Eine schockierende Nachricht
Ein Gericht in Al-Qalyubiyya habe das Verschieben am Mittwochabend beschlossen, heißt es im Fernseher. Wesentliche Voraussetzungen für die Wahl am 23. Mai 2012 seien nicht erfüllt. So müsse zuerst eine Verfassung verabschiedet werden, die unter anderem die Befugnisse eines neuen Präsidenten bestimme. Wenige Stunden später wird dementiert: Der Militärrat verkündet, dass die Präsidentschaftswahlen stattfinden werden - Urteil hin, Urteil her.
Der ständige Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist für die Ägypter zermürbend. Man weiß nie, ob die Nachricht vom Morgen am Abend noch gültig ist. Von einer Minute zur anderen ist das Misstrauen da - jeder gegen jeden.
Dass die Wahlen stattfinden, ist für das Klima im Land wichtig. Viele hoffen, dass danach eine Phase der Ruhe kommt, in der sich Ägypten auch wirtschaftlich wieder aufrichten kann. An den Wahlen hängt vieles, fast alles.
Abdel Halim Hafez, der arabische Frank Sinatra, singt von Liebes- und Lebensleid
Am Vorabend des Nachrichtenschocks, dem schnell das Dementi des Militärrats folgt, sind wir unterwegs in Kairo. Alles erscheint uns so entspannt, zum ersten Mal können wir uns ein wenig wie Touristen fühlen. Unsere Gesprächspartner haben abgesagt: Mohamed Beshir ein junger Blogger, muss Geld verdienen und sitzt an der Schlussproduktion eines kleinen Magazins. Asmaa Mahfouz, eine Jungpolitikerin und Aktivistin der ersten Stunde, meldet sich am Telefon nicht mehr. Dann also Kairo am Abend.
In den kleinen Gassen der Stadt haben sich Mini-Cafes gewaltige Schwangerenbäuche zugelegt. Bis in die Straßenmitte reichen Plastikstühle und kleine Tische. Es wird gespielt, gequatscht und geraucht. Aus einem Eckladen tönt laute Musik. Abdel Halim Hafez, der arabische Frank Sinatra, singt von Liebes- und Lebensleid. Die schmachtende Musik lullt ein wie der Rauch der Wasserpfeife. Man trinkt Tee, Zitronensaft mit Minze oder pappsüßen arabischen Mokka. Ein Straßenhund legt sich zu unserer Runde. Auch er hat genug von einem hektischen Tag. Keine Gespräche mehr über Politik, keine Debatten über den Stand der Revolution und all die Aufgaben, die noch vor den Ägyptern liegen. Nur rauchen und schauen. Und sich über das friedliche Gebrabbel an den Nachbartischen freuen. Wenn Kairo zur Ruhe kommt, scheint in den Straßencafes das Trennende zu schwinden. »Das Leben ist schwierig. Ja. Packen wir es morgen wieder an«, scheinen die Menschen zu sagen. Jetzt zählt erst einmal der heiße Tee. Und nur der Tee. Denn schon am nächsten Tag kann alles ganz anders sein...
