Die Müllmenschen von Manshiyet Nasr
Manshiyet Nasr erinnert mich an sehr schlimme Viertel in der indischen Stadt Kalkutta. Nur sind wir heute nicht in einem Slum, sondern in einem Kairoer Stadtteil, der seit 1975 wild gewachsen ist. Das ist aber nicht das Schlimmste, obwohl manche Treppenkonstruktion zum Fürchten ist und mancher Fußboden in den aus Ziegeln errichteten vielstöckigen Häusern den freien Blick in die Tiefe zulässt. Das Schlimmste ist der Müll. Ganze Gassen sind meterhoch abgefüllt. Riesige Säcke mit stinkendem Etwas liegen vor den Häusern und zu Dutzenden auf den Dächern, sie füllen Wohnräume und Werkstätten. Abfall ist überall - und damit auch der Gestank. Dass man hier überhaupt leben kann...
Müllsammler ist nicht gleich Müllsammler: Es gibt eine strenge Hierarchie
Die Müllsammler und Müllverwerter von Kairo können sich solche Gedanken nicht leisten. Allein in Manshiyet Nasr leben 75000 Menschen vom Dreck anderer. Es sind fast ausschließlich Kopten. Für die vom Land zugezogenen Menschen bietet der Abfall eine Chance zu überleben - wobei ein gesundes Leben in dieser Umgebung nicht möglich ist. Frauen kramen in den Säcken, sortieren Verwertbares aus. Kinder suchen nach Papier; in kleinen Werkstätten wird Plastik geschreddert oder Metall getrennt. Und zwischen all dem schauen Ziegen, Hühner und Ratten, ob für sie etwas übrig geblieben ist.
Überall ist es mehr als genug. Seit unter dem Vorwand der Schweinepest Hunderttausende Schweine binnen weniger Tage abgeschlachtet wurden, fault der organische Müll inmitten der Straßen. Die Allesfresser hatten in den Jahren davor knapp die Hälfte des Abfalls verwertet. Der Dreck war weg, die Tiere wurden groß und lieferten ihren Züchtern auch noch Fleisch.
Das ist seit rund zweieinhalb Jahren verboten - ob aus Schikane gegen die christliche Minderheit, die je nach Zählweise 10 bis 15 Prozent der ägyptischen Bevölkerung stellt, oder aus Vernunft. Auf jeden Fall aber zum Schaden der Menschen. Diese haben es schwer genug. Wer in unmittelbarer Umgebung mit dem Hand- oder Eselkarren Abfall ausschließlich sammelt, steht im Viertel auf unterster Stufe. Mehr Chancen, Wiederverwertbares zu finden, hat, wer mit einem Pick up Dreck aus den besseren Vierteln der Stadt abholt. »Die Gebiete sind aufgeteilt«, sagt Waghai, ein junger Mann, der die Gegend kennt. »Die mit dem Müllgeschäft angefangen haben, machen ein gutes Geschäft.« Doch die »Oligarchen« der Müllsammler lassen sich an wenigen Fingern abzählen.
Dächer dienen als luftige Weide für Kühe, Schweine und Wasserbüffel
Der große Rest ist froh über kleine Geldscheine - und große Ideen. Wie Waghai, der Sozialingenieur. Auf dem brüchigen Dach des Hauses seiner Tante hat er mit Bekannten eine kleine Solaranlage für Wasser und eine selbst konstruierte Mini-Gasanlage zum Kochen installiert. Aus organischem Abfall und Dung von Tieren wird das Gas produziert. Seine Lieferanten - Kühe, Schweine und Wasserbüffel - stehen nur wenige Meter entfernt auf den Dächern der Nachbarhäuser. In luftiger Höhe werden Tiere gehalten, deren Zucht auf dem Boden zum Teil noch immer verboten ist. Wie nur lassen sie sich auf windigen Treppen in den siebten oder achten Stock befördern? Waghai lacht. »Zuerst schieben wir, dann laufen die Tiere von selber aufwärts.« Waghai hofft, dass aus den Anfängen privater Stromgewinnung irgendwann eine Solar City wird. Vielleicht dann, wenn die neue Regierung die unwürdigen Lebensumstände der armen Menschen zum Thema macht. Bisher hat sie dafür noch keine Zeit gefunden.
