Energiewende: Aufgabe für eine Generation
Wer nach Vorbildern für die Energiewende sucht, muss zur Caritas gehen. Der katholische Sozialverband hat begriffen, dass auch arme Menschen Strom und Geld sparen können, wenn sie richtig beraten werden. Die Aktion »Stromsparcheck.de« berät Hartz-IV-Bezieher, wie sie ihre Stromrechnung reduzieren - um bis zu hundert Euro im Jahr.
So geht Energiewende - und nicht mit dem Gejammer, das derzeit durchs Land schwappt. Noch vor einem Jahr, kurz nach den Super-GAU von Fukushima und dem folgenden Super-GAU für die CDU in Baden-Württemberg, gab es nur noch Atom-Aussteiger und Energie-Wendehälse.
Jetzt dominieren wieder die Pessimisten. Für sie ist die Energiewende zu teuer, schlecht geplant - und eigentlich nicht mehr so dringend. »Strom muss für alle bezahlbar bleiben«, sorgt sich die Besserverdiener-Partei FDP plötzlich um die Armen. Bundespräsident Joachim Gauck warnt vor einem »Übermaß an Subventionen«, und Angela Merkel kanzelte ihren Umweltminister Norbert Röttgen mit der Begründung ab, die Energiewende brauche »neuen Schwung«.
Operation am offenen Herzen der Gesellschaft
Das ist nicht falsch. Denn die Energiewende geht jetzt erst richtig los. Der Umbau des Energiesystems eines führenden Industrielandes ist eine Aufgabe für mindestens eine Generation und eine Operation am offenen Herzen der Gesellschaft. Und Deutschland hat im letzten Jahr vieles erreicht, was als unmöglich galt: Auf einen Schlag wurden sieben Atomkraftwerke stillgelegt, ohne dass die Lichter ausgingen. Die Klima-Emissionen sind gesunken, obwohl mehr Kohle verbrannt wurde.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien liegt weit über allen Planungen, der Preis an der Strombörse sinkt dadurch immer weiter. Gebannt schauen vor allem Schwellenländer wie China zu, ob den Deutschen der doppelte Ausstieg aus Kohle und Atom gelingt und ob sie den Wachstumsmarkt der grünen Technologie besetzen.
Die Macht der großen Energiekonzerne E.on, RWE, EnBW und Vattenfall ist geschrumpft, weil ihre Gegner auch zu Machern geworden sind: Stadtwerke und Bürgerwindparks gewinnen immer mehr Kunden, Hausbesitzer produzieren Strom auf ihren Dächern. Inzwischen haben sich siebzig Regionen im Land mit acht Millionen Einwohnern zu »100 Prozent eeRegionen« erklärt: Sie wollen sich vollständig mit erneuerbaren Energien aus der Region versorgen.
In Berlin wollen die Bürger ihr Stromnetz zurückkaufen. Auch wenn immer von milliardenschweren Investitionen und Big Business die Rede ist: Die Energiewende ist bislang eine Sache der kleinen Leute. Und deren Stimme soll gehört werden. Der neue »Netzentwicklungsplan« sieht eine umfassende Bürgerbeteiligung vor, wenn neue Stromleitungen gebaut werden.
Es knirscht an vielen Stellen
Also alles eitel Sonnenschein? Keineswegs. In der Energiewende knirscht es an vielen Stellen: Noch ist nicht klar, wie die neuen Windparks im Meer angeschlossen werden, welche Stromtrassen gebraucht werden und wo der Strom gespeichert werden kann. Noch suchen wir nach einer neuen Finanzierung, die die Zukunft von Wind, Biomasse und Solar bei niedrigeren Preisen garantiert. Noch kalkulieren wir, wie die Stromversorgung bei Flaute und Wolken sicherzustellen ist, ohne alte Kohlemeiler anzuwerfen.
Noch gibt es keine zentrale Stelle in der Bundesregierung, die diese Fragen klärt. Aber die Konflikte zeigen: Die Energiezukunft hat begonnen. Niemand kann erwarten, dass milliardenschwere Konzerne ihre Märkte freiwillig aufgeben. Sie kämpfen mit politischem Druck, publizistischer Hilfe und juristischen Drohgebärden um ihre Profite.
Die Energiewende ist kein Ponyhof. Deshalb müssen sich alle, denen ein neues Zeitalter der erneuerbaren Energien am Herzen liegt, auf lange, harte Kämpfe einstellen. Sie haben gute Argumente.
Es hakt oft an Stellen, die die lautstarken Kritiker von heute selbst zu verantworten haben: Den Trassenbedarf und den Ausbau der Erneuerbaren haben die Stromkonzerne seit Jahren verschlafen; den Strompreis für die Haushalte treibt die Regierung nach oben, weil sie Unternehmen von den Öko-Zahlungen ausnimmt; in Brüssel verhindert sie Fortschritte bei der Energieeffizienz, die Strom und Geld sparen würde. Und: Hundert Milliarden Euro Subventionen über zwanzig Jahre sind eine Menge Geld. Aber für Kohle und Atom hat Deutschland in der Vergangenheit das Siebenfache bezahlt.
Die Energiewende kann jeder selber machen
Die Energiewende hat einen großen Vorteil: Man kann sie selber machen. Ohne dreißig Jahre Vorarbeit von Ingenieuren, Öko-Tüftlern und engagierten Bürgern hätte es die Chance auf einen Regimewechsel bei der Energie nie gegeben.
Jetzt rechnet es sich für immer mehr Haushalte, ihren Strom vom Dach zu holen und dem Stromkonzern zu kündigen. Wer seine alte Heizungspumpe austauscht oder sein Haus gut dämmt, kann schnell viel Geld und Kohlendioxid sparen. Zumindest bei jungen Leute in Städten geht der Trend weg vom eigenen Auto. Und wer nicht ökologisch denkt, den überzeugt vielleicht der Gedanke ans Portemonnaie: Beteiligungen an Bürgerwindparks in Bayern etwa garantieren Renditen von sieben Prozent. Eine bessere Geldanlage wird man in Zeiten der Euro-Angst kaum finden.
