Eine Stadt wird grün
Im Büro von Werner Neumann, dem Leiter des Energiereferates der Stadt Frankfurt, hängt eine handschriftliche Skizze an der Wand, ein Papier, übersät mit Begriffen und Pfeilen. Es muss ein großes Projekt sein, das dort abgebildet ist, mit etlichen Akteuren und vielen Bausteinen, die alle irgendwie zusammenhängen. Der Plan zeigt, wie Frankfurt bis zum Jahr 2050 zu einer wirklichen »Green City« werden könnte, die sich fast nur noch mit umweltfreundlich erzeugter Energie versorgt. Beim Blick auf die Skizze wird jedem klar: Das ist keine leichte Aufgabe.
Die hessische Großstadt mit 700 000 Einwohnern, die tagsüber mit den Berufspendlern zur Millionenmetropole wird, ist eine von 19 Kommunen in Deutschland, die den vom Bundesumweltministerium ausgeschriebenen Förderpreis »Masterplan 100 % Klimaschutz« gewonnen haben. Sie sollen die Energiewende vor Ort beispielhaft vorantreiben. Bis 2050 werden sie versuchen, die Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Vier Jahre läuft die Förderung. Frankfurt bekommt dafür 800 000 Euro.
Generationenprojekt für Frankfurt
Es ist ein Generationenprojekt, das die Frankfurter in diesen Tagen starten. Der umweltfreundliche Umbau einer kompletten Stadt. Das Energiereferat, das seit zwei Jahrzehnten maßgeblich daran mitwirkt, die Kommune sauberer zu machen, ist dabei die Denkfabrik, die Skizze in Neumanns Büro ein möglicher Fahrplan. Bis 2014 muss die Stadt eine ausgearbeitete »Road-Map« abliefern und darin aufzeigen, wie der Umbau zur CO2-freien Stadt erfolgen soll.
Doch wie fängt man an mit der Wende solchen Ausmaßes? Zunächst gehe es darum »Keimzellen«, »Trittsteine« anzulegen, um die Veränderung in einzelnen Stadtteilen beispielhaft auszuprobieren, sagt der Leiter des Energiereferats.
Man könne kein »durchgehendes Klimaschutzgebiet auf einmal schaffen«, aber schon Teile, »die hinterher zusammenwachsen«, meint der Fachmann und spricht vom Ausbau des in Teilen der Stadt bereits bestehenden Fernwärmenetzes. 250 Blockheizkraftwerke in der Stadt erzeugen schon jetzt warmes Wasser, das in die Häuser geschickt wird. Aber lassen sich die Hausbesitzer in ganzen Stadtteilen davon überzeugen, auf eigene Heizkessel zu verzichten? Und werden sie rechtzeitig informiert werden, wann sie Fernwärme bekommen könnten, damit sie sich nicht gerade jetzt noch einen neuen Kessel anschaffen? Stadtplanung, Energieversorger, Politik, Bürger, es müssen viele zusammenspielen, wenn die Energiewende gelingen soll.
Der Energieverbrauch könnte um die Hälfte sinken
Wie kann der Rückgang des Energieverbrauchs organisiert werden? Immerhin soll er gegenüber heute um die Hälfte reduziert werden – ohne dass jemand im Kalten sitzen muss. Zigtausende Hausbesitzer müssten davon überzeugt werden, in Dämmung und Lüftung, also Elemente von Passivhäusern, zu investieren.
Wie lässt sich der Verkehr verringern? Neumann spricht vom Ausbau der »Nahmobilität« und nennt als eine Idee, »Bakfietsen« in den Stadtteilen einzusetzen: mietbare kleine Transportfahrräder mit großen Kästen, die fürs Einkaufen oder den Kindertransport geeignet sind, zum Teil gibt es das schon in Frankfurt. Gefahren werden soll künftig mit umweltfreundlich hergestelltem Strom. Laster könnten mit Gas fahren, das dann auch umweltfreundlich erzeugt werden würde. Nicht benötigter Strom soll künftig in Methangas, »Windgas«, umgewandelt werden, das kann wiederum in Blockheizkraftwerken oder Fahrzeugen verbrannt werden. Rund ein Viertel seiner benötigten Energie könnte Frankfurt künftig selbst erzeugen, vor allem aus Solarenergie, schätzt Neumann. Ein weiteres Viertel müsste die Stadt aus der Region importieren, vor allem Windenergie. Wenn die Hälfte der heute noch benötigten Energie eingespart und damit nicht mehr gebraucht wird, müsste das ausreichen.
