Ein Raum für Versöhnung in Prag
Eine weiße Taube dreht sich langsam über den Menschen in der brechend vollen St.-Antonius-Kirche in Prag. Die mehrere Meter große Kunstinstallation ist in der Mitte des Kirchenschiffs aufgehängt. Ein Dutzend Koffer hat die 30-jährige Künstlerin Josefína Jonášová an ihrer Friedenstaube befestigt: Ein schwebendes Symbol für die Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer tschechischen Heimat und zugleich ein Bild für die Versöhnung, die nach 70 Jahren möglich wird.
Während in vielen Teilen der Welt der Nationalismus wächst, erinnern sich immer mehr Tschechen und Deutschen daran, welche schrecklichen Folgen er für sie gehabt hat – und reichen sich die Hand. »Versöhnung 2016« hieß ein Projekt, zu dem auch die Kunstinstallation gehörte. Auf Initiative von jungen Tschechen waren kürzlich 90 Sudetendeutsche in der Hauptstadt, eingeladen von der Prager katholischen Ackermann-Gemeinde.
Drei Millionen Deutsche wurden vertrieben
Einer von ihnen war Werner Honal. Er kennt sich aus in Prag, denn er ist dort vor dem Zweiten Weltkrieg geboren. Bereits 1944, als sich das Kriegsende abzeichnete, verließ die Familie die Stadt aus Angst vor Ausschreitungen und ging zu Verwandten ins Riesengebirge. Von dort wurde sie schließlich vertrieben. »Es war traumatisierend«, sagt Honal heute, der das Geschehen damals als Kind erlebte.
In Kohlewaggons wurden die rund 2000 Menschen nach Decin gebracht, mit Elbschiffen ging es weiter Richtung Dresden in eine Gegend, die von Flüchtlingen bereits überfüllt war. Bei der einheimischen Bevölkerung, die von den Ankömmlingen um Lebensmittel angebettelt wurden, waren die Vertriebenen nicht willkommen. Jahrzehntelang redete die Mutter nicht über das Erlebte.
Insgesamt wurden rund drei Millionen Menschen aus den tschechischen Gebieten vertrieben. Sie mussten von heute auf morgen ihre Häuser verlassen, mit wenig Gepäck tagelange Fußmärsche absolvieren oder wurden dicht gedrängt in Vieh- oder Kohlewaggons zur Grenze gefahren. Geht »heim ins Reich« riefen ihnen die Tschechen hinterher.
Die Sudetendeutschen konnten ihr Leben retten, viel mehr aber nicht. Ihre Häuser, ihr ganzes bisheriges Leben, ließen sie zurück. Und viele überlebten die »wilde Vertreibung« im Mai und Juni 1945 oder die nach der Potsdamer Konferenz der Siegermächte im August 1945 offiziell genehmigte Aussiedlung der Deutschen nicht.
Allein beim »Brünner Todesmarsch« Anfang Juni 1945 sollen 5200 Menschen umgekommen sein. 27 000 Bewohner aus Brünn und umliegenden Orten, hauptsächlich Frauen, Kinder und Alte, wurden am 31. Mai 1945 zusammengetrieben und auf den rund 55 Kilometer langen Weg Richtung österreichische Grenze gezwungen. Den Strapazen des Marsches in großer Hitze und ohne Wasser waren viele nicht gewachsen. Die Vertreibung war staatlich abgesegnet durch die sogenannten Beneš-Dekrete. Sie waren geplant und zugleich ein enormer Racheakt.
Auch die Tschechen haben Schreckliches erlebt
Denn auch die Tschechen hatten Fürchterliches erlebt. 1938 wurden viele aus den im Münchner Abkommen den Deutschen überlassenen sudetendeutschen Gebieten vertrieben. 1942, nach dem Attentat auf den »Henker von Prag« Reinhard Heydrich wurde das Dorf Lidice zerstört und alle männlichen Bewohner umgebracht. Tschechische und deutsche Juden wurden deportiert und ermordet, insgesamt sollen in der Tschechoslowakei in Folge der deutschen Okkupation 360000 Menschen ums Leben gekommen sein. Auf diese Morde folgte die Rache der Tschechen. Und was folgt daraus heute?
