Erdbeben während der Herzoperation
Die Menschen versammeln sich vielfach, um gemeinsam zu beten, sich Halt zu geben und neuen Mut zu fassen. »Manchmal denke ich den ganzen Tag nur in Gebeten«, berichtet der junge Akash. Er verlor bei dem zweiten Beben seine jüngere Schwester. Seine Eltern und er befinden sich nun in einem Zeltlager und verbringen den Tag damit, Neuankömmlinge zu versorgen und zu trösten. »Wir geben uns hier gegenseitig Halt«, sagen sie. Trotzdem ist der Schmerz über den Verlust der Schwester und Tochter unermesslich. Darunter mischt sich auch Wut: »Wir haben unser Leben lang gearbeitet und waren redliche Menschen. Nun haben wir bei dem Erdbeben unsere Tochter und unser Haus verloren«, berichtet Sandesh, der Vater von Akash. Trotzdem hat die kleine Familie beschlossen, nicht den Mut zu verlieren und auch anderen Betroffenen zu helfen. Das sieht Sandesh als seine Pflicht an.
Einen normalen Alltag gibt es nicht
Einen normalen Alltag gibt es in diesen Tagen kaum irgendwo. Oftmals bestimmen lediglich die Tageszeiten und die Nachbeben den Lebensrhythmus. Ansonsten wird der Schutt eingestürzter Häuser und Gebäude abgetragen, Leichen geborgen, Schäden begutachtet und lebensnotwendige Güter verteilt. Verwundete werden zu Ärzten gebracht, die vielfach, auch unter Einsatz ihres eigenen Lebens, zu helfen versuchen.
So berichtet der in Kathmandu stationierte Arzt Ramchandra davon, wie er während einer lebensnotwendigen Herzoperation, die er mit seinem Helferteam in einem stehengebliebenen Krankenhaus durchführte, von einem Nachbeben überrascht wurde. »Unser Krankenhaus mit fünf Stockwerken begann zu beben. Es war schwierig für uns, auf den Beinen zu bleiben, die ganzen Monitore und Geräte wackelten. Mein Patient wäre beinahe von der Liege gefallen«, berichtet er.
»Zwei von uns hielten ihn fest, während ich versuchte, den Patienten zu stabilisieren. Da hörten wir von der Etage über uns ein lautes metallenes Krachen. Ich dachte, das wäre der letzte Tag meines Lebens. Ich blickte auf die offene Wunde meines Patienten und sah, wie das Herz schlug. Und es schlug auch kräftig weiter, nachdem die Herz-Lungen-Maschine abgeschaltet wurde. Das Beben wurde schwächer, einige von uns sanken auf den Boden und beteten. Manche begannen zu weinen, nachdem ein weiteres heftiges Schwanken unser Gebäude erfasste. Niemand wagte es, den OP-Saal zu verlassen; dies hätte bedeutet, den Patienten zurückzulassen. Erst über eine Stunde später, nachdem wir den Patienten auf die Intensivstation gebracht hatten, atmete ich auf. Seine Familie dankte mir Stunden später mit Tränen in den Augen und ich wusste wieder, warum ich Arzt geworden bin.«
Das Urvertrauen geht verloren, wenn die Erde bebt
Wenn der Boden unter den Füßen plötzlich ins Schwanken gerät, wird das Urvertrauen erheblich erschüttert. Und in die Trauer und den Schmerz über verstorbene Angehörige und verlorenes Eigentum mischt sich eine immer größer werdende Angst. Angst vor Nachbeben, vor weiteren Schicksalsschlägen, vor der ungewissen Zukunft.
Im Internet kursieren bereits Anleitungen zum richtigen Umgang mit der Angst. Das Modell »How to cope like a boss« etwa beschreibt in vier Schritten, wie zunächst die Gefühle von Unsicherheit und Angst im Körper und im Innern erahnt und dann »aufgespürt« werden, um darauf mit ruhigem Atmen und positivem Selbstgespräch zu reagieren. Im vierten Schritt wird empfohlen, auf andere Menschen zuzugehen, um sich gegenseitig zu helfen.
Online wird auch vielfach die Verteilung von Zelten, Decken, Lebensmitteln, Hubschraubern, sowie die Stationierung von Ärzten und Helfern koordiniert. Darüber hinaus entschloss sich Berichten zufolge T-Mobile dazu, die Kosten für Telefonate und SMS in die Erdbebenregion und von dort bis zum 31. Mai zu erstatten, um die Kommunikation unter Familienmitgliedern und Freunden zu erleichtern.
Güte und Mitgefühl
Viele Menschen in den Katastrophengebieten zeigen trotz aller Verzweiflung Güte, Mitgefühl und großen Mut. Menschen wie der Arzt Ramchandra sind es, die jetzt vor Ort gebraucht werden. Doch auch aus Deutschland kann Nepal unterstützt werden. So schrieb mir Mahesh, ein Trekking Führer aus Nepal und derzeitiger freiwilliger Helfer im Krisengebiet: »Wir brauchen Entwicklungsperspektiven. Nicht nur eine kurz aufflammende Spendenbreitschaft.« So wünscht Mahesh sich Unternehmen, die langfristig mit IT-Spezialisten aus Nepal zusammenarbeiten, Bürgermeister, die zerstörte Städte in Nepal als Partnerstädte »adoptieren«, Musiker und Bands, die unter dem Motto »I am with Nepal« Konzerte veranstalten, und Cricket-/ Fußballveranstaltungen in Nepal. (Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite)
Seine größte Angst sei eine mögliche Abnahme der Anteilnahme und rückläufige Zahlen von Nepal-Urlaubern. »Wir brauchen die Touristen in Zukunft mehr, denn je.«, meint Mahesh und »Nepal darf nicht ins Abseits geraten und zu einem Ort werden, der gemieden wird.«
Nun stehen jedoch erst einmal andere Herausforderungen an. Die notleidende Bevölkerung braucht Rückhalt und Unterstützung, eine mögliche Seuchengefahr muss gebannt werden, in Kinderheimen ist mit einer Flut neuer Waisenkinder zu rechnen und die Menschen werden viel Zeit brauchen, um die vielen Verluste zu verarbeiten und das ins Wanken geratene Urvertrauen wieder herzustellen.
