschäden sprach. Auch hier der Tenor: Neue Maßstäbe für den Wohlstand müssten her. Anhand zehn verschiedener Merkmale solle er nun gemessen werden, von der Gesundheit bis hin zur Bildung.
Zwei Jahre arbeitete die Kommission
Zwei Jahre haben Abgeordnete aus allen Parteien sowie Sachverständige an diesem Thema gearbeitet. Diese Erfahrung war für Daniela Kolbe das Spannendste. Die SPD-Bundestagsabgeordnete saß der Kommission vor. »Wir haben uns auch darauf geeinigt, dass es Umweltgrenzen gibt, die das politische Handeln bestimmen sollten,« erklärt sie ein Ergebnis der Kommission. Für zwei Jahre Arbeit klingt das mager.
Meinhard Miegel sieht dieses Minimalergebnis als Zeichen dafür, dass die vermeintliche Zauberformel »Wachstum schafft Zufriedenheit«, die sich in den Köpfen festgesetzt hat, nicht so schnell aufgegeben wird. Er saß als Sachverständiger in der Kommission. Viel Wandel in den Köpfen scheint er nicht bewirkt zu haben. Und so lässt sich schon ahnen: Das nächste Hochwasser kommt bestimmt. Und das Spiel um Entschädigung, Neuaufbau und Wirtschaftswachstum contra Natur beginnt von vorn.