Nach Prag gekommen sind diejenigen, die als Kinder vertrieben wurden. Einige von ihnen stehen sieben Jahrzehnte nach diesen Ereignissen am heruntergekommenen Bahnhof Bubny in Prag. Er stammt noch aus der Zeit der österreichischen Monarchie. Lena Schäfferling, die bei dem tschechischen Verein Antikomplex ein Freiwilliges Jahr absolviert, führt die Damen und Herren zu einer Gedenkeinrichtung, die in dem Bahnhof entstehen soll. Antikomplex haben tschechische Studenten gegründet, um einen »sinnvollen Dialog über die eigene Vergangenheit« zu beginnen, wie es auf der Webseite heißt. Der Verein bietet Seminare für Lehrer an der deutsch-tschechischen Grenze an, gibt Bücher heraus und erstellt Ausstellungen wie »Das verschwundene Sudetenland«, die an vielen Orten Tschechien gezeigt wurde. Er ist Mitorganisator des Versöhnungs-Wochenendes in Prag.
Eine Gedenkstätte soll am Bahnhof Bubny entstehen
Vom Bahnhof Bubny haben die Nationalsozialisten rund 50000 Juden in die KZ abtransportiert. Danach wurden von hier aus Deutsche vertrieben, erzählt Lena Schäfferling. Ein Denkmal erinnert bereits an die Transporte: Eisenbahnschienen, die zwanzig Meter hoch in den Himmel ragen.
Die Nonprofit-Organisation Memorial Shoah Praha will in naher Zukunft den ganzen Bahnhof in ein modernes Zentrum für zeitgenössische Geschichte umbauen, »Memorial of Silence«, Gedenkstätte der Stille, soll es heißen. Der Verein hat den Bahnhof für 50 Jahre gepachtet. Man kann Mitglied werden, um das Projekt zu unterstützen. Es zeige, dass »man die Ereignisse vor und nach dem Krieg nicht trennen kann«, sagt Lena Schäfferling.
Antikomplex und Memorial Shoah Praha sind zwei Beispiele, die zeigen, wie junge Tschechen heute mit dem Drama ihres Landes umgehen: Durch Information, Gedenken und Anteilnahme auch an dem Leiden der Deutschen. Ein weiteres ist die »Brünner Erklärung«, mit der im vergangenen Jahr der Stadtrat von Brünn die Vertreibung der Deutschen bedauert hat. Und auch das Projekt Versöhnung 2016 in Prag zeigt, wie trotz der Vertreibung Verständigung wieder möglich wird.
Junge Tschechin initiiert Versöhnungs-Wochenende
Initiiert hat es die 29-jährige Vlad’ka Vojtíšková, die bei einem Studienaufenthalt in Dresden Kontakt zu Vertriebenen aufnahm und dann auf die Idee zu dem Versöhnungswochenende kam. »Wenn man sie trifft, ist man betroffen«, sagt die junge Frau über die Sudetendeutschen. Bei der katholischen Ackermann-Gemeinde, die 1946 entstand und sich seither für die Versöhnung von Deutschen, Tschechen und Slowaken einsetzt, stieß sie auf offene Ohren. Als sich fast doppelt so viele Deutsche wie geplant für das Wochenende in Prag meldeten, half eine Spendenkampagne im Internet: Tschechische Bürger gaben in drei Wochen 70 000 Kronen, erzählt Eva Engelhardt von der Prager Ackermann-Gemeinde. Das reichte. Die Sudetendeutschen waren gerührt. »Wir sind sehr bewegt, dass wir eingeladen worden sind«, sagte im deutsch-tschechischen Gottesdienst in der St.-Anthonius-Kirche der mitgereiste Pfarrer aus der Münchner Ackermann-Gemeinde.
