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Die Wahlsiegerin heißt Angst

Die Bundestagswahl 2017 hat vor allem eine Siegerin, und die heißt weder AfD noch FDP und schon gar nicht Angela Merkel. Gesiegt hat die Angst, die Angst vieler Menschen vor Veränderung. Kesslers Kolumne
von Wolfgang Kessler vom 24.09.2017
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Was wird in diesem Bundestag in den kommenden Jahren geschehen? "Die Wahlsiegerin des 24. Septembers 2017 heißt Angst", sagt Wolfgang Kessler (rechts). (Foto: pa/Kappeler)
Was wird in diesem Bundestag in den kommenden Jahren geschehen? "Die Wahlsiegerin des 24. Septembers 2017 heißt Angst", sagt Wolfgang Kessler (rechts). (Foto: pa/Kappeler)

Angela Merkel bleibt Kanzlerin. Aber mit wem wird sie regieren? Eine Jamaikakoalition mit FDP und Grünen scheint die einzig mögliche Wahl zu sei. Denn der Kanzlerkandidat der SPD kündigte noch am Wahlabend an, seine Partei gehe – mit einem Wahlergebnis knapp über 20 Prozent – in die Opposition. Das wird immerhin verhindern, die AfD für die kommenden Jahre in der Oppositionsführung erleben zu müssen. Über 13 Prozent der Wählerinnen und Wähler gaben ihr die Stimme; im Osten Deutschlands waren es mehr als 20 Prozent. Die rechtspopulistische Partei wurde aus dem Stand drittstärkste Kraft im Bundestag. Sie gewann vor allem bei früheren Nichtwählern, aber auch bei enttäuschten CDU/CSU- und SPD-Anhängern.

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Wer sich von den aktuellen Zahlen ausgehend mit den Hintergründen dieses Ergebnisses beschäftigt, sieht: Weit mehr als die Hälfte der Stimmen ging an jene Parteien, die einfach nur auf das »Weiter so« setzen. Dazu gehört in vielen Punkten die Union. Ebenso trifft das auf die sich modern gebenden Liberalen zu, die sich in der Flüchtlingspolitik, in der Energiewende oder in der Dieselkrise doch als konservativ entpuppen. Eine ganz andere Art des »Weiter so« propagiert die AfD, die bestenfalls Illusionen von einer Rückkehr in das vermeintlich heile Deutschland der 1950er Jahre hegt, schlimmstenfalls aber Anleihen bei der verbrecherischen Vergangenheit Deutschlands aufnimmt. Verlierer der Wahl ist eine gerechte und nachhaltige Zukunft für kommende Generationen.

Die Angst, die nicht vom Himmel fiel

Die wachsende Angst vieler Menschen ist nicht vom Himmel gefallen. Natürlich machen auch Terror und Kriminalität Angst – je mehr, umso hysterischer darüber berichtet wird. Doch der wirkliche Nährboden für ein zunehmendes Gefühl großer Unsicherheit ist die wirtschaftliche Zukunft: Trotz guter Wirtschaftsdaten sind 15 Prozent der Menschen vom Wohlstand abgehängt – die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern der Entwicklung wird ständig größer. Auch wenn sie gut ausgebildet sind, haben Menschen immer größere Probleme, eine gesicherte Beschäftigung zu erhalten. Fast jeder zweite Deutsche unter 30 hat einen befristeten Arbeitsplatz. Leiharbeit nimmt zu, trotz Mindestlohn sind viele Arbeitsbedingungen prekär, vor allem im Dienstleistungsbereich.

Das Hamsterrad dreht sich immer schneller

Derweil dreht sich das Hamsterrad, in dem die Menschen Beruf, Partnerschaft, Kinder, Hobbys unter einem Hut bringen müssen, immer schneller. Die Überforderung nimmt zu, die Lebensplanung wird schwieriger. Dazu kommen die Bedrohungen der Zukunft: Roboter ersetzen Arbeitskräfte, die Alterarmut nimmt zu, Erdüberhitzung und Massenarmut machen den weltweiten Kampf um die Lebenserwartung immer gewalttätiger. All diese Faktoren belasten auch die Psyche der Menschen in reichen Ländern, denn sie haben viel zu verlieren. Es ist ausgerechnet der Schriftsteller Stephen King, Autor von Horror-Romanen, ein Alt-68er, der die Lage auf den Punkt brachte: »In den 1970er Jahren wollten wir die Welt verändern, in den 1990er Jahren wollten wir die Welt retten. Jetzt wollen wir nur noch uns selbst retten.«

Alles soll sich ändern, nur nicht für einen selbst

Was hat dies mit der heutigen Bundestagswahl zu tun? Nun, nach meiner Erfahrung aus 35 Jahren Journalismus weckt Angst nur dann das Engagement, wenn sie sehr konkret ist: die Angst vor Atomraketen hat die Friedensbewegung angetrieben, die Angst vor Atomkraft die Anti-AKW-Bewegung. Die diffuse Zukunftsangst von heute macht dagegen strukturkonservativ: Alle versuchen für sich zu retten, was zu retten ist. Alle fordern ständig, dass sich alles ändern muss – vorausgesetzt, für sie selbst bleibt alles gleich. Aus diesen Gründen sind alle für mehr Gerechtigkeit, wählen aber lieber nicht jene Parteien, die mehr steuerliche Gerechtigkeit wollen, denn gerechtere Steuern könnten ja, sie, die Wähler selbst, treffen. Alle glauben, dass wir so nicht ewig weiterkonsumieren, weiterwachsen können –, aber alle verbieten sich Anfragen an ihren Lebensstil, an ihr Essen, an ihren Konsum, an ihre Mobilität. Dann entscheiden sie sich doch eher für das »Weiter so« oder für das »Zurück in die Zukunft«.

Gibt es Hoffnungen?

Ja, durchaus. Nämlich zwei: Zum einen jene, dass Angela Merkel immer mal wieder die Zeichen der Zeit erkennt und dann ruckartig grundlegende Veränderungen durchsetzt, wie nach Fukushima, wie teilweise in der Flüchtlingspolitik, oder wie in der Frage »Ehe für alle«. Warum sollte sie sich nicht auch künftig so verhalten? Und die zweite Hoffnung: dass endlich wieder eine starke Opposition existiert, die dann die Saat für ein Regierungsbündnis der Zukunft legt, das Deutschland wirklich zukunftsfähig macht.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Kessler ist Wirtschaftswissenschaftler und Chefredakteur von Publik-Forum. Er schrieb das Buch »Zukunft statt Zocken. Gelebte Alternativen zu einer entfesselten Wirtschaft« (Publik-Forum Edition)
Schlagwörter: Angst Gerechtigkeit Zukunft
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