Die Scham am Online-Stammtisch
Auffällig verhalten, geradezu staatstragend geht es seit den Anschlägen in Norwegen in den Internetforen von Rechtspopulisten und christlichen Fundamentalisten zu. Zu offensichtlich sind die gedanklichen Verbindungen zwischen dem, was auf diesen Webseiten normalerweise diskutiert wird, und den Inhalten des 1500 Seiten umfassenden Pamphlets, das der Mörder von Oslo kurz vor seinen Taten ins Netz stellte. »Der Name des Teufels: kultureller Marxismus, Multikulturalismus, Globalisierung, Feminismus, Egalitarismus – ein Rezept zum Untergang«, heißt es dort zum Beispiel. Und weiter: »Wenn wir, die kulturellen Konservativen, in den nächsten 20 bis 70 Jahren die politische und militärische Macht in Westeuropa ergreifen, werden wir die patriarchalen Strukturen wieder errichten.«
Wer an Verschwörung glaubt, hat nicht nur einen Feind
Im Vordergrund stehen also keineswegs nur Islamophobie und Anti-Multikulti. Die Bedrohung geht, gerade in einem Land wie Norwegen, dass seit Jahrzehnten fast durchgehend von Sozialdemokraten regiert wird, auch von der »kulturellen Hegemonie der Marxisten« aus. Feindbild sind damit alle, die gleiche Rechte und Chancen fordern, und erst recht jene, die das alte Patriarchat demontiert haben. Antifeminismus ist ein wichtiges, aber kaum diskutiertes Element im Weltbild von Rechtspopulisten und christlichen Kreuzzüglern. Extremismusforscher sprechen in diesem Zusammenhang von »Autoritarismus«: Vorurteile und Abwertungen beziehen sich selten nur auf eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe. Wer gegen Muslime ist, die angeblich den europäischen Nationalstaat unterwandern, ist gleichzeitig oft auch homophob, also gegen gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierungen, oder eben gegen »den Feminismus«. Verschwörungstheorien umfassen eben mehr als ein einziges Thema. Meist handelt es sich um eine Mixtur verschiedener Ressentiments.
Hämischer Streit: Traf es die »richtigen Opfer«?
Nach Oslo gingen die einschlägigen Foren peinlich berührt auf Distanz – schon deshalb, weil die Betreiber juristische Sanktionen fürchteten. Doch nicht alle Aktivisten am Online-Stammtisch machten die Anschläge sprachlos. Selbst in einer Situation, die sich zu Scham und Zurückhaltung angeboten hätte, konnten einzelne Autoren nicht verbal abrüsten. »Schlimmer Finger: Gewalttätiger Anti-Sozialdemokratenprotest in Norwegen«, postete zynisch das Portal Altermedia Deutschland. »Der Täter wurde durch die menschenfeindliche Politik der Sozialisten, die weit mehr Menschen auf dem Konto hat, dazu getrieben«, hieß es verständnisvoll im Internetblog Politically Incorrect, dem virtuellen Leitmedium der Islamhasser. Konspirative Thesen machten dort wie gewohnt die Runde; man habe »in Europa wohl Angst vor einem Umschwung nach rechts«. Im noch extremeren Forum Thiazi.net stritten sich Kommentatoren, ob der selbst ernannte Kreuzritter die richtigen Opfer umgebracht habe. Einen von ihnen störte das Mitgefühl. Schließlich habe hier »ein weißer, germanischer Mann den Nachwuchs der Sozialisten, also der Feinde des weißen, germanischen Mannes« getötet.
Verschwörungstheorien schmieden meist Männer
Verschwörungstheorien im Netz verbreiten übrigens fast ausschließlich Männer. Das war schon nach dem 11. September so. Das setzt sich fort beim Kampf der »kulturellen Konservativen« gegen »linke Gutmenschen« und »politisch Korrekte«. Und selbstverständlich fühlen sich auch radikale Männerrechtler, die das alte Patriarchat wiederhaben wollen, von einer allumfassenden feministischen Hegemonie in Politik, Medien und Wissenschaft bedroht.
Man könne solche realitätsfernen Fantasien als Antwort auf eine »Krise der Männlichkeit« verstehen, sagt Michael Butter, der an der Universität Freiburg über das Phänomen forscht: Der Verschwörungstheoretiker glaube, »dass er allein die wirklichen Verhältnisse durchschaut«. So bringe er sich in die Position eines Wissenden, der seiner Umgebung überlegen ist.
Zugegeben, von dieser Geisteshaltung bis zum kaltblütigen Mord an Dutzenden von Jugendlichen ist es ein weiter Weg. Es ist sicher unpassend, das geschlossene Feindbild der Rechtskonservativen für Verbrechen wie in Oslo in Mithaftung zu nehmen. Eine unmittelbare Kausalität zwischen Ideologie und Tat besteht selbstverständlich nicht. Die Grundlagen dieser Ideologie aber bleiben dieselben.