Die Verständigung gelingt über Gespräche und auch über die Kultur. Am Abend vorher hatten die Sudetendeutschen ein Konzert mit einem Stück gehört, das eigens aus diesem Anlass von Eliška Cílková komponiert worden war. Der tschechische Kulturminister Daniel Herman, dessen Familie sowohl vom Holocaust wie von der Vertreibung betroffen war und der die Schirmherrschaft für das Treffen übernommen hatte, sagte: »Vor 26 Jahren hat sich ein Raum der Freiheit geöffnet, es ist unsere gemeinsame Aufgabe, ihn zu füllen, positiv und konstruktiv. Dieser Abend geht in die richtige Richtung.« Zum Versöhnungstreffen gehörte außerdem eine Podiumsdiskussion in Prag, und zwei Sudetendeutsche waren zu Gast bei tschechischen Schülern.
»Es sind Dinge im Aufbruch, das ist ermutigend«
Es gibt derzeit viele Begegnungen zwischen Deutschen und Tschechen. Sogar zwischen den früheren und heutigen Bewohnern der Häuser im Sudetenland. Die vom Verein Antikomplex erstellte Ausstellung »Unter einem Dach«, die bei dem Treffen in Prag eröffnet wurde, stellt sieben Beispiele vor. Deutsche wie Tschechen erzählten vor Ort, wie sie sich kennenlernten. Der frühere Prager Werner Honal meint: »Es sind Dinge im Aufbruch, das ist ermutigend«.
Die Deutschen sind beeindruckt davon, dass vor allem junge Tschechen die Versöhnung voranbringen und dadurch an jahrzehntealte Tabus in ihrem Land rühren. Es sei vor allem die Generation der 25- bis 35-Jährigen, sagt Vlad’ka Vojtíšková, die sich heute engagiere: »Sie fragen nach«, berichtet sie, denn es fehlt auch an Wissen, in der Schule sei über die Vertreibung der Deutschen nicht geredet worden. Inzwischen ist das Interesse der Schulen am Thema »sehr groß«, berichtet Eva Engelhardt von der Prager Ackermann-Gemeinde.
Streit in der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Befördert wird der Prozess der Versöhnung auch von einer Mehrheit in der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Ihre Forderung nach einer »Restitution oder gleichwertigen Entschädigung« des Eigentums hat sie mit mehrheitlichem Beschluss 2015 aus ihrer Satzung gestrichen. Allerdings entzündete sich darüber ein heftiger Streit im Verband.
Nach einer erfolgreichen Klage gegen die Entscheidung wurde sie in diesem Jahr bei der Sudentendeutschen Bundesversammlung noch einmal bestätigt. 51 Delegierte stimmten zu, 19 waren dagegen. Doch auch dieser Beschluss wird wieder angefochten, berichtet der Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft, Christoph Lippert. Er rechnet zwar nicht damit, dass die Gegner erneut vor Gericht Erfolg haben werden – beim ersten Mal stellte das Gericht Verfahrensfehler fest – aber falls doch, so Lippert, »dann beschließen wir es noch einmal«. Der Verband unterstütze die Versöhnung.
»Was konnten die Kinder dafür?«
Vlad’ka Vojtíšková findet es wichtig, über das Vergangene zu sprechen, nicht nur um die alten Wunden zu heilen, denn es gehe auch um eine friedliche Zukunft: »In allen Nationen gibt es Tendenzen zu Nationalismus und Grausamkeit«, sagt sie. Das Besondere an ihrer Haltung und der vieler jungen Tschechen ist, dass sie nicht auf die Verbrechen der Nationalsozialisten zeigen, um die Untaten ihrer eigenen Landsleute zu entschuldigen. Die Deutschen habe man nicht »kollektiv« bestrafen dürfen, meint Vlad’ka Vojtíšková: »Was konnten die Kinder dafür?«
Sie trifft damit ins Herz eines Europas, in dem Ressentiments gegenüber Minderheiten und Nationalismus wieder stark zunehmen. Die jungen Tschechen setzen dagegen ihre Bereitschaft zur Verständigung. Und senden damit ein hoffnungsvolles Signal an die Welt.
