»Der Staat muss Umweltschutz belohnen«
Publik-Forum: Herr von Weizsäcker, Sie haben 2009 in Ihrem Buch »Faktor Fünf« geschrieben, dass die Industrie den gleichen Wohlstand mit zwanzig Prozent der Umweltbelastung erwirtschaften könne. Ist dieses Konzept gescheitert?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Es kommt auf den Bereich an. Der klassische Schadstoff-Umweltschutz ist überhaupt nicht gescheitert. Bei der Schadstoffbelastung ist längst ein Faktor zehn, also eine Reduktion auf zehn Prozent, manchmal ein Faktor hundert, also ein Rückgang auf ein Prozent erreicht worden. Oder nehmen Sie etwa ein Passivhaus. Das ist etwa zehnmal energieeffizienter als ein typischer Altbau. In anderen Bereichen sind die Fortschritte mager, etwa im Klimaschutz oder im Verkehr. Dort steigt die Umweltbelastung mit der Mobilität.
In »Faktor Fünf« heißt es: Viele der Verbesserungsvorschläge rentieren sich für die Wirtschaft – wenn die Rahmenbedingungen verändert wurden. Welche meinen Sie?
Weizsäcker: Die wichtigste Bedingung ist ein ökologisch wahrhaftiger Preis für Energie, Mineralien und Wasser. Solange das alles billig ist, ergibt die Effizienzverbesserung wenig Sinn, weil der Anreiz fehlt, mit diesen Ressourcen sparsam umzugehen.
Man kann derzeit für achtzig Euro von Berlin nach Rom fliegen, und ein Blick in die Regale der Supermärkte und Discounter verrät: Diese Preise sagen nicht, welche Umweltbelastung diese Leistungen verursachen. Hilft hier nur die regulierende Hand des Staates?
Weizsäcker: Billigfliegen ist Wahnsinn. Das Abkommen von Chicago, das die Besteuerung von Kerosin für internationale Flüge untersagt, gehört dringend in den Mülleimer. Zudem wäre eine Zusatzsteuer für die Klimaschäden des Flugverkehrs nötig. Aber da blockieren die englischsprachigen Länder und die Touristeninseln. Gleiche Wettbewerbsbedingungen kann global jedoch nicht »der Staat«, sondern nur die Staatengemeinschaft herstellen. Damit die Preise die ökologische Wahrheit widerspiegeln, brauchen wir ein weltweites Umdenken. Und Handeln.
Wenn Preise der ökologischen Wahrheit entsprechen, ist Umweltschutz dann nur etwas für Reiche?
Weizsäcker: Nicht unbedingt. Es gibt die Tafel-Läden, wo man Lebensmittel billig kriegt, übrigens eine tolle soziale Erfindung! Und gutes Gemüse kostet nicht mehr als mieses Fleisch. Die Politik kann eine sanfte Verteuerung von Grundnahrungsmitteln – und nur um die geht es – zum Beispiel durch eine entsprechende Erhöhung der Sozialleistungen ausgleichen.
Muss Klimaschutz für die Wirtschaft rentabel werden, damit er sich durchsetzt?
Weizsäcker: Der Klimaschutz kommt nur massiv voran, wo er lukrativ ist: Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz sind die Energieträger Wind, Sonne oder Wasserkraft lukrativ geworden, und zwar für Anbieter und für Kunden. Beim effizienten Einsatz von Rohstoffen fehlt dieser Umschwung noch.
Der Ökolandbau wird aber immer teurer sein als die konventionelle Landwirtschaft.
Weizsäcker: Der Ökolandbau kommt immer dann voran, wenn die Haushalte aus gesundheitlichen Gründen oder um der Tiere, Vögel und Bienen willen merken, dass er seinen Preis wert ist.
Einige Unternehmen folgen dem Konzept der Gemeinwohlökonomie. Was besagt die Idee und was kann sie bringen?
Weizsäcker: Gemeinwohlökonomie nach Christian Felber setzt neue Geschäftsziele, weg von alleiniger Gewinnmaximierung, hin zur Steigerung des Gemeinwohls. Natürlich sollen auch Gewinne erwirtschaftet werden, aber eben nicht schmutzige, die draußen mehr Schaden anrichten. Nach diesem Prinzip arbeiten bereits mittelständische Familienbetriebe, aber auch schon mal eine Sparkasse wie in Dornbirn, Österreich. Diese Unternehmen wirtschaften dann nachhaltiger, wenn sie das Konzept der Gemeinwohlökonomie konsequent umsetzen.
Welche Chancen räumen Sie der Gemeinwohlökonomie ein?
Weizsäcker: Auch in der vom Wettbewerb beherrschten Wirtschaft kann sie sehr erfolgreich sein, auch für die Unternehmen selbst. Selbst wenn ihre Kosten vielleicht steigen, wächst die Bindung zu den Kunden, die Motivation der Mitarbeiter, die Langfristigkeit der Produktion und die Freude an der eigenen Leistung. Solche Unternehmen haben meist eine höhere Produktivität und werden gestärkt.
An Ideen, unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem in ein nachhaltiges zu überführen, mangelt es nicht. Brauchen wir dazu mehr Initiativen der Einzelnen wie in der Gemeinwohlökonomie oder mehr Staat?
Weizsäcker: Ohne Mut und die Initiative Einzelner läuft nichts. Aber der Staat muss auch langfristiges und ökologisches Verhalten belohnen. Hier sind Korrekturen notwendig! Hierfür brauchen wir ein politisches Umdenken vom kurzfristigen Utilitarismus zum Gemeinwohl. So verstehe ich übrigens auch die päpstliche Enzyklika »Laudato Si’«.
Lobbyisten klassischer Industriezweige sind immer noch sehr stark. Wie hoch ist das Potenzial, neue Arbeitsplätze durch umweltfreundlichere Technologien zu schaffen? Wie lässt sich die Politik davon überzeugen, die alten Industrien zurückzubauen?
Weizsäcker: Man kann die Zahl der Arbeitsplätze in umweltfreundlicheren Industrien nicht so einfach messen wie die Jobs in der klassischen Autoindustrie. Wenn die Mobilitätswirtschaft insgesamt ökologisch wäre, dann bräuchten wir keine speziellen »Umweltarbeitsplätze«. Dann wären alle Jobs Umweltarbeitsplätze. Fest steht: Die deutsche Autoindustrie kann in China bald keine Autos mehr verkaufen, wenn ihre Autos nicht ökologisch top sind. Staatliche Vorgaben sind notwendig.
Wie sehr wirft der Entschluss der US-Regierung, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen, die globalen Bemühungen um Klimaschutz zurück?
Weizsäcker: Trump bremst den ansonsten eindrucksvollen Modernisierungstrend der amerikanischen Industrie. Wenn Städte, Firmen und ganze US-Staaten sich gegen seine reaktionäre Tendenz zur Wehr setzen, handeln sie im berechtigten Interesse ihrer eigenen Zukunft. Und viele tun dies. Wenn europäische Kommunen mitziehen, ist das allseits erfreulich.
Kann ein Wirtschaftssystem wie der Kapitalismus, das auf Wachstum beruht, wirklich je ökologisch werden?
Weizsäcker: Wachstum kann auch Wachstum von Wohlergehen mit viel weniger Naturverbrauch sein. Aber bei den heutigen Rahmenbedingungen der Wirtschaft heißt Kapitalismus fast immer schlimmer werdende Naturzerstörung. Bei diesem Kapitalismus hat es Nachhaltigkeit schwer, es braucht mindestens einen anders regulierten Kapitalismus, wenn nicht ein anderes Wirtschaftssystem.