Die Energiewende erfordert Gemeinschaftssinn
Strom, Wärme, Mobilität: Die Veränderung soll umfassend sein. Und dabei geht es nicht nur um technische Fragen. Die Energiewende wird den Alltag verändern und auch die Lebensweise der Menschen. »Warum heißt die Kommune Kommune?«, fragt Werner Neumann, »weil sie sich gemeinschaftlich organisiert«. Auch das sei Teil der Wende. Die Menschen werden mehr Dinge gemeinsam nutzen, statt sich alles selbst anzuschaffen. Sie werden mehr mit dem Fahrrad, dem öffentlichen Nahverkehr oder gemieteten Auto unterwegs sein, als mit dem eigenen PKW. Die Energiewende erfordert Gemeinschaftssinn, auch beim Heizen und der Energieerzeugung. Die Entwicklung dorthin ist bereits in vollem Gange. Und unter Umständen bewirkt das Umdenken auch Verzicht auf Verschwendung. »Darf es ein bisschen weniger sein?« Das ist auch ein heimliches Motto der Energiewende.
Frankfurt hat schon ein gutes Stück vom Weg zur umweltfreundlichen Stadt zurückgelegt. Auch wenn sie mit ihrer Bewerbung für die Europäische Umwelthauptstadt 2014 keinen Erfolg hatte – zum Zug kam Kopenhagen – in vielen Bereichen ist sie weit vorne im Umweltschutz. Sie gilt als deutsche Passivhauptstadt. 2007 hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, dass die städtischen Gebäude künftig im Passivhausstandard errichtet werden. Vor allem die Wohnungsbaugesellschaft der Kommune, die ABG Holding, investiert seit Jahren in diese umweltfreundliche Bautechnik, inzwischen existieren über 300 000 Quadratmeter Nutzfläche in Passivhäusern, damit steht Frankfurt weltweit mit an der Spitze.
Bis 2030 soll der halbe Weg zurückgelegt sein
Als Mitglied des Klimabündnisses europäischer Städte hat sich die Stadt verpflichtet, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 pro Einwohner um die Hälfte gegenüber 1990 zu senken. Das Hochbauamt betreibt mit einer eigenen Abteilung ein Energiemanagement für alle städtischen Gebäude und hat den Energie- und Wasserverbrauch seither um mehr als 30 Prozent senken können. In Modellprojekten wurde gezeigt, wie auch denkmalgeschützte Gebäude energetisch optimal saniert werden können. Beim Verein »Energiepunkt Frankfurt« beraten Handwerker und Energieberater Hausbesitzer bei Modernisierungen. Das Energiereferat unterstützt Firmen bei der Einführung eines Umweltmanagementsystems. Im Rahmen des Projektes Lokale Energie Initiative Frankfurt (LEIF) hat die Stadt 2008 ein Energie- und Klimaschutzkonzept erstellt. Mehr als 200 Personen aus allen gesellschaftlichen Kreisen, Unternehmen, Politik und Verbände wurden dabei beteiligt. Ähnlich will man beim Projekt »100 % Klimaschutz« vorgehen. 2010 erreichte Frankfurt hinter Freiburg den zweiten Platz beim Wettbewerb Bundeshauptstadt Klimaschutz. Der Energieversorger Mainova unterstützt die städtischen Bemühungen im Umweltschutz.
Die nötige Sensibilität im Umgang mit der Natur will die Stadt auch an die Jugend vermitteln. Frankfurt ist zum dritten Mal Stadt der UN-Dekade »Bildung zur nachhaltigen Entwicklung« geworden. Einzigartig in Deutschland ist das Förderprogramm für Stromeinsparung für Haushalt, Gewerbe, Kirchen und Vereine.
Emissionen gehen langsam zurück
Die CO2 Emissionen in der Stadt sind in der Vergangenheit leicht gesunken. Pro Einwohner ging der Ausstoß zwischen 1995 und 2008 von 12,9 Tonnen auf 11, 8 Tonnen zurück, insgesamt sanken die Emissionen von 8,4 Millionen Tonnen CO2 auf 7,9 Millionen Tonnen, trotz einer leichten Zunahme der Bevölkerung. Einbezogen ist darin mit 230.000 Tonnen CO2 auch der Energieverbrauch des Flughafens, der quasi eine kleine Stadt in der Stadt ist. Insgesamt ist der CO2-Ausstoß aber immer noch erschreckend hoch. Der Wert zeigt, dass noch einiges zu tun bleibt und die Energiewende nicht von selber gelingt, in keiner der 19 Kommunen im Projekt »Masterplan 100 % Klimaschutz«. Bis Werner Neumanns Skizze Wirklichkeit wird, ist es noch ein weiter Weg.
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